Blaue Nächte

Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion hat kurz hintereinander ihren Mann und ihre Tochter verloren – und um ihr Leben geschrieben: Über Verlust, Schmerz und was es heißt, Mutter zu sein.

Wenn man Joan Didions Texte liest, ist es, als würde man auf Zehenspitzen über einen zugefrorenen, mit wunderschönen Haien gefüllten Teich laufen. Man blickt nach unten und betet, dass das Eis hält. Sie zu treffen, ist eine ähnliche Erfahrung.

Beim Öffnen der Tür zu ihrem höhlenartigen Apartment in der Upper East Side murmelt sie ein monotones „Hallo“, ohne mir die Hand zu reichen. „Da ist Wasser in Flaschen“, sagt sie und macht eine Handbewegung in Richtung eines übergroßen Sub-Zero-Kühlschranks in ihrer übergroßen Küche. Sie trägt einen ausgeblichenen weißen Rockanzug, der aus den groben Seidenvorhängen in ihrem alten Haus in Brentwood gefertigt wurde. Sie ist 76, sieht aber älter aus. Sie hatte immer etwas Vogelartiges, ist 1,57 m klein und dünn wie Draht, aber noch nie sah sie so gebrechlich aus. Die Adern ihrer Arme sehen aus wie durchsichtige Flusssysteme. Ihr Gesicht wirkt ausgelaugt, unnachgiebig. „Sie spricht es nicht aus“, sagt ihre Agentin und Freundin Lynn Nesbit, aber „der Schmerz ist in ihr Gesicht geschrieben.“

Es stimmt: Didion dazu zu bringen, über ihre Gefühle zu sprechen, ist hoffnungslos — dieses Eis ist dicker, als es aussieht. Didion, die vielleicht beste lebende amerikanische Essayistin und wahrscheinlich auch die einflussreichste, hat schon immer betont, dass sie erst dann weiß, was sie denkt, wenn sie es aufschreibt. Im Verlauf der letzten zehn Jahre hat sie mehr über ihr eigenes Leben aufgeschrieben als je zuvor. Wenn man etwas über ihre Erziehung erfahren möchte, muss man Where I was From lesen; ein Buch über die Selbsttäuschung ihrer kalifornischen Vorfahren, die Pioniere waren. Wenn man wissen möchte, wie nahe ihr 2003 der plötzliche Tod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, ging, kann man Das Jahr magischen Denkens lesen, ihren kargen, aber aufrichtigen Bericht über emotionale Entwurzelung. Und wer herausfinden möchte, wie sie sich zwei Jahre später, nach dem sich endlos hinziehenden Tod ihrer Adoptivtochter Quintana Roo, fühlt, kann ihre neuen Memoiren Blaue Stunden bestellen.

Nachdem sie den Schmerz anderer über Jahrzehnte hinweg seziert hat, richtet Didion das Skalpell in den letzten Jahren gegen sich selbst. Diese introvertierte späte Phase ist ähnlich kohärent und aufschlussreich wie die Philip Roths. Die Essayistin hat schon immer mit ihrer persönlichen Geschichte gearbeitet (sie hat einst ihre eigene psychologische Evaluation abgedruckt), aber in ihren frühen Jahren hatte sie persönliche Geständnisse nur vorgetäuscht, um Beobachtungen über die Welt als Ganzes anzustellen. In den letzten Jahren, angefangen mit Where I was From, das die Geschichte Kaliforniens als ihre eigene Geschichte darstellt, hat sie das Köderprinzip umgekehrt: Sie schreibt nun über jene, die ihr nahe waren, um sich endlich selbst der Öffentlichkeit zu zeigen.

„Schreiben heißt immer Ausverkauf und Verrat“, schrieb Didion am Anfang ihrer ersten Essay-Sammlung, der 1968 veröffentlichten Stunde der Bestie. Diese Warnung, die berüchtigterweise später in den Texten von Didions Zeitgenossin Janet Malcolm wiederhallt, ist ein Ausdruck von Skrupellosigkeit verpackt als Geständnis: Sie schickt keine Rechtfertigung vorweg, sondern gibt eine ehrgeizige, gar nihilistischen Absicht preis. Wir verstehen Memoiren, vor allem Trauer-Memoiren, als weiche Kunst, eine, die den Schriftsteller zwangsläufig vermenschlicht. Und Didion, die Memoirenschreiberin, ist schmerzhaft menschlich — herzkrank, verletzlich und ehrlich, was ihre Ängste angeht. Aber sie ist auch erbarmungslos wie eh und je, wenn sie die Konstrukte zerstört, die sie gebaut hat, um sich und ihre Familie zu schützen. Wenn sie mit Blaue Stunden jemanden verrät, dann ist dieser jemand Joan Didion.

In dem Buch geht es um viele Dinge: psychische Krankheiten, das Schicksal und unser übergroßes Vertrauen in die moderne Medizin. Aber es ist vor allem eine Abrechnung Didions mit ihren eigenen Defiziten als Mutter. Quintana starb nur sechs Wochen vor der Veröffentlichung von Das Jahr magischen Denkens nach einem Leben voller Leiden und einer schier endlosen Serie von Krankheiten (Lungenentzündung, septischer Schock, Lungenembolie, Hirnblutungen), immer begleitet von emotionalen Schwierigkeiten, bei denen sich Didion fragt, ob sie nicht eine Mitverantwortung für sie trägt. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand sich für eine gute Mutter hält“, sagt Didion zu mir. „Wenn Leute sich für gute Eltern halten, sollten sie noch einmal genau nachdenken.“

In Blaue Stunden wird Quintanas zu kurzes, unruhiges Leben mit Didions eigenem körperlichen Verfall verwoben. Der Titel, erklärt sie, rühre von den Dämmerungen, die in nördlichen Breiten im frühen Sommer so typisch seien und die den unheimlichen Eindruck vermittelten, dass es nie dunkel werde. „Ich ertappte mich dabei, wie ich mehr und mehr über Krankheit nachdachte, über das Ende des Versprechens, das Verschwinden der Tage, die Unabwendbarkeit der Vergänglichkeit, das Sterben der Helligkeit. Blaue Nächte sind das Gegenteil vom Sterben der Helligkeit, aber sie warnen auch davor“, schreibt sie. Und später: „Ich hatte nicht mehr Angst zu sterben, falls ich die jemals gehabt habe: Ich hatte jetzt Angst, nicht zu sterben.“

Ihr Buch Das Jahr magischen Denkens verwandelte Didion. Sie sieht heute aus wie der unwahrscheinlichste Selbsthilfe-Guru der Welt. Sie sitzt auf einem weiß überzogenen Zweiersofa vor dem Kamin in ihrem Wohnzimmer, das über zwei Stockwerke geht und in dem vor Jahren ihr Ehemann gestorben ist. Sie spricht widerwillig, in plötzlichen Crescendos, begleitet von einem nervösen Lachen. Auf einem riesigen Kaffeetisch zwischen uns sind ordentlich Bücher aller Größen aufgestellt — viele von ihnen seien ungelesen, sagt sie mir. Überall um uns herum — auf Regalen, Kaminsimsen und Kommoden, entlang des Flurs, der zu zwei Arbeitszimmern und zwei Schlafzimmern führt — stapeln sich Fotos von größtenteils verstorbenen Familienmitgliedern. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich ein Messie bin, aber es sieht ganz danach aus“, sagt sie und führt mich in der ordentlich aufgeräumten Wohnung herum. „Alles hier ist ein Durcheinander.“

Das Jahr magischen Denkens war bei weitem das erfolgreichste Buch ihrer fast ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere: eine Million mal wurde es verkauft und machte seine Autorin zu einer Person des öffentlichen Lebens. Mehr noch: zu einer Art literarischer Heiligen. Didion war nicht länger nur der Liebling einer kleinen Subkultur, sondern eine bekannte Schriftstellerin, die von Buchklubs umworben und in Flughafenbuchhandlungen geführt wurde. „Der Erfolg war ein verwirrender Schock“, sagt sie, „vor allem die Menschenmengen. Menschen hielten mich auf Flughäfen an und erzählten mir, was das Buch für sie bewirkt hatte. Ich hatte keine Ahnung; ich hatte nicht den Eindruck, irgendetwas bewirkt zu haben.“ Wenn das passiert, „entferne ich mich von ihnen, schalte ab“, erzählt sie mir. „Ich will bewusst keine Mentorin sein. Aus diesem Grund habe ich es nie gemocht, zu unterrichten.“

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Dennoch ging sie viel auf Lesereise. „Ich habe mir versprochen, nicht still zu stehen“, schreibt sie emotionslos in Blaue Stunden über eine Trauerphase, die sie mit Ablenkungen füllte. Sie ließ sich von Scott Rudin dazu überreden, Magisches Denken als Theaterstück zu adaptieren, bei dem der britische Dramatiker David Hare Regie führen sollte. Vanessa Redgrave war der Star der Aufführung. Kritiker beschwerten sich später, dass Redgrave viel zu groß und schrill gewesen wäre, um Didion zu spielen, die weniger als 40 Kilo wog. Die Crew baute hinter der Bühne immer einen Tisch auf, den sie Café Didion nannten, um zu gewährleisten, dass sie täglich aß.

Und Didion arbeitete unermüdlich weiter. Sie schrieb Drehbücher, wie sie es oft mit ihrem Mann gemacht hatte: Für einen Film über Katharine Graham, die ehemalige Verlegerin der Washington Post und eine Adaption ihres Romans Nach dem Sturm. Auch für die New York Review of Books schrieb sie: eine heftige Kritik an Dick Cheney und einen Essay, in dem sie, zur Frage, ob es richtig war, die Komapatientin Terri Schiavo sterben zu lassen, des Teufels Advokat gibt — ein Essay, über den sie sagt, sie habe ihn unabhängig von Quintanas Erfahrungen im Krankenhaus verfasst.

Sie traf sich weiterhin ein paar Mal pro Woche mit Freunden, wie sie es auch heute noch macht. Ein paar von ihnen bestanden darauf, dass Didion Urlaub nehmen sollte. Schließlich war sie in ihren Siebzigern, hatte gerade ihre beiden engsten Familienmitglieder verloren und dann auf erstaunlich öffentliche Weise mit diesem Verlust gerungen. Eines Tages, während das Theaterstück aufgeführt wurde, bemerkte sie Gürtelrose an sich. Ein Arzt sagte, sie würde sich dem „Altern nicht hinreichend anpassen.“ Sie verbesserte ihn: sie passe sich dem Altern gar nicht an. Statt Urlaub zu nehmen, begann sie, über ein anderes, noch schmerzhafteres Projekt nachzudenken.

„Ich wollte in Magisches Denken weniger geschliffen schreiben und ich dachte, ich hätte das geschafft, bis ich damit fertig war“, sagt Didion. „Und dann wurde mir klar, dass es genauso fein geschliffen war wie alles, was ich immer geschrieben hatte.“

In Blaue Nächte schlug sie einen raueren, härteren Ton an — das Buch wurde letzten Endes sogar noch rauer als ursprünglich geplant war. „Ich wollte es abstrakter gestalten, als es dann tatsächlich geworden ist, es sollte nicht konkret um Quintana gehen“, sagt sie. „Es sollte sehr viel weniger persönlich sein.“ Stattdessen hat sie das persönlichste, herzzerreißendste Buch ihres Lebens geschrieben. Magisches Denken, nicht gerade ein heiteres Werk, habe sich von selbst geschrieben. „Das hier hat sich nicht von selbst geschrieben.“

Didion war schon immer für den schillernden Schimmer ihres Schreibens bekannt — als Kind hatte sie Seiten aus Hemingways In einem anderen Land abgetippt — und die scheinbare Lässigkeit ihrer Prosa hat die Leser lange Zeit gespalten. Der Kritiker John Lahr warf Didion vor, dass ihr Schreiben vor allem dazu diene, ihrer Verlorenheit Ausdruck zu verleihen, das er einprägsam als „den Brentwood-Blues“ bezeichnete. „Sie schwelgt in ihrer Verzweiflung und macht etwas Elegantes aus ihr“, schrieb er. „Sie sollte den Puls der Menschen messen, doch misst Didion letztendlich ihre eigene Temperatur. Narzissmus ist das Nebenprodukt von Konservatismus.“

Und doch verdankt Didion ihr Ansehen mehr als nur ihrem solipsistischen Stil. Sie ist auch eine Wahrsagerin, immer am Puls der Zeit und oft ihrer Zeit voraus. Didion verdankt es ihrem Alter — sie ist ein paar Jahre vor den Baby-Boomern geboren und damit jung genug, um sie zu erkennen und alt genug, um sie klar zu sehen —, dass sie Karriere als Kanarienvogel im amerikanischen Kohlebergwerk machen konnte. In den sechziger Jahren erkannte sie lange vor Woodstock die Gefahren der amerikanischen Gegenkultur. Schon in den Neunzigern begann sie die flache Polarisation vorauszusehen, die heute die amerikanische Politik dominiert. In den Nullerjahren stellte sie die Schmerzen des Witwendaseins anatomisch genau dar, noch vor ihren alternden Zeitgenossinnen wie Joyce Carol Oates. Heute warnt sie in Blaue Stunden vor der falschen Bequemlichkeit der Helikopter-Eltern und vor moderner Medizin.

Jedes mal macht sie die Geschichte zu ihrer eigenen — geschickt verbindet sie persönliches Unwohlsein mit sozialer Aufruhr, eine Technik, die von Tausenden von Essayisten nachgeahmt wurde. Manchmal jedoch ist es schwierig zu sagen, welche ihrer Geständnisse wahr sind und welche sie wegen des literarischen Effekts einbaut, ob man ihren Beobachtungen trauen kann oder sie als stilistische Eigenarten lesen sollte. Ihre klinisch-distanzierten Enthüllungen können sich wie ein Ausweichen anfühlen, die den Leser genauso gut von der nackten Wahrheit wegführen kann wie zu ihr hin.

Im persönlichen Gespräch mit mir erkennt Didion an, dass die gelegentlich harte Kritik an ihr durchaus gerechtfertigt sei. Sie gibt zu, dass es ihrem Schreiben an Empathie und sogar menschlicher Neugier mangele. „Ich interessiere mich nicht allzu sehr für Menschen“, sagt sie. „Ich erkenne diesen Zug an mir — es gibt da eine grundsätzliche Gleichgültigkeit gegenüber Menschen.“

Aber es gibt eine Kritik, die sie immer noch in Rage bringt, selbst Jahrzehnte später. In dem Essay Only Disconnect von 1980 bezeichnete die Journalistin Barbara Harrison sie als eine „neurasthenische Cher“, deren Stil „eine Tasche voller Tricks“ und deren „Thema immer sie selbst“ wäre. Das war aber nicht das Schlimmste: „Ich werde ganz sicher nicht eine Person wohlwollend betrachten“, schrieb Harrison weiter, „die sich entschlossen hat, ihrer Tochter den Namen Quintana Roo aufzubürden.“ Als man sie 25 Jahre später fragte, ob sie das Gefühl habe, Magisches Denken sei vor Kritikern sicher, antwortete Didion: „Nicht, wenn der Name meiner Tochter nicht vor Kritikern sicher ist.“

Es ist eine vielsagende Narbe. Seit Beginn ihrer Karriere war ihre Familie das geheime Herz von Didions Werk, das empathische Zentrum dieses ansonsten frostigen moralischen Universums. Kritiker mögen Didion vorwerfen, dass es ihr an Gefühl für ihre Figuren mangele, aber ihre Wertschätzung für Blutsverwandtschaften haucht allen ihren Texten über die soziale Unordnung der 68er-Generation Leben ein. Didion wählte den Titel Die Stunde der Bestie in Anlehnung an Yeats‘ apokalyptisches Gedicht Die Wiederkunft, in dem es heißt, dass „das Zentrum keinen Halt geben kann“. Das wahre Zentrum, das keinen Halt mehr geben konnte, war für sie die Familie — sie hatte das Gefühl, dass die Familie auf dem Altar der universellen Liebe und der Selbstverwirklichung geopfert wurde. Keine von Didions Szenen drückt das besser aus als der Einstieg in den Titelessay von Die Stunde der Bestie: Ein vernachlässigtes dreijähriges Hippie-Kind, das gerade seinen Arm in einem Feuer verbrannt hat, wird dabei erwischt, wie es an einem Stromkabel kaut.

Der wirkliche Motor dieser Szene, gibt Didion nun zu, war Quintana, die sie selbst zu vernachlässigen fürchtete. „Ich habe sie allein gelassen, während ich in San Francisco war“, sagt sie. „Ich ging an den Wochenenden nach Hause nach Los Angeles und sie drehte ihr Gesicht weg, wenn ich ihr einen Kuss geben wollte, weil ich für eine Woche weggewesen war. Ich hatte also das sehr starke Gefühl, als Mutter zu scheitern.“ In ihrem liberalen Aufschrei On Morality kritisiert Didion die Tendenz von sozialen Bewegungen, „unsere privaten Schuldgefühle mit öffentlichen Initiativen zu lindern.“ Sie machte sich nicht nur Sorgen um die amerikanische Familie, sondern um ihre eigene.

Blaue Stunden beschreibt die Warnzeichen von Quintanas beginnender Instabilität, die ein Arzt einmal als Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hat. „Es begann“, glaubt Didion jetzt, „als sie sehr jung war, vielleicht nicht lange, nachdem sie als Säugling adoptiert worden war.“ (Didion und Dunne hatten zwei Jahre lang vergeblich versucht, gemeinsam ein Kind zu zeugen.) Als Kleinkind erzählte Quintana von einem „kaputten Mann“, der sie in ihren Albträumen verfolge. Als sie fünf war, rief sie Camarillo an, die Nervenheilanstalt, die angeblich Hotel California inspiriert hat, um zu fragen, was sie machen solle, wenn sie verrückt werden würde — eine Geschichte, die, wie Didion betont, wirklich stimme und nicht nur ein Familienmythos sei. Als Quintana Windpocken bekam, teilte sie ihren Eltern kühl mit: „Ich habe gerade gemerkt, dass ich Krebs habe.“

Im Alter von 14 Jahren setzte sie ihre Eltern darüber in Kenntnis, dass sie einen Roman geschrieben habe, „nur um’s euch zu zeigen“: Es ging unter anderem um ein Mädchen namens Quintana, das schwanger wird. Ihre Eltern „sagten, sie würden sich um die Abtreibung kümmern, aber danach kümmerten sie sich überhaupt nicht mehr um sie… Ihr Vater war gereizt, was aber zeigte, dass ihr einziges Kind ihnen wichtig war. Jetzt war es ihnen völlig egal.“

Didion wollte schon immer Schriftstellerin werden. So wie Tom Wolfe und Susan Sontag wuchs sie mit der Überzeugung auf, nur auf der Erde gelandet zu sein, um Literatur zu verfassen; und es sind ihre Romane, in denen sie am meisten reflektiert und von sich offenbart. Normalerweise taucht in ihnen eine distanzierte Frau auf, die intelligent und undurchschaubar ist und einen fatalistischen Zug hat. Fast ausnahmslos hat sie eine schwierige Tochter.

In Spiel dein Spiel schreibt sie über eine Vierjährige, die wegen „einer anormalen Chemikalie in ihrem Gehirn“ behandelt wird. In Wie die Vögel unter dem Himmel findet sich eine gebrochene Frau in einer fiktiven Bananenrepublik wieder. Sie träumt davon, mit ihrer Tochter wiedervereint zu werden, einer flüchtigen Linksradikalen („Es ging darum, dass die eigenen Kinder erwachsen werden“, wird Didion nun klar. „Quintana kam in dieses Alter.“). Inez Victor, die Mutter in Demokratie, das veröffentlicht wurde, als Quintana 18 war, hat die allzu bekannte „Fähigkeit des passiven Abkapselns“, aber im Verlauf des Romans wird sie zum Handeln gezwungen, als ihre Tochter Jessie kurz vor der Evakuation der Amerikaner 1975 in Vietnam eben dorthin flieht. Eines Nachts entdeckt Inez ihre Tochter auf dem Bett und findet die Nadel ihrer Heroinspritze im Snoopy-Mülleimer. „Lass mich sterben und das hinter mich bringen“, sagt Jessie. „Lass mich einfach in der Erde sein und einschlafen.“

„Lass mich einfach in der Erde sein und einschlafen“, so wird Quintana im Teenageralter ein paar Mal in Blaue Stunden zitiert. Oder vielmehr wird sie einmal zitiert, als sie depressiv auf dem Boden ihres Hauses in Brentwood liegt. Didion eignete sich die Zeile für Demokratie an und verwertete sie dann noch einmal in Blaue Stunden; immer wieder wird der Satz im Buch wiederholt, wie ein Mantra der Selbstgeißelung.

Es ist unklar, wann genau Quintana angefangen hat, „quecksilbrige Gemütsschwankungen“ zu zeigen, wie Didion sie nennt, oder wann sie das erste Mal Depressionen hatte, wann die Alkoholprobleme anfingen. Es ist ebenfalls unklar, auch in Didions Erinnerungen, ob sie und Dunne etwas damit zu tun hatten. Obwohl sie sich darüber in Blaue Stunden den Kopf zerbricht, scheint Didion sich nicht entscheiden zu können, ob sie Quintana als Mutter zu sehr verhätschelt hat — „Ich erzog sie wie eine Puppe.“ — oder ob sie zu kühl war — „Haben wir verlangt, dass sie sich wie eine Erwachsene verhält?“ Einmal hat sie das Thema Erziehung gegenüber der erwachsenen Quintana angesprochen. Ihre Tochter hat sie beruhigt, mehr oder weniger: „Ich glaube, du warst eine gute Mutter, aber vielleicht ein bisschen distanziert.“

Während Didion Quintana gegenüber distanziert war, war sie dem dritten Familienmitglied, ihrem Mann John Gregory Dunne, verzehrend nah. In beiden Memoiren ist die zentrale, unumstößliche Prämisse die Idylle von John und Joans Ehe — eine Utopie, in die die Skeptikerin Didion all ihren Glauben gesteckt hat. „Sie waren immer zusammen“, fasst es ihr alter Freund Calvin Trillin zusammen. „Sie konnten gegenseitig ihre Sätze beenden.“ Wenn sie zusammen an Drehbüchern arbeiteten, machten sie genau das. Mit Panik im Needle Park starteten sie eine lukrative Karriere, die sie in die exklusive Gesellschaft der Hollywoodstars einführte, hohe Gehaltschecks einbrachte und zu den bestbezahlten Drehbuchautoren in Hollywood machte. In dieser Konstellation, wie auch in anderen, war Joan zwar die größere Schriftstellerin, aber die schwächere Gesellschafterin — sie war Beobachterin. „Mir hat es mehr als John gefallen, am Set zu sein“, sagt Didion, „denn da konnte ich einfach sitzen und andere Leute um mich herum Sachen machen lassen. Ich konnte einfach zuschauen.“

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Quintana hat nicht immer in dieses Zweier-Universum gepasst; manchmal muss sie sich wie die ungeschickte Auszubildende in einer eleganten Traumfabrik gefühlt haben. Susan Traylor, Quintanas beste Freundin seit Sandkastenzeiten, beneidete früher die Struktur von Quintanas Elternhaus — aber Quintana beneidete Traylor um ihre Freiheit. „Es machte sie früher verrückt, dass ihre Eltern alles so im Griff hatten“, sagt Traylor. Sie erinnert sich an eine Autofahrt zur Schule mit Dunne und Quintana: Quintana zeigte ihm eine Hausarbeit, die sie abgeben wollte. Er fragte sie, ob sie sie schon Didion zum Korrekturlesen gegeben habe. Als sie verneinte, warf er die Arbeit aus dem Fenster. Es gibt eine Spiegelung dieses Moments in Blaue Stunden, als Didion ein Tagebuch von Quintana entdeckt — in dem Quintana sich über ihre „gegenwärtige Angst vorm Leben“ auslässt — und sie sich dabei ertappt, wie sie es Korrektur liest. „Es vergeht eine beachtliche Zeit, bis ich merke, dass meine Fokussierung darauf, welche Worte sie verwendet hat, es mir unmöglich macht zu registrieren, was sie sagt.“

Quintana besuchte das College in Bennington, das Didion auch ursprünglich besuchen wollte (sie hat stattdessen in Berkeley studiert). „Ich glaube der einzige Grund, warum sie da zwei Jahre geblieben ist“, sagt Didion, „war, dass sie beim Gedanken an einen Studienortwechsel sofort depressiv wurde.“ Als sie Quintana spät in ihrem zweiten Studienjahr besuchte, wusste Didion sofort, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und überzeugte sie, nach Barnard zu wechseln, wo ihre Stimmung sich auch tatsächlich merkbar verbesserte. Aber es gab neben vielen Höhen auch immer wieder Tiefpunkte. „Da ging etwas in ihrem Kopf vor“, sagt mir Didion. „Es ging mehr in ihrem Kopf vor, als mir bewusst war.“

Mit Anfang Dreißig schien Quintana, die Dinge in den Griff zu bekommen. Sie war eine vielversprechende Fotografin — ihre nachdenklichen Landschaftsbilder sind überall in Didions Apartment verteilt — und Fotoredakteurin bei Elle Decor. Sie sprach täglich mit ihrer Mutter über „das, was sie bei der Arbeit machte“, sagt Didion, „warum sie so wütend war auf Soundso, und warum es ihr unnötig schien, auf Soundso wütend zu sein.“ Soundso war oft Dunne. „Sie haben sich über alles Mögliche gestritten“, sagt Didion. „Die haben nur gestritten.“ Sie fügt hinzu, dass es mit den Streitereien selbst dann nicht besser geworden sei, als Quintana ausgezogen war. Es sei sogar noch schlimmer geworden.

Dann, an einem Samstag im Jahr 1998, bekam Quintana ein Päckchen von ihrer leiblichen Schwester, die sie nie kennengelernt hatte. Sie flog nach Dallas, um auch den Rest der Familie zu treffen. (Didion hatte die Namen von Quintanas biologischen Eltern zufällig herausgefunden und schrieb, dass es ihr davor gegraut habe, dass sie Quintana jemals treffen würden.) Ihre leibliche Mutter begann, Quintana ständig anzurufen, und störte sie damit bei ihrer Arbeit. Quintana versuchte, den Kontakt für eine Weile abzubrechen, aber ihre leibliche Mutter reagierte über und meldete ihr Telefon ab. Bald darauf nahm ihr leiblicher Vater mit ihr Kontakt auf. Er schrieb, „was für eine lange merkwürdige Reise das war.“ Quintana antwortete mit einem Satz, der später zum lustigsten in Blaue Stunden werden sollte. „Zu allem Überfluss“, sagte sie tränenüberströmt, „muss mein Vater auch noch ein Deadhead sein.“ (Als ‚Deadheads‘ werden die Fans der Band Grateful Dead bezeichnet. Ein Album der Band trägt den Titel What a long strange trip it’s been. Anm. d. Red.)

Didion vertieft das, was folgen sollte, weder im persönlichen Gespräch noch im Buch. („Schauen Sie sich doch nur mal die Dicke des Buches an“, sagt sie jetzt, „natürlich habe ich Sachen ausgelassen.“) Dunnes Neffe Griffin sagt, dass das Treffen mit der leiblichen Familie eine enorme Wirkung auf Quintana ausgeübt habe, und keine gute. Ihre neuen Verwandten „hatten ziemlich viele Probleme, und Quintana dachte sich: ‘Das ist auch meine DNA; bin ich mehr wie sie oder wie meine Eltern?‘ Das war der Beginn eines echten emotionalen Kampfes.“

„Weil sie Depressionen und Ängste hatte, trank sie zu viel“, schreibt Didion in Blaue Stunden. „Das lief unter der Bezeichnung Selbstbehandlung. Alkohol mag als Medizin gegen Depressionen seine Mängel haben, aber niemand hat je auch nur angedeutet – fragen Sie jeden Arzt –, dass er nicht das wirksamste bekannte Mittel gegen Angstzustände ist.“

Irgendwann wurde es unmöglich herauszufinden, ob die Depressionen den Alkoholmissbrauch hervorriefen oder umgekehrt. Ein Freund der Familie nannte es „alkoholische Persönlichkeitsstörung.“ „War sie krank oder selbstzerstörerisch?“, fragt er. „Oder verdeckte der selbstzerstörerische Teil den kranken Teil? Es ist eine Huhn-oder-Ei-Frage, und als Mutter will man das so lösen, dass man sieht, dass sie ihr Potenzial ausschöpft.“

Als sie nicht weiter wusste, begann Didion, einen Therapeuten aufzusuchen. „Ich glaube, dass sie sehr interessiert daran war, herauszufinden, wie sie besser mit Quintana kommunizieren kann“, sagt eine Freundin. Die Sitzungen halfen ihr einzusehen, dass sie ihre erwachsene Tochter wie ein Kind behandelt hatte. Das sind Gedanken, die direkt in Blaue Stunden einfließen: „Sie war bereits ein Mensch. Ich konnte mir nie leisten, das zu sehen.“ Im Gespräch formuliert sie zugespitzt: „Ich habe Quintana wie ein Baby und nicht wie ein menschliches Wesen behandelt.“

Ihr wurde auch klar, dass sie sich selbst auf dieselbe Weise behandelt haben könnte — sie sträubte sich dagegen, die Erwachsene in der Familie zu spielen. „Eine ihrer größten Ängste“, schreibt sie über Quintana und projiziert so vielleicht ihre eigenen Sorgen in sie hinein, „war, dass John bald sterben würde und niemand außer ihr sich mehr um mich kümmern könnte.“ Aber schrittweise begann Didion, sicherer und reflektierter zu werden; ihr Therapeut und vor allem der Tod ihrer Mutter 2001 brachten sie dazu, die Probleme mit ihrer Tochter anzugehen.

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Es ist wenig überraschend, dass das erste Zeichen dieser Kehrtwende in einem Essay zu finden ist. Where I was From riss den kalifornischen Pioniermythos in Stücke, der ihr emotionales Leben geformt und so viel von ihrer Arbeit angetrieben hatte. „Dieses Buch war ihr sehr wichtig“, sagt ihr Freund Christopher Dickey, „allerdings wurde es nicht besonders wahrgenommen. Die Leute haben es nicht verstanden. Meine Frau und ich haben es beide verschlungen und meine Frau, die sehr sensibel ist und Joan auch sehr nahesteht, sagte: ‘Hier geht es wirklich um Quintana… Sie war sozusagen Slouching Towards Quintana.‘ (Anspielung auf ihren Essayband Slouching Towards Bethlehem; ‘to slouch’ bedeutet ‘latschen’, Anm. d. Red.)“

Gegen Ende des Buchs spaziert Didion mit ihrer Mutter und Quintana durch eine wiederaufgebaute Ecke von Old Sacramento. Quintana ist fünf oder sechs Jahre alt und Didion will ihr dort die Wurzeln ihrer Familie erklären. Aber dann stellt sie fest: „Quintana war adoptiert. Die Geister auf diesem hölzernen Bürgersteig waren gar nicht Quintanas Verantwortung“. Sie schreibt weiter: „Eigentlich hatte ich keine größere Verbindung zu diesem hölzernen Bürgersteig als Quintana: er war bloß ein Thema, ein dekorativer Effekt. Nur Quintana war echt.“

Sowohl Das Jahr magischen Denkens als auch Blaue Stunden sind offenbar Trauermemoiren, aber sie sind in Didions bekanntem unnahbaren Ton verfasst. Das wirkt auf merkwürdige Art passend: Ihre Kühle spielt mit den sentimentalen Exzessen des Genres und erlaubt es ihr, argumentative Diskussionen zu vermeiden und in endlosen, auf der Wiederholung schmerzhafter Fakten aufbauende Träumereien zu schwelgen. Didion war immer schon in ihren Sachbüchern als Person präsent, wenn auch letztlich nur zurückgezogen (und sich zurückziehend). Damit konnte sie, stellvertretend für Leser, ihre Verwirrung angesichts des Chaos im Leben ausdrücken. In Magisches Denken und vor allem Blaue Stunden gibt sie ihren eigenen Unwillen, Schlüsse zu ziehen, als die ultimative Form von Ehrlichkeit auf. Das Ergebnis ist ein zutiefst persönliches Buch, das sich aber merkwürdig passiv anfühlt: Blaue Stunden transportiert viel Halb-Bedauern, aber nie das Gefühl, dass die Dinge hätten anders laufen können.

Im Juli 2003, zwei Monate vor der Veröffentlichung von Where I Was From, heiratete Quintana einen älteren Musiker namens Gerry Michael. Die Beschreibung der Hochzeit in der St. John the Divine Kirche steht am Anfang von Blaue Stunden. Es sollte, auch wenn Didion das nicht sagt, das Ende von Quintanas depressiver Phase und den Anfang des stabilen, nüchternen Teils ihres Lebens einläuten.

Fünf Monate später wurde Quintana mit einer Grippe und 39,4 °C Fieber ins Krankenhaus gebracht. Im Lauf der nächsten Tage bekam sie eine Lungenentzündung, dann einen septischen Schock. Sie überlebte eine 50-50 Chance zu sterben, musste aber auf der Intensivstation bleiben. Am 30. Dezember war Dunne völlig verzweifelt, unter Tränen erzählte er Freunden von der Qual. Er konnte es nicht wahrhaben, dass sich aus einer Grippe so etwas entwickelt hatte. Als Lynn Nesbitt über gemeinsame Freunde erfuhr, dass etwas Schreckliches geschehen war, war sie sich sicher, dass Quintana gestorben war. Natürlich war es nicht Quintana. Es war Dunne, der tot umgefallen war, während Didion ihm einen Salat zum Abendessen machte.

Man musste Quintana drei Mal sagen, dass ihr Vater gestorben war — zweimal im Januar, als sie immer wieder ihr Bewusstsein verlor, und noch einmal im kommenden Frühling im UCLA Medical Center. Die Familie hielt schließlich am 23. März 2004 eine Trauerfeier für Dunne ab, ebenfalls in der St. John the Divine Kirche. Zwei Tage später flog Quintana mit ihrem Mann nach Kalifornien — „um ihr Leben neu zu beginnen“, wie Didion in Magisches Denken schreibt. Als Didion sich verabschiedete, schien Quintana unruhig. Als sie dann den Flughafen in Los Angeles verließ, brach Quintana mit einer Gehirnblutung zusammen. Nach einem weiteren Monat voller Ungewissheit im Krankenhaus war sie teilweise gelähmt. Nachdem sie sich wieder erholt hatte, zog sie sich im späten Frühling 2005 eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung zu. Sie starb am 26. August.

Den Ereignissen haftet etwas Mysteriöses an — ein Mysterium, das Didion schon in Magisches Denken behandelt hat und das sie bis heute nicht loslässt. War es möglich, wie ein weit verbreitetes Gerücht behauptet, dass Quintana auf dem Flug nach L. A. getrunken hatte? Wurde ihr Zusammenbruch davon herbeigeführt? Hatten die Depressionen und ihr Alkoholmissbrauch ihre Krankheiten verschlimmert? „Ich glaube schon, dass das zusammenhing“, sagt Susan Traylor zu mir. Brachte die Erschütterung von Quintanas Sturz die Blutgefäße in ihrem Gehirn zum Platzen oder war es umgekehrt? Ein Chirurg sagte Didion, dass sie zuerst hingefallen sei. Didion aber bestand stur darauf, dass sich das nie richtig aufklären ließe — als ob sie wollte, dass es so blieb, weil es bequemer war, mit der Unsicherheit zu leben. „Mir wurde klar, dass die Antwort auf diese Frage keinen Unterschied machen würde“, schrieb sie in Magisches Denken. „Es war passiert. Das war die neue Tatsache in meinem Leben.“

„Wie viele Regale voller Literatur widmen sich den Missverständnissen zwischen Vätern und Söhnen, und Müttern und Töchtern?“, fragt Dickey, der seine Erinnerungen an seinen eigenen Vater veröffentlicht hat und zu wissen glaubt, warum es so viel einfacher war, Magisches Denken zu schreiben. „Wenn du einen Partner hast, jemanden, den du liebst, der in deinem Alter ist, mit dem du arbeitest und Jahrzehnte lang zusammen bist, dann versteht man einander wirklich“, sagt er. „Dein Kind wird sich nie auf diese Weise verstehen lassen.“

Didion stimmt zu. „Ich glaube, ich kenne sie schon besser als alle anderen. Aber auch wenn ich sie kannte, kannte ich sie doch kaum“, sagt sie. „Ich hätte niemals ihre Biografie schreiben können.“

Was sie stattdessen geschrieben hat, ist eine Art Biografie von Joan Didion, wenn auch eine schwer fassbare. Wie ihre Romane ist das Buch eher Sammlung als Argumentation, an dessen Ende Quintana, die Erwachsene, das Rätsel bleibt, von dem Didion möchte, dass sie es bleibt. Didion selbst ist die Frau, die enthüllt wird. All ihre Ängste sind in dem Buch und auch der zentrale Widerspruch ihres Schreibens: die Angst, nicht zu wissen, überlagert von dem Gefühl des Grauens, doch zu wissen.

„Das Ziel des Buchs war, das alles aus meinem Kopf zu bekommen“, sagt Didion über Blaue Stunden. Aber nur einen Moment später widerspricht sie sich selbst, als sie sagt, dass sie alles „zurückholen“ wollte. Anne Roiphe, eine der Autorinnen, die Didion gefolgt ist und ein Buch über das Leben als Witwe verfasst hat, schrieb: „Ich werde oft traurig sein, aber nicht immer.“ Didion sagt, dass ihre Gefühle für Quintana ganz anders sind. „Ich werde immer traurig sein“, sagt sie.

„Ich glaube nicht, dass sie eine Masochistin ist“, sagt Dickey. „Aber wenn du intime, ehrliche Memoiren schreibst, dann glaubst du, dass es kathartisch sein wird — dass du sagen kannst, ‚Ich habe jetzt diese Erinnerung abgelegt, und jetzt kann ich weitermachen.’ Aber sehr oft funktioniert das einfach nicht so.“

Ich frage Didion, ob sie sich jetzt besser kennt. „Ja“, sagt sie. „Ich glaube nicht, dass es einen Wert hat, sich selbst besser zu kennen, aber ich glaube, ich tue das jetzt. Ich fühle mich nicht schlechter oder besser. Es ist einfach da.“

Boris Kachka lebt und arbeitet in New York, wo er für das New York Magazine meist sehr ausführliche Autorenporträts und Hintergrundgeschichten verfasst. Diese Geschichte ist dort im Oktober 2011 unter dem Titel „I Was No Longer Afraid to Die. I Was Now Afraid Not to Die.“ erschienen.

Übersetzung aus dem Englischen von Heidi Liedke.