Die Drama-Queen

Niemand bringt emotionales Chaos so auf die Leinwand wie Claire Danes. Beim Homeland-Star wird Schauspielen zum Extremsport.

Es ist ein schwüler Morgen im Juni und Tornadowarnungen flimmern über die Fernsehbildschirme in dem weitläufigen, namenlosen Gebäudekomplex aus roten Backsteinen. Das nummernlose Gebäude, das irgendwo in der Innenstadt von Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina liegt, dient dem Sender Showtime als Studio für das Politdrama Homeland. Während der sintflutartige Regen draußen den Verkehr auf den Highways zum Stillstand bringt, ist die Filmcrew von Homeland drinnen bereits um 8 Uhr morgens geduldig damit beschäftigt, ihren eigenen Sturm zu entfachen – für die erste Episode der heiß ersehnten dritten Staffel. In der Serie stehen sich die bipolare, unkontrollierbare CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) und ihr Verdächtiger, Seargent Nicholas Brody (Damian Lewis), gegenüber. Brody ist ein ehemaliger Scharfschütze der US-Marines, der in Gefangenschaft zum Schläfer für das Terrornetzwerk al-Qaida mutiert. Im Finale der zweiten Staffel haben die Charaktere „die schlimmste Terrorattacke seit 9/11 erlebt“. Bei einer Bombenexplosion vor dem Hauptgebäude der CIA haben über zweihundert Menschen ihr Leben verloren. Das emotionale Gewitter, das sich nun über die Protagonisten der Serie ergießen soll, entsteht in einem gigantischen Set aus Holz. Hier hat man die Wohnungen der zwei Protagonisten mit großer Liebe zum Detail ausgestaltet. Bis hin zur CD auf Carries Schreibtisch (The Temptations und John Coltranes Newport 63) passt jede Einzelheit.

Man muss sich hinter die beiden Monitore am Rand des Sets kauern, um sehen zu können, ob in dem weitläufigen Studio überhaupt gedreht wird. Auf den Bildschirmen ist Carrie zu sehen, die auf ihrer Couch sitzt und die Augen gebannt auf den Fernseher gerichtet hält. Sie verfolgt eine parlamentarische Anhörung zu dem Bombenattentat, in der ihr langjähriger Mentor Saul Berenson (Mandy Patinkin), der mittlerweile zum Leiter der CIA avanciert ist, systematisch fertiggemacht wird. Danes hat in der Szene keine Sprechrolle, doch als Berenson vom Modus selbstgerechter Verteidigung zur Suche nach einem Sündenbock übergeht – er prangert einen „psychisch labilen Agenten“ an – verwandelt sich ihre Mimik zum Barometer für Carries Innenleben. Staunende Ungläubigkeit, Trauer und Scham fahren in rasantem Wechsel über ihr Gesicht. Die Regisseurin Lesli Linka Glatter, ein aufgekratzter Wirbelwind in T-Shirt, Weste und Cargohose, steht so nah am Monitor, dass ihre Nase beinahe das Glas berührt. Ihr Kopf begleitet jeden Wechsel in Danes Mimik mit einer rollenden Bewegung; gerade so, als wolle sie Danes eigenhändig in jeden ihrer verstörenden Stimmungswechsel drängen. Als Carrie sich endlich mit einer Geste verzweifelten Unglaubens in das Sofa zurückfallen lässt, reißt Glatter ihre Arme hoch über den Kopf, als hätte Danes soeben ein Tor geschossen – was sie in gewisser Weise ja auch hat. „Schnitt! Das ist fantastisch!“, ruft Glatter, während Danes ihre Augen trocknet.

Nach vier Aufnahmen, vier Runden Hinkauern und vier unterschiedlichen Versionen von Carries Qual, erklärt Glatter sich zufrieden. Sie ist begeistert von der Bandbreite der Emotionen, die Danes gerade vor ihr entfaltet hat, und aus denen sie nun wählen kann. „Wir haben vorher darüber gesprochen, wie es laufen könnte“, erklärt sie. „Eine Möglichkeit, die Szene darzustellen, war Wut; die andere war eine Art enttäuschtes Vertrauen. Was mich betrifft, die Version mit der Träne – die hat mein Herz zerrissen. Aber ich habe keine Ahnung, wohin die uns führen wird.“ Glatter, die auch eine der ausführenden Produzenten der Show ist, fügt hinzu: „Ich komme eigentlich immer mit einem klaren Plan zum Set. Aber dann hast du auf einmal eine Schauspielerin, die völlig angstfrei ist, und du willst einfach rausfinden, wohin die Reise geht.“

In einem Halbkreis stehen elf Stühle um die Monitore herum. Auf einigen prangen in weißer Schrift die Namen von prominenten Mitgliedern der Filmcrew. Doch der Stuhl, der für die Emmy-Preisträgerin Danes gedacht ist, trägt lediglich die Aufschrift: ‚Carrie‘ – ein Zeichen, falls überhaupt noch eins notwendig sein sollte, dass die aufgewühlte, eigensinnige Agentin für die Anwesenden realer ist, als die 34-jährige Schauspielerin, die sie in den vergangenen 24 Episoden zum Leben erweckt hat. Danes, immer noch in Carries unaufdringlichem Outfit aus schwarzer Hose und weißem Hemd, eilt zügig vom Set und lässt sich in ihren Stuhl fallen. „Ich dachte eigentlich nicht, dass die Szene besonders emotional werden würde“, sagt sie. „Aber wenn man erst mal anfängt, sie zu spielen, ist der Schmerz irgendwie unvermeidbar. Ich kontrolliere so etwas nicht wirklich, während ich spiele. Ich überlasse es den anderen, danach auszuwählen, welche Version sie wollen.“

»Ihre Augen scheinen in fünf Richtungen gleichzeitig zu blicken. Es sieht aus, als ob ihr ganzes Gesicht Kaugummi kaut«

Obwohl Danes’ Verhalten am Set nichts Tyrannisches an sich hat – sie macht keinen Wirbel um sich selbst –, kann sie auf dem Bildschirm einen „Tsunami von Emotionen“ entfesseln. So beschreibt es etwa David Harewood, der in den ersten zwei Staffeln den unnachgiebigen stellvertretenden Direktor der CIA spielte. Egal ob in Extremsituationen oder außerhalb, ihr Körper strahlt pures Gefühl aus – oder, wie ein Mitglied von Saturday Night Live in einem Sketch von Anne Hathaway vor Kurzem gesagt hat: „Es ist, als ob sie ihren Mund von innen nach außen drehen würde. Ihre Augen scheinen in fünf Richtungen gleichzeitig zu blicken. Im Grunde sieht es so aus, als ob ihr ganzes Gesicht Kaugummi kaut.“ Über ihr Spiel von Carries manischen Zuständen in der dritten Staffel erzählt Danes mir: „Ich weiß gar nicht genau, wie es passiert, aber ich fange an zu zittern. Mein Körper lebt die Rolle einfach. Wenn das Schauspielen anfängt, sich so in den Körper einzuschreiben, macht das wirklich großen Spaß. Dabei ist das nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Es kommt mir selbst ein bisschen mysteriös vor.“ Man kann diese spontane Körperlichkeit, mit der Danes ihre Rollen spielt, zu einem großen Teil auf ihre frühe Tanzausbildung zurückführen, mit der sie bereits im Alter von sechs Jahren begann. „Tanzen ist eine Art Malerei“, sagt sie. „Ich interpretiere mit meinem Körper, was ich höre. Beim Schauspielen ist das auch so.“ Sie fügt hinzu: „Ich setze meinen Körper ziemlich oft dazu ein, Gefühle hervorzurufen. Wenn ich eine sehr emotionale Szene spielen muss, renne ich vorher oft im Kreis herum. Das hilft einem dabei, aus der eigenen Haut zu schlüpfen. Ich habe keine Probleme damit, meinen Körper zu benutzen.“

Danes wird oft vorgeworfen, dass ihre Darstellungen übertrieben seien. „Homeland ist die beste Metapher für die Zeit nach 9/11, die das Fernsehen bis heute gefunden hat. Carrie ist Amerika und Amerika ist eine verrückte, paranoide und aufgesetzte Blondine“, schrieb ein Kritiker über die erste Staffel von Homeland. Bei all dem muss man aber berücksichtigen, dass Menschen, die an psychologischen Störungen leiden, oft tatsächlich zur Melodramatik neigen. „Wir sind im realen Leben viel transparenter, als es uns klar ist“, sagt Danes. „Wir verraten unendlich viel mehr über uns, als wir denken.“ Über die letzten Jahrzehnte hinweg hat sie in ihren verschiedenen Rollen ein ganzes Spektrum unterschiedlicher psychischer Störungen erkundet. Vom Missbrauch durch den Ehepartner, Autismus und Paralyse bis hin zu Carries bipolarer Störung und Paranoia vor dem Erwachsenwerden. Als sie letztes Jahr in Harvard den Preis der‚Frau des Jahres‘ von der Theatergesellschaft Hasty Pudding Theatricals entgegennahm, machte sie Scherze über ihre Tendenz, Rollen zu übernehmen, die das Schauspielen in einen Extremsport verwandeln. „Ich versuche einfach, mir meinen Weg durch das DSM-V zu arbeiten – das diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen“, scherzte sie. „Also immer her damit. Gebt mir, was ihr an psychischen Störungen habt…“ Der ‚Hasty Pudding Roast‘, bei dem die Preisträger öffentliche Verspottung über sich ergehen lassen müssen, verlangte von Danes dann unter anderem, eingequetscht zwischen zwei stämmigen Dragqueens die Massachussetts Avenue hinunter zu ziehen, eine pseudo-shakespearsche Rede zu geben, in der sie ihren kurzen Auftritt in Die Vagina Monologe parodierte („Eine wütende Lesbe sein oder nicht sein“), und gegen einen schlaksigen ‚Virus‘ in einem Tanzwettbewerb anzutreten, der den Moonwalk vor ihr aufführte. Doch obwohl die Veranstaltung albern war, offenbarte sie mehr über Danes’ Persönlichkeit, als ihre Rollen es tun.

Claire Danes in "Homeland"

In ihrer Kunst kokettiert Danes mit den Abgründen der Seele, doch in ihrem Leben versprüht sie einen flippigen Charme und eine schnelle, spielerische Auffassungsgabe. Sie hat eine besondere Vorliebe für Wortwitze. Als sie das erste Mal zum Abendessen bei ihrer Freundin Jenette Kahn eingeladen war, brachte sie als Geschenk ein Stück maßgeschneiderte Unterwäsche mit. Die Produzentin des Films The Flock – Dunkle Triebe (2007), in dem Danes mit Richard Gere zusammen die Hauptrolle spielte, erhielt einen Slip, auf den ein Bild von Sigmund Freud gedruckt war. Das Geschenk war ein ‚Freudian slip‘. Als Patinkin vor Kurzem einen Hilferuf nach Danes berühmtem Rezept für Brathähnchen aussandte, erhielt er eine zwei Seiten lange Email mit einer forensischen Anleitung für die Zubereitung des Vogels, die mit dem Satz endete: „Ich hoffe, diese Email kommt noch in time (thyme).“ Als Danes im Juni ein Antiquitätengeschäft in Charlotte betrat, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, eine Zeitschaltuhr für Hamburger in der Form einer Hand zu kaufen – eine Hand-Burger-Uhr. „Ich habe noch nie einen Schauspieler gesehen, bei dem die Kluft zwischen der Darstellung und der realen Person so groß war“, sagt der Schriftsteller Michael Cunningham, der sich mit Danes 2004 während der Dreharbeiten zu seinem Drehbuch Evening anfreundete (2009 übernahm er eine offizielle Funktion bei ihrer Hochzeit mit dem englischen Schauspieler Hugh Dancy, den sie auf dem Set von Evening kennengelernt hatte). „Claires Lebensfreude ist real. Sie spielt nicht nur eine lebensfrohe Person.“ Eine der Einsichten ihres Erwachsenenlebens war laut Danes, „dass echte Würde darin liegen kann, ein totaler Spinner zu sein“.

„Das zentrale Mysterium, das Claire umweht“, sagt Cunningham, „ist die Frage: Woher kommt sie? Sie passt nicht in ihre Familie. Wenn man zwei Dutzend Leute im Alter von Danes Eltern in einem Raum versammeln und fragen würde: ‚Okay, wer sind die Danes?‘ – man könnte es nicht erraten.“

Danes’ Eltern, Chris und Carla, lernten sich während der frühen sechziger Jahre an der Rhode Island School of Design (RISD) kennen. Chris war dürr, bebrillt, witzig und hatte einen analytischen Verstand. Er studierte Maschinenbau und Biologie an der Brown Universität, bevor er an die Fakultät für Fotografie der RISD wechselte. Carla war ernsthaft, exzentrisch, impulsiv und gesprächig (einer von Danes’ Freunden nennt sie auch die „Königin der überflüssigen Informationen“). Beide waren Linksliberale, hatten als Freiwillige bei einem staatlichen Programm namens VISTA gearbeitet, das sich der Bekämpfung der Armut in den USA widmet, beide liebten das Abenteuer und hatten schwierige Kindheiten hinter sich. Chris’ Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Sein Vater, Gibson Danes, ein ehemaliger Dekan der Yale School of Art and Architecture, war zwar ein hoch angesehener Mann, blieb dabei aber immer kalt und distanziert. 1992 nahm er sich zusammen mit seiner dritten Ehefrau, der Künstlerin Ilse Getz, das Leben. Chris „hat sich irgendwie selbst großgezogen“, erzählt Carla mir. Sie selbst war die älteste von fünf Geschwistern und verbrachte ihre Kindheit damit, der Mutter bei den endlosen Konflikten mit ihren Geschwistern zu helfen.

Die Danes zogen 1969 nach New York. Zusammen mit einem anderen Paar, das sie von der Universität kannten, kauften sie wenige Jahre später ein siebenstöckiges Gebäude in der Crosby Street mitten in Soho. Um die Rechnungen zu bezahlen, mussten sie ihre künstlerischen Ambitionen zurückstellen. Chris wurde zum Bauunternehmer. Carla, eigentlich Modedesignerin und Malerin, eröffnete eine Kindertagesstätte, die sie die ‚Crosby Street Kindergruppe‘ nannte. „Für mich ging es lange Zeit im Grunde nur ums Überleben“, erzählt Chris. „Ich hing endlos lange am finanziellen Abgrund und habe erst vor kurzem realisiert, dass ich es mittlerweile geschafft habe und mich entspannen kann.“

Trotz allem bewahrten sich Danes Eltern eine verspielte Seite. Der 190 Quadratmeter große Loft in der Crosby Street, in dem die 1979 geborene Claire und ihr älterer Bruder Asa aufwuchsen, war unter anderem mit einem Trampolin, einem Trapez und einer Schaukel ausgestattet. Das Trapez war neben dem langgestreckten Küchentisch angebracht. Die Schaukel hing vor großformatigen Fenstern von der Wohnzimmerdecke herab. „Man fühlte sich, als könnte man einfach abheben und nach draußen auf die Lafayette Street fliegen“, erinnert sich Danes. Für ihre Kindertagesstätte stellte Carla eine große Box auf, die mit Reis gefüllt war und als Sandkasten diente. Daneben standen weitere Behältnisse mit Verkleidungen. „Es wurde viel Wert auf Kunst und Kreativität gelegt“, sagt Danes. Die Situation war jedoch auch in gewisser Hinsicht eine Wiederholung der Kindheit ihrer Mutter – Danes musste ihre Mutter und ihr Zuhause mit einem Haufen jüngerer Kinder teilen. „Man geht in dem ganzen Hin und Her etwas verloren“, erzählt sie.

Hinter der fröhlichen Fassade des Familienlebens verbarg sich eine unauflösbare Beklemmung. Chris und Carla wurden von dem Gefühl gequält, ihr volles Potential nicht verwirklicht zu haben. „Wir waren beide eigentlich klüger und kreativer“, sagt Carla. Die Danes vertraten die Meinung, sie müssten ihre Kinder als „unfertige Ebenbürtige“ behandeln. Danes machte sich diese Forderung nach Autonomie sehr früh zu eigen. „Ich habe Erwachsensein gespielt – eine kindliche Vorstellung davon, was es bedeutet, erwachsen zu sein. Ein bisschen zu streng, ein bisschen zu affektiert.“ Im Alter von drei Jahren forderte und erhielt Danes die Machtposition am Kopfende des Esstischs. Als sie vier Jahre alt war und ein böswilliger Haarschnitt sie mit einem Pony zurückließ, den sie nicht wollte, kam sie voller Wut zu ihrer Mutter. „Warum hast du das zugelassen? Das ist mein Körper!“, sagte sie. „Claire schien immer bereit zu sein, die Erwachsene zu spielen“, erzählt Carla. „Was immer sie machte, sie konnte es nie erwarten, den nächsten Schritt zu tun.“ Als Kind wurde Danes, wie sie es selbst ausdrückt, „elternifiziert“ – sie wurde eine Art Elternteil für ihre eigenen Eltern; eine Rolle, die sie wütend machte, die zugleich unmöglich und unwiderstehlich war. Sie beschreibt ihre Mutter als „sehr kindlich“ und fügt hinzu: „Sie war selbst darauf angewiesen, bemuttert zu werden.“ Ihr Vater, sagt sie, hat „alle Menschen, die jemals für ihn da waren, verloren. Jeder, der ihn kannte, wurde so etwas wie sein Beschützer. Ich wollte ihn von diesen fürchterlichen Gefühlen befreien.“ Danes trug noch eine weitere Bürde: Claire war der Name der verstorbenen Mutter ihres Vaters, an die er keinerlei Erinnerung mehr hatte. Seine Tochter Claire zu nennen, gibt Chris zu, war ein „großer Schritt“ für ihn. „‚Erlösung‘ wäre ein zu starkes Wort, doch es half mir in gewisser Hinsicht, der Spur einer Erinnerung nachzufühlen, die ich nicht hatte“, sagt er.

Danes, die „mit elf Jahren alleine mit der U-Bahn fuhr“, fühlte sich indessen manchmal schutzlos. „Ich glaube, heute zu verstehen, dass sie zu viel von mir und meinem Bruder verlangt haben. Sie bereuen es“, sagt sie. Während ihrer Kindheit hatte Danes wiederholt „Flirts mit dem Wahnsinn“. Furchteinflößende Visionen von Geistern und den verzerrten Fratzen von Wasserspeiern wuchsen plötzlich aus dem Duschkopf und dem Gebälk. „Das ging schon sehr in Richtung psychischer Zwangserkrankung“, erzählt sie. „Ich wusste, dass die Gestalten mich an sich reißen und zu einem schrecklichen Ort bringen würden.“ Für kurze Zeit suchte sie einen Psychiater auf. Später, als sie neunzehn Jahre alt und berühmt war, in ihrem eigenen Loft in Soho lebte (mit einer Schaukel, die von der Decke hing) und von ihrem ersten Ecstasy-Trip runterkam, wurde Danes erneut von den Abgesandten ihrer unterbewussten Aggressionen heimgesucht. „Es waren dieselben Wesen, nur kleiner“, sagt sie. „Und ich meinte nur zu ihnen: ‚Wirklich, Leute? Ihr seid immer noch hier? Ich bin jetzt erwachsen! Ich bin fertig mit euch.‘“

Danes entdeckte ihren Spaß an Verstellung im Alter von drei Jahren, als sie erfolgreich vortäuschte zu schlafen, obwohl sie in Wirklichkeit notorische Probleme damit hatte. „Ich hatte meine Mutter beim Schlafen beobachtet und bemerkt, dass sie dabei immer etwas zuckte“, sagt sie. „Deswegen habe ich so etwas Ähnliches dann auch gemacht. Es war eine ziemlich ausgefeilte Nachahmung. Das Gefühl des Simulierens war unglaublich toll.“ Als sie fünf Jahre alt war und gerade auf dem Bett ihrer Eltern sang und tanzte, während sie sich Madonna im Fernsehen anschaute, wurde ihr plötzlich klar, „dass so etwas ein Beruf sein konnte“, und entschied, dass sie genau das machen wollte. Im nächsten Jahr meldete sie sich für einen Tanztheaterkurs mit Ellen Robbins an und unterwarf sich einem harten Trainingsprogramm. Über zehn Jahre hinweg erhielt sie wöchentlich 90 Minuten Unterricht. Schon sehr früh fühlte Danes sich zu extremen Rollen hingezogen: Sie tanzte ein Schiffswrack, eine Motte, die von einer Flamme angezogen wird, und einen ‚Faulpelz‘, der einen enormen Sack auf dem Rücken trägt. „Sie war jemand, der ständig Risiken einging und mit aller Kraft improvisierte“, sagt Robbins.

Als sie ungefähr acht Jahre alt und völlig genervt von einem Jungen in ihrer Klasse war, stellte sie mit Erschrecken fest, wie viel Freude ihr die Rachefantasien bereiteten. „Können andere Menschen meine Gedanken lesen?“, fragte sie ihre Mutter. „Deine Einbildungskraft gehört dir. Du kannst damit machen, was immer du möchtest“, erwiderte Carla. Die Erkenntnis, dass „du ein guter Mensch sein und in deiner Fantasie trotzdem exzessiv grausame Taten ausleben kannst“, sagt Danes, war eine Art Befreiung. „Ich war so erleichtert.“

Ungefähr ein Jahr später tauchte ihr bester Freund Ariel Flavin in einem Film auf, den ein Doktorand der New York University produziert hatte. Danes, die „darauf brannte, die gleiche Erfahrung zu machen“, meldete sich freiwillig für das nächste Projekt des Studenten. Es handelte sich um Dreams of Love, einen Film über Kindesmissbrauch. (Für die Rolle hatte sie ein Vorsprechen bei Milos Forman, einem der ausführenden Produzenten des Filmes.) Danes fand, dass es „interessant war, darüber nachzudenken“, welche Wut, welchen Verlust und welche Verwirrung ein Mädchen bei der sexuellen Belästigung durch den eigenen Vater empfinden musste. In der Welt hinter dem Bildschirm fand sie einen Ort, an dem sie ihre verbotenen Gefühle ausleben konnte. „Ich fand es großartig, die Kamera zu entdecken. Sie war wie eine Vertraute“, erzählt sie. „Gesehen zu werden, ist einer der Hauptgründe, warum ich mich zum Schauspielen hingezogen fühle.“ Sie begann, sich ein Leben als Schauspielerin vorzustellen. „Irgendjemand erzählte mir, dass Schauspieler meistens nicht besonders viel Geld verdienen“, sagt sie. Wenn Leute sie fragten, was sie werden wolle, wenn sie erwachsen sei, antwortete sie: „Ich werde Therapeutin und will nebenbei schauspielern.“ Doch als sie zehn Jahre alt war, verkündete sie ihre Bestimmung offiziell am Esstisch: „Ich sagte: ‚Wisst ihr was? Geld hin oder her, ich muss meiner Kunst gerecht werden. Ich werde das Risiko eingehen. Es gibt keinen Plan B mehr. Ich werde Schauspielerin.‘“

Im Alter von zwölf und nach zwei Jahren am Lee Strasberg Institut, einer New Yorker Schauspielschule, wurde Danes eine Rolle in der Soap Liebe, Lüge, Leidenschaft angeboten. Sie lehnte ab. „Ich war ein formbarer, unfertiger Schauspieler. Ich wollte keine schlechten Gewohnheiten entwickeln.“ Dann, im September 1992, infolge eines Auftritts in der Serie Law and Order, wurde Danes nach Los Angeles eingeladen. Sie war eine von zwei jungen Schauspielerinnen, die für eine Serie über amerikanische Jugendliche vorsprechen sollten – die andere war Alicia Silverstone. Die Serie wurde von Ed Zwick und Marshall Herskovitz entwickelt, die mit ihrer Darstellung einer anderen Altersgruppe – der Mittdreißiger in Die besten Jahre – zuvor schon einmal den Puls der Zeit getroffen hatten. Dazu stieß noch Winnie Holzman, die zu dem Team aus Schreibern für Die besten Jahre gehört hatte. „Wir hatten die ungefähre Vorstellung, die Erfahrungen von Teenagern genauer darzustellen, als dies bis dahin der Fall gewesen war“, erinnert sich Zwick. Holzman hatte man damit beauftragt, den Piloten zu schreiben. Sie näherte sich der Aufgabe, indem sie ein Tagebuch im Stil eines Teenagers führte. Sie füllte es mit dem scherzhaften, tiefsinnigen, naiven Palaver der fünfzehn Jahre alten Angela Chase:

Meine Mutter ist schlampig. Erst macht sie so etwa zwanzig Wochen ihr Bett nicht. Dann, aus heiterem Himmel, ist es auf einmal ihre Religion. Mach Dein Bett! Mach Dein Bett!

Diesen Sommer habe ich angefangen, mich richtig schlecht zu fühlen, weil ich weiß bin. Es kommt mir einfach so vor, als ob Schwarze es richtig schwer haben. Und trotzdem will jeder so sein wie sie.

Silverstone sprach als Erste vor. Zwick war beeindruckt und sagte zu Herskovitz: „Das ist es! Nimm sie einfach.“ Aber Herskovitz fand, dass sie zu hübsch für Holzmanns chaotisches Schuluniversum war, das Nebenhandlungen über Drogenabhängigkeit, Mobbing, Komasaufen, Promiskuität und Homosexualität enthielt. „Alicia ist so bildschön, dass es ihre Erfahrung dieser Welt beeinflussen würde. Leute haben ihr seit ihrem sechsten Lebensjahr ständig gesagt, wie schön sie ist. Du kannst ihr Gesicht nicht mit dem verbinden, was wir für den Charakter geschrieben haben“, meinte er. Linda Lowy, die das Vorsprechen leitete, schlug vor, Danes anzusehen, bevor sie eine Entscheidung träfen. „Von der Sekunde an, in der Claire den Raum betrat, war sie erschreckend, verblüffend und schweigsam“, sagt Lowy. „Ohne dass sie viel dazu tun musste, strahlte sie eine unglaubliche Kraft aus.“  Eine der Szenen, die Danes vorspielen musste, sah vor, dass sie weint. Es handelte sich um eine angespannte Badezimmerszene, in der sie sich von ihrer besten Freundin Sharon trennen muss. „Sag mir, was ich falsch gemacht habe, Angela. Ich will das wissen“, sagt Sharon. „Wir kommen bei dieser Zeile an und Claires Gesicht wird komplett rot“, erzählt Herskovitz. „Ihr Körper beginnt zu zittern und Tränen treten ihr in die Augen. Plötzlich wird dir klar, dass sie eine körperliche Erfahrung durchmacht, die weit über das Schauspielen hinausgeht.“ Danes’ prägnanten Eigenschaften als Schauspielerin waren schon früh sichtbar: Eine bestimmte Kombination aus Bedachtsamkeit und Impulsivität. „Es war, als ob sie fertig auf die Welt gekommen wäre; sozusagen wie aus einer Muschel entstiegen“, sagt Herskovitz. Zwick erwähnt, dass Danes das erste „weise Kind“ war, das er kennengelernt hatte – eine seltene Spezies, die das Showgeschäft manchmal zutage fördert. Oder wie er es später ausdrückt: „Was sie weiß, kann man nicht beigebracht bekommen.“ Danes erfüllte noch eine weitere Voraussetzung, die Holzmans Drehbuch verlangte: Ihr Gesicht konnte sich innerhalb eines Augenblicks von wunderschön zu gewöhnlich verwandeln.

»Sie war zugleich frei und gefesselt, offen und verschlossen, albern und erschreckend ernsthaft«

Holzmans Pilotepisode für Willkommen im Leben (zu diesem Zeitpunkt noch Jemand wie ich betitelt) sollte eine ganz bestimmte Atmosphäre einfangen. „Der Pilot sollte etwas Nacktes haben. Er sollte keine Person zeigen, sondern ein Gefühl; ein Gefühl von Freiheit und Gefangenschaft, Schüchternheit und Furchtlosigkeit“, sagt sie. Auf dem Set sah Holzman sich auf einmal der fleischgewordenen Wirklichkeit dieses flirrenden Paradoxes gegenüber. Danes „war sexy und zugleich nicht sexy, frei und gefesselt, offen und verschlossen, albern und erschreckend ernsthaft“, erinnert sich Holzman. Ihre Darstellung entfesselte Holzmans Vorstellungskraft. „Wir haben einander möglich gemacht“, sagt sie. „Ich sah mich mit jemandem konfrontiert, der buchstäblich alles tun konnte, und daher konnte ich es plötzlich auch.“ An Willkommen im Leben war auch der Schriftsteller und Fernsehschreiber Richard Kramer beteiligt. Ihm zufolge sind Holzmans Texte für die Serie der Beginn einer Linie origineller Drehbuchautoren, die fürs Fernsehen geschrieben haben. Die Reihe führt von ihr zu Mike White (Dawson’s Creek), Larry David (Seinfeld) und Lena Dunham (Girls). „Winnie wäre nicht Winnie ohne Claire“, sagt er. „Und Claire wäre nicht Claire ohne Winnie. Ihr Zusammentreffen hatte etwas Legendäres.“

Als Danes den Raum verließ, in dem sie vorgesprochen hatte, „fand keiner mehr Worte“, erinnert sich Lowy. Doch in der Begeisterung des Moments sah sich das Produktionsteam auf einmal mit einem Problem konfrontiert. Silverstone war sechzehn und ‚emanzipiert‘ – was in Hollywoods pikanter Terminologie nichts anderes bedeutete, als dass sie sehr lange Schichten arbeiten konnte. Danes war dreizehn und musste per Gesetz zur Schule gehen. Nähmen sie Silverstone für die Rolle, könnten sie mit der Produktion der Show wie geplant loslegen; entschieden sie sich für Danes, müssten sie die Drehbücher für spätere Folgen überarbeiten, um ihren Stundenplan zu berücksichtigen. „Wir drehten uns zu Winnie um“, erinnert sich Herskovitz. „Und Winnie sagte nur: ‚Lass uns diese Serie grundsätzlich umkrempeln.‘“ Er fügt hinzu: „In dem Moment entschieden wir uns, das Leben der Eltern stärker einzubinden.“

Danes traf am 18. Januar 1994 in Los Angeles ein – der Tag, nach dem das Northridge Erdbeben die Stadt erschüttert hatte. Für sie war der Umzug aufregend, doch für ihre Eltern, die mit der Isolation des Vorstadtlebens kämpfen mussten, war er mit einigen Härten verbunden. „Die Macht und die Aufmerksamkeit, die mit einem erfolgreichen Hollywood-Auftritt einhergehen, sind wie eine große Welle“, sagt Chris Danes. „Für mich waren wir erst dann wirklich erfolgreich, als wir es schafften, nicht von ihr weggerissen zu werden.“ Carla schloss ihre Tagesstätte, um die Vollzeitmanagerin ihrer Tochter zu werden. Zusätzlich war sie ihre Aufseherin am Set; eine Rolle, in der sie „Wachhund und Schatten“ zugleich sein musste. „Als Künstlerin hatte sie schreckliche Frustrationserlebnisse durchgemacht und sie wollte nicht, dass ich die selben Erfahrungen machen muss“, sagt Danes. „Sie wollte, dass ich so viel kreative Freiheit und so viele Möglichkeiten bekam, wie es mir überhaupt nur möglich war. Ich bin so dankbar, dass sie das getan hat. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, das für mein eigenes Kind zu tun.“

Noch im August desselben Jahres feierte Willkommen im Leben sein Debüt auf dem Sender ABC und nur ein Jahr später bescherte die Serie Danes ihren ersten Golden Globe. Die Sendung spiegelte ihre eigenen aufreibenden Schulerfahrungen in New York wieder, wo sie einige Schwierigkeiten gehabt hatte, „die soziale See zu navigieren“. Sie wechselte zweimal die Schule, „um von einer gemeinen Klassenkameradin zu fliehen, nur um an der nächsten Schule eine andere Inkarnation desselben Mädchens zu treffen.“ Sie wurde für ihr Aussehen, ihre streberhafte Neugier und ihre Weigerung zur Konformität gemobbt. „Ich fand diese ganzen sozialen Spielchen zum Kotzen. Ich konnte damit nicht umgehen“, sagt sie. „Sie war nicht cool“, erinnert sich Flavin. „Sie sagte einfach immer genau das, was sie dachte. Sie meldete sich, wenn sie die Antwort wusste, und sie wusste die Antwort jedes Mal. Deshalb mochten die anderen sie nicht.“ In der Schule konnte Danes auch großspurig daher kommen und ein ziemlicher Hitzkopf sein. „Ich ging durch eine sehr selbstgerechte Phase“, sagt sie. „Wenn ich sah, wie jemand gemobbt wurde, erfasste mich ein Gerechtigkeitsdrang und ich intervenierte.“ Als sie einmal sah, wie ein Junge nach einer Unterrichtsstunde ein Mädchen beschimpfte, gab sie ihm eine Ohrfeige. „Er schlug zurück und wir mussten zum Büro des Rektors“, sagt sie. „Ich erinnere mich noch daran, wie erleichtert ich war, dass ich auf einmal die Gelegenheit hatte, die Probleme, die ich während meiner Schulzeit erlebte, so perfekt und eloquent auszudrücken – mit der genau richtigen Mischung aus Wut und Humor“, erzählt Danes, als sie sich daran erinnert, wie sie die Rolle in Willkommen im Leben erhielt.

Danes als Teenager in der Serie "Willkommen im Leben"

Danes als Teenager in der Serie “Willkommen im Leben”

„Angela und ich waren im gleichen Alter, so dass wir einander perfekt ergänzen konnten. Manchmal machte ich eine Erfahrung, die die Serie dann perfekt zum Ausdruck brachte. Manchmal spielte ich auch etwas, das ich dann später selbst erlebte.“ Als das Drehbuch für Angela vorsah, ihren Schulschwarm Jordan Catalano „ins Gesicht zu küssen“, wie Danes sagt, „meinte ich nur: ‚Ins Gesicht küssen?‘ Was ist das? Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete.“ Beim ersten Treffen, das zwischen Angela und Jordan in der Serie stattfindet, rutscht Angela auf einer Party aus und fällt in den Schlamm. Um sich den Blicken der Leute zu entziehen, stürzt sie in ein Zimmer, wo sie auf einmal ihrem Schwarm von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Sie wird panisch und versucht zu fliehen, aber die Tür klemmt. Sie lässt ihren Körper erschlaffen, als ob sie kurz davor stünde, auf den Boden zu fallen, richtet sich dann aber doch wieder auf, lächelt und setzt sich sichtlich unbehaglich neben ihn. „Das Ganze dauert nur anderthalb Sekunden“, sagt Herskovitz. „Aber es enthält ein ganzes Leben voller Ironie, Reue und Verlegenheit. Danes kam voll ausgebildet als eine Meisterin ihres Faches.“ Danes Einfallsreichtum schüchterte das Team ein. „Es vergingen fünf Tage, bevor ich ihr die erste Anweisung gab“, erzählt er.

Trotz einer Online-Kampagne (die erste in der Geschichte des Fernsehens), die versuchte, die Kultserie zu retten, wurde Willkommen im Leben 1995 vom Fernsehsender ABC abgesetzt. Die Serie hatte Danes nicht nur in das kollektive Gedächtnis der Nation verpflanzt, sie hatte auch die Aufmerksamkeit von Filmregisseuren auf sie gezogen. Gillian Armstrong besetzte sie für die Rolle der todkranken Beth in Betty und ihre Schwestern (1994); Francis Ford Coppola engagierte Danes, um die misshandelte Frau zu spielen, die Matt Damon in Der Regenmacher (1997) rettet; und Baz Luhrmann gab ihr die Chance, als Gegenüber von Leonardo DiCaprio aufzutreten. Zusammen mit DiCaprio, in den sie als Teenager verliebt war, trat sie in einer modernen Neuverfilmung von Shakespeares Erzählung über die erste Liebe, Romeo + Julia (1996), auf. „Beim Vorsprechen war sie das einzige Mädchen, das mir in die Augen schaute“, sagte DiCaprio. Danes’ Darstellung von Julia ist die brillanteste Arbeit, die sie während ihrer frühen Jahre leistete. Es ist eine mühelose Verkörperung ihrer Bescheidenheit, Ausgelassenheit und Sinnlichkeit.

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Nachdem Danes innerhalb von fünf Jahren in dreizehn Filmen aufgetreten war, schrieb sie sich in Yale ein. Sie war zwanzig, reich und wurde gefeiert, aber sie „fühlte sich als Person noch unfertig“. „Ich hatte kein Empfindungsvermögen, kein Wertesystem, keinen ästhetischen Sinn. Ich brauchte die Zeit in der Universität, um Klarheit darüber zu gewinnen, wer ich war und was für eine Karriere ich anstreben wollte“, sagt sie. Doch als sie Yale 2001 verließ, ohne einen Abschluss gemacht zu haben, fühlte sie sich, wie sie sagt, von der Schauspielerei und Filmindustrie entfremdet. „Ich fühlte mich als Außenseiter“, erzählt sie. „Ich begann zu denken: Wie machen diese Schauspieler das? Es schien fremdartig und unglaublich. Ich verlor mein Selbstbewusstsein.“ Danes hatte Schwierigkeiten, Rollen zu finden, die ihre Vielseitigkeit und ihre Fähigkeiten zur Geltung brachten. Sie hatte ein paar solide Auftritte. In Richard Eyres Stage Beauty (2004) war sie als weibliche Möchtegernschauspielerin zu sehen, die versucht, in der männerdominierten Welt des Elisabethanischen Theaters eine Rolle in einem Stück von Shakespeare zu bekommen. In Steve Martins Shopgirl (2005) tauchte sie als verletzliche, aufstrebende Künstlerin auf, die in der Handschuhabteilung des Luxuskaufhauses Saks arbeitet. In beiden Fällen handelte es sich um starke Darstellungen auf der Basis von schwachen Drehbüchern. Dennoch erhielt sie zunehmend nur noch Rollen, die an den Rändern der Handlung angelegt waren (in Ich und Orson Welles, Spuren eines Lebens, The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit, The Family Stone – Verloben Verboten). Neben annehmbaren Rollen übernahm sie auch lästige Pflichten, die zu dem Geschäft dazugehören, und erschien in Filmen wie Mod Squad – Cops auf Zeit und Terminator 3.

Die Rollen, die man ihr anbot, bedrückten sie genauso wie die Rollen, die man ihr nicht anbot, und so nahm sie nach einer Auszeit von mehr als zehn Jahren ihre Tanzausbildung wieder auf. Sie arbeitete jetzt mit Tamar Rogoff, einer Choreographin und Mutter ihres Freundes Ariel Flavin, um als Erwachsene „ihren Körper neu zu erlernen“. Die beiden entwickelten eine Übung, in der eine von ihnen tanzte, während die andere zuschaute und ihre Assoziationen zum Dargebotenen aufschrieb. Nach ein paar Minuten tauschten sie dann die Rollen. Rogoff forderte Danes dazu heraus, ihrem Körper völlig zu vertrauen und ihn die Kommunikation übernehmen zu lassen. „Du musst uns nicht sagen, was du denkst“, sagt sie. „Fühl es einfach. Dein ganzer Körper ist dramatisch.“ Mit Verweis auf Danes’ langen Hals und ihr Rückgrat erzählt Rogoff mir: „Sie hat einen sehr ungewöhnlichen Körper. Ihr Rückgrat ist unglaublich biegsam. Sie kann sich zusammenkrümmen und die aufrechte Haltung eines Kriegers annehmen. Sie ist immer bereit, Stil aufzugeben, um zum Kern einer Sache vorzustoßen.“

Mit der Zeit entwickelten sie das einstündige Solo-Stück Christina Olson: American Model. Es handelt von der gelähmten Frau, die auf Andrew Wyeths Gemälde Christinas Welt verewigt ist. Die Frau lehnt es ab, in einem Rollstuhl zu sitzen und besteht stattdessen darauf, überall hin zu kriechen. „Ich verbot ihr, ihr Gesicht zu benutzen“, sagt Rogoff. „Ich sagte: ‚Du wirst nur mit deinem Körper spielen’“. Danes führte das Stück 2005 in New Yorks East Village, im Theater P. S. 122, auf. Das Filmmaterial von der Aufführung zeigt Danes, die die First Avenue auf ihrem Bauch hinunterkriecht, sich selbst Stufe um Stufe in das P. S. 122 hievt und, nur auf ihre Ellenbogen gestützt, in das Theater kriecht. „Niemand bemerkte mich“, sagt Danes. „Ein dürres, weißes Mädchen, das über den Boden robbt und praktisch keine Klamotten anhat. Ich dachte nur: Wow! Du kommst in dieser Stadt mit wesentlich mehr durch, als dir sonst so klar ist.“ („Täuschen Sie sich nicht: Sie ist eine Tänzerin“, schrieb Deborah Jowitt, die Tanzkritikerin von Village Voice.)

Einige Jahre später, als Danes achtundzwanzig war und sich gerade in London befand, erhielt sie einen Anruf von dem britischen Regisseur Mick Jackson. Er erzählte ihr, dass er sie für die Hauptrolle in einem Film für den Sender HBO engagieren wolle. Es handelte sich um einen biographischen Film über Temple Grandin, eine autistische Professorin und Aktivistin für Tierrechte. In einem Interview mit der Vereinigung amerikanischer Regisseure erinnerte sich Jackson daran, wie er Danes klarmachte, dass es schwierig werden würde, eine Person mit einer dermaßen eingeschränkten Palette an Emotionen darzustellen. Sie müsse auf alle Dinge verzichten, „die du als Schauspielerin normalerweise benutzt. Insbesondere die Fähigkeit, Empathie beim Zuschauer zu wecken. Denn das hier ist ein Charakter, der für niemanden Empathie empfindet, nicht einmal für die eigene Mutter. Sie kann es nicht ertragen, von ihrer eigenen Mutter in den Arm genommen zu werden.“ Er fuhr fort: „Du wirst als extrem unattraktiv rüberkommen, denn es handelt sich um einen Charakter, der in Gesprächen sehr laut ist, der die Stimme nicht modulieren kann und in Gesellschaft extrem unbeholfen ist… denn Temple kann nicht erkennen, wie andere Menschen sie wahrnehmen. Du wirst ohne Netz und doppelten Boden arbeiten müssen.“ Danes, die mit Jackson von einem Apartment im 27. Stock aus telefonierte, erzählte ihm, dass sie gerade auf die Straße hinabblickte. „Mir wird gerade klar, dass du von mir verlangst so tief zu springen“, sagte sie.

Zu dieser Zeit war Temple Grandin in ihren frühen Sechzigern. „Als ich hörte, dass Claire Danes mich im Kino spielen würde, ging ich ins Internet und stellte Nachforschungen über sie an. Als ich das lange blonde Haar sah, dachte ich nur: Du machst wohl Witze!“, sagt sie. Danes lud Grandin zum Mittagessen in ihrem New Yorker Loft ein. Während Grandin erklärte, wie es sich anfühlte, autistisch zu sein, filmte Danes sie. Sie nahm auch ihre Stimme auf, um sie später einstudieren zu können. „Temple war so ehrlich, so arglos“, sagt Danes. Grandin konnte Konsonanten nicht besonders gut hören und kompensierte dies, indem sie sie übermäßig betonte. Dies war eine der Eigenheiten, die Danes in ihren Stimmübungen trainierte. Außerdem brachte sie Rogoff dazu, ihr die starren Bewegungen von Grandin beizubringen. Dazu bedurfte es auch der Neuausrichtung ihrer ganzen Körpersprache in einem mehrwöchigen Übungsprozesses. „Claire ist das absolute Gegenteil von Temple. Sie projiziert nach außen“, sagt Rogoff. „Wir mussten die Art und Weise ändern, in der sie ihren Kopf hält. Ich musste ihr Kinn ganz nach hinten bringen, denn wenn du autistisch bist, dann kommunizierst du nicht mit der Welt – du kommunizierst nur mit deiner eigenen Innenwelt.“ Zusammen entwickelten Danes und Rogoff eine „Panik-Sperre“: Eine zusammengekauerte, ängstliche Körperhaltung, in der Danes’ Becken und Brustkörper so zusammengepresst waren, dass sie sich bewegte wie „eine Kuh, die sich unter großem Gewicht niederbeugt.“ Zu dieser Position fügten sie Gesten hinzu: Händeringen, zitternde Beine, Haare raufen, unstete Blicke, Hyperventilation. Um Grandins Körpersprache auszuprobieren, machte Danes Spaziergänge durch die Wall Street und fuhr mit der U-Bahn. An den labilen körperlichen Käfig von Grandin gebunden zu sein, bescherte ihr neue Einsichten. „Deine innere Welt dehnt sich unglaublich aus, wenn du so apathisch bist“, sagt sie. „Ich dachte, es würde eine einsame Angelegenheit werden, Temple zu spielen, weil sie sozial so isoliert ist. Aber sie ist so sehr von ihren Ideen erfüllt, dass diese ihr Gesellschaft leisten. Sie hat nicht die gleichen Bedürfnisse, die ich habe. Das war eine interessante Einsicht. Was ich als Verlust wahrnehmen würde, ist nicht unbedingt auch einer für sie.“

»Mal sieht sie aus wie Grace Kelly und mal wie eine alte, englische Herzogin mit Pferdegesicht«

Als der erste Tag der Dreharbeiten sich näherte, fragte Jackson wiederholt, ob Danes ihm schon mal etwas zeigen wolle. „Sie erwiderte: ‚Ich glaube nicht, dass du enttäuscht sein wirst, aber ich bin noch nicht bereit, es dir zu zeigen‘“, erinnert sich Jackson. Für die erste Szene des Films wandte Danes sich der Kamera zu und sagte: „Mein Name ist Temple Grandin.“ In dem Moment, sagt Jackson, „standen uns die Haare zu Berge. Sie hatte nicht nur Grandins durchdringende Stimme. Als sie von einer Ecke des Zimmers zur anderen lief, ging sie auch mit den charakteristisch vorgeschobenen Schultern und ich dachte, mein Gott, das ist Temple Grandin.“ Danes imitierte Grandin nicht einfach, sie spielte mit der Figur. Sie entdeckte hinreißend humorvolle Momente in Grandins Unbeholfenheit und ihr wandlungsfähiges Gesicht entwickelte eine eigenartige Magie. „Es gibt Szenen, in denen sie wie Grace Kelly aussieht und solche, in denen sie wie eine alte, englische Herzogin mit Pferdegesicht rüberkommt“, sagt Jackson. Danes weigerte sich am Ende der Drehtage, das Rohmaterial anzuschauen. „Ich glaube, sie wollte ganz im Moment aufgehen und sie hatte Angst, dass durch Fragen à la ‚Wie sehe ich aus?‘ oder ‚Kommt mein rechtes Profil günstig rüber?‘ diese Stimmung zerstört werden könnte“, sagt Jackson. „Sie will, dass der Moment unantastbar ist – der Moment, in dem du wirklich zu dem Charakter wirst und nichts anderes in der Welt mehr wichtig ist.“

Danes erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre Darstellung – unter anderem einen Emmy und einen Golden Globe. Doch den wichtigsten Preis erhielt sie jenseits des Rampenlichts. Als Danes’ Name bei der Verleihung der Golden Globes aufgerufen wurde und sie sich langsam in ihrem lachsfarbenen, rückenfreien Kleid erhob, stand Grandin, die in Universitätsrobe neben ihr saß, ebenfalls auf und umarmte sie. In Grandins Haus hängt eine gerahmte Notiz von Danes. „Ich glaube, dass ich durch dich zu einer besseren Person geworden bin“, steht darauf geschrieben.

Anfang 2010, am Tag nachdem Du gehst nicht allein zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, trafen sich die Fernsehproduzenten und Drehbuchautoren Alex Gansa und Howard Gordon. Sie hatten zusammen an 24 gearbeitet und wollten nun über ihre Ideen zu einem neuen Psycho-Thriller diskutieren, der auf der israelischen Serie Prisoners of War von Gideon Raff aufbauen sollte. 24 war eine Serie, die zwei Monate nach 9/11 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Sie handelt vom Geheimagenten Jack Bauer (Kiefer Sutherland), der als Einzelkämpfer beinahe ebenso viel Zeit damit verbringt, bürokratische Restriktionen zu bekämpfen wie Terroristen. Doch im Laufe der acht Staffeln hatte sich die Welt verändert. Die politische Landschaft war durch Dinge wie Abu Ghraib, Guantánamo und Drohnenangriffe undurchschaubarer geworden und es wurde zunehmend schwieriger, die guten von den bösen Jungs zu unterscheiden. „24 hatte eine köstliche Ironie“, sagt Gordon. „Das, wovor wir uns am meisten fürchten mussten, war ein Monster, das wir selbst geschaffen hatten.“ Als er und Gansa die Serie entwarfen, die Homeland werden sollte, war Amerikas notorische Angststarre eines der Hauptthemen, mit dem sie spielten. „Das Gesetz der nichtintendierten Nebenfolgen hatte alle möglichen Kollateralschäden erzeugt“, sagt Gordon. „Es gab keine richtigen Antworten mehr. Wir wollten die Komplexität der Situation einfangen.“ Die Handlung, die sich aus den Schlagzeilen der Tageszeitungen speiste, verlieh der wachsenden Skepsis und Angst vor Rückschlägen im Land Ausdruck.

Der vielleicht größte Verlust, den die Nation im Zuge von 9/11 zu beklagen hatte, war die Illusion, unbesiegbar zu sein. Carrie Mathison, die ständig zwischen Triumph und Scheitern schwankt, verkörpert die zunehmend entwurzelte Verwirrung des Landes. Sowohl sie als auch Sergeant Brody, der acht Jahre in der Gefangenschaft von al-Qaida verbracht hat, sehen sich als Patrioten. Doch beide riskieren auf je andere Weise ihre Glaubwürdigkeit. „Wir waren uns sicher, dass wir einen unzuverlässigen Erzähler wollten; oder zumindest jemanden, den die meisten anderen Menschen als unzuverlässig einstufen würden. In Carries Fall war dies teilweise wegen ihrer Jugend so, teilweise wegen ihrer Vergangenheit und teilweise auch wegen ihres Geschlechts“, erzählt Gordon. „Im Gegensatz zu Jack Bauer ist sie eine marginalisierte Frau. Wir haben sie genau anders herum konstruiert als ihn: Wir haben sie pathologisiert, um ihre besonderen Gaben erklären zu können.“

Gordons und Gansas frühe Drehbuchskizzen erwähnen noch keine bipolare Störung. „Wir dachten uns Carries Verhaltensmuster aus, bevor wir eher zufällig auf das Krankheitsbild stießen“, sagt Gordon. Obwohl die Krankheit Carries Figur in das Reich des Außergewöhnlichen versetzt – „Diese Leute fliegen näher an der Sonne als wir normalen Menschen“, sagt Gansa über Menschen mit bipolarer Störung -, gibt sie ihr auch ein charakteristisches Handicap, mit dem sie ständig umgehen muss. Die Krankheit ist eine doppelte Zeitbombe, die sowohl ihre Mission als auch ihr Leben jederzeit zerstören kann. „Es ist ihr Kryptonit“, sagt Gordon, eine natürliche Schwäche, die ihre Einsamkeit, ihre Verborgenheit und ihre Angst vor Intimität ins Extreme steigert.

Danes als Temple Grandin

Danes als Temple Grandin

Gansa und Gordon hatten gesehen, wie Danes in Du gehst nicht allein die Gratwanderung zwischen sozialer Kompetenz und Dysfunktionalität gemeistert hatte. „In der Rolle hatte sie etwas Beschädigtes, Verletztes an sich“, sagt Gordon. In ganz ähnlicher Weise war ihre neue Heldin „eine extrem intelligente Frau, die mit einem schwierigen emotionalen Problem gestraft ist.“ Das Team aus Schreibern konzipierte die Rolle von Anfang an für Danes – in den ersten sechs Entwürfen des Piloten hieß ihr Charakter ‚Claire‘. Der Sender wollte zunächst lieber eine ältere Frau mit der Rolle der Carrie besetzen. Denn Serien wie Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn, Nurse Jackie und The United States of Tara waren zu dieser Zeit extrem erfolgreich mit Schauspielerinnen in den späten Dreißigern und Vierzigern. Doch Gordon und Gansa blieben hart. „Wir wollten, dass Carrie eine Schwäche hat, diese Krankheit. Aber wir wollten ihr auch die Möglichkeit geben, die Schwäche zu überwinden. Ihr Leben sollte so gestaltet sein, dass ihr zumindest potentiell Raum zur Verfügung stand, noch einmal ein neues Kapitel anzufangen“, erzählt Gansa. „Wenn du 46 oder 47 Jahre alt bist und die ganze Zeit mit einer bipolaren Störung gelebt hast, dann ist deine Geschichte in Stein gemeißelt. Das Publikum kann dann nicht in der gleichen Weise mit dem Charakter mitfiebern.“

Am 1. November 2010 trafen sich Gansa und Gordon zum ersten Mal mit Danes auf ein paar Drinks in West Hollywoods Club London. „Wir hatten uns schon mental darauf vorbereitet, dass sie unser Herz brechen würde mit einem Nein“, erinnert sich Gansa. Danes hatte zu dieser Zeit immer stärker den Eindruck, dass sie nie wieder eine anspruchsvolle Filmrolle angeboten bekommen würde. Ihre Karriere stagnierte, seitdem sie Du gehst nicht allein annährend zwei Jahre zuvor gedreht hatte. „Es wurde allmählich unerträglich. Ich fing immer häufiger einfach an zu weinen. So ziemlich unkontrollierbar“, sagt sie. „Ich hatte eine Erfahrung gemacht, die mich so tief erfüllt hatte, dass ich mich jetzt einfach nicht damit abfinden wollte, sie verloren zu geben.“ Als sie zu dem Treffen mit Gansa und Gordon ging, hatte sie auch das Angebot, eine Nebenrolle als J. Edgar Hoovers Sekretärin in Clint Eastwoods J. Edgar zu spielen. „Ich dachte über diese FBI-Story am selben Wochenende nach wie über das CIA-Skript“, sagt sie. „Und als ich die beiden verglich, dachte ich nur so – ich könnte die Sekretärin von Hoover sein oder ich könnte Hoover selbst sein, wissen Sie?“

Die erste Staffel der Serie wurde 2011 ausgestrahlt. Die erste Szene zeigt eine aufgewühlte Carrie Mathison, die ihren Vorgesetzten beschwört, einen Informanten zu beschützen, während sie sich ungeduldig durch den Straßenverkehr von Bagdad schlängelt. Die Zuschauer wurden in der Szene mitten in die zwei dramatischen Achsen von Homeland geworfen: Die eine, die außerhalb von Carries Kopf stattfindet, und die andere, die in ihr spielt. „Danes Hauptaufgabe in der Serie besteht darin“, sagt Gansa, „eine offene Wunde zu sein“. Im postmodernen Fernsehthriller – The Killing, The Bridge, Monk – reicht es für einen Krimi nicht mehr aus, wenn der Detektiv das Problem löst; der Detektiv muss selbst auch ein Problem haben, muss sowohl mit der Gesellschaft als auch mit sich selbst ringen. „Es muss sowohl eine Mikro- als auch eine Makrodimension geben“, erzählt Danes. „Ich habe mir das in diesen Begriffen klargemacht.“

Um sich für die Rolle vorzubereiten, las Danes medizinische Fachliteratur, sprach mit Therapeuten und Patienten mit bipolaren Störungen. Zusätzlich verfolgte sie Blogs von Menschen mit hypomanischen Störungen. (Ihre eigenen Bekannten mit bipolaren Störungen wurden „lästigerweise sehr schnell auf Medikamente gesetzt“.) „Ich war immer schon neugierig auf Leute, die auf eine fundamentale Weise seltsam sind, die anders sind als der Rest. Die bipolare Störung in den Charakter zu integrieren, ohne sie in eine Spielerei zu verwandeln, das wollte ich unbedingt machen“, erzählt sie mir in einer Email. Dabei fügt sie mit Verweis auf Carrie hinzu: „Ich war außerdem von der Dichotomie angetan, die zwischen ihren offensichtlichen Fehlern und Verstößen und ihrem soliden moralischen Kern besteht. Wenn man das Ausmaß ihrer Rücksichtslosigkeit bedenkt, ist sie erstaunlich aufrichtig und ehrlich. Ein anderes unterhaltsames Paradox ist folgendes: Sie verschreibt sich ganz und gar der noblen Aufgabe, ihr Vaterland zu beschützen. Aber sie tut es nicht einfach aus noblen Gründen. Sie hat große Angst davor, intime Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen – das, was ein Leben im Kern ausmacht –, weil sie weiß, wie viel Schaden sie in ihrem Zustand anrichten kann. Gerade weil sie so ein blutleeres Leben führt, ist es für sie auch einfacher, es für eine höhere Sache aufs Spiel zu setzen. Während dies in mancher Hinsicht ein Vorteil ist, muss sie doch mit dem Schmerz ihrer Einsamkeit leben. Deshalb ist sie, im Grundsatz, ein klassischer Superheld. Wer würde nicht gerne eine solche Rolle spielen?“

In der dritten Staffel macht Carrie ihre mangelnde Wachsamkeit dafür verantwortlich, dass das Bombenattentat vor Augen der CIA am Ende der zweiten Staffel geschehen konnte. Sie führt dies auf die „Normalität“ zurück, die ihre Psychopharmaka verursacht hätten, und entscheidet sich, die Medikamente abzusetzen. Danes begrüßt diese Wende in der Geschichte. „Ich will mehr von der langweiligen Arbeit sehen, die notwendig ist, um einen Zustand der Normalität aufrecht zu erhalten“, sagt sie. „Ich denke, es ist wichtig zu sehen, wie sie mit den Zumutungen des alltäglichen Lebens umgeht. Ich glaube, das schulden wir den Zuschauern.“

Claire Danes in "Homeland"

Claire Danes in “Homeland”

Es ist die Kombination aus Carries Angst vor Intimität und ihrer sexuellen Promiskuität, die die erotische Nebenhandlung der Serie antreibt – ein verwirrendes Katz- und Mausspiel zwischen Carrie und Brody. „Das ist ein Versuch aus der eigenen Innenwelt rauszukommen“, sagt Danes über die zwanghafte Sexualität, die man bei Menschen mit bipolarer Störung gelegentlich antrifft. „Es ist nur eine andere Form der Selbstmedikation.“ Danes bezeichnet die anregenden sexuellen Intermezzi zwischen Carrie und Brody als eine Art „Slalom“. Ein Teil des funkelnden Charismas seines Charakters stammt von Lewis transparenter Undurchsichtigkeit, der als ehemaliger Schüler der englischen Eliteschule Eaton einen amerikanischen Marinesoldaten spielt. „Er hat dieses leicht vorlaute, freche Verhalten vor der Kamera, das ich vermisse, jetzt, da unsere Charaktere in der dritten Staffel physisch voneinander entfernt sind“, erzählt Danes. „Wenn wir zusammen spielen, kann ich ihm die schwierigsten Einsätze geben und er weiß immer, wie er sie aufgreifen und auf überraschende Weise weiterführen kann.“ Gordon erinnert sich: „Vom ersten Treffen an konnte man die Chemie zwischen den beiden spüren. Aber da standen sie sich noch als Feinde gegenüber. Erst am Ende der vierten Folge, als Claire sich auf dem Parkplatz vor Brody aufbaut und es ihr gelingt, ihn zu täuschen, und er versucht, sie auszuquetschen und nicht richtig weiß, was er von ihr halten soll – da erst begann uns klarzuwerden, dass ihre Beziehung etwas Besonderes werden würde. Es war gefährlich, elektrisierend, von Leben durchpulst.“

Der Pilot von Homeland wurde am 2. Oktober 2011 ausgestrahlt und zog mehr als eine Million Zuschauer an – das waren die höchsten Einschaltquoten der letzten acht Jahre für den Pay-TV-Kanal Showtime. Mehr als 1,7 Millionen Zuschauer sahen sich die Premiere der zweiten Staffel an; bis zum Finale war diese Zahl auf 2,3 Millionen angewachsen. Danes, die für eine Generation zur Ikone des Teenagers geworden war, eroberte sich eine solche Stellung nun auch als Erwachsene. Fans, die ihr begegneten, hatten zunehmend einen „fanatischen Ausdruck im Gesicht“. Die Bewunderung für ihre Leistung reichte bis ins Weiße Haus. Danes zufolge sagte Präsident Obama, der ein signiertes DVD-Set der ersten Staffel erhalten hatte, beim Treffen mit ihr: „Sie sind eine bessere Schauspielerin als ich Präsident.“ Danes hat einen siebenjährigen Vertrag für Homeland, doch sie hat gelernt, nichts als Gegeben anzunehmen. „Wer weiß schon, ob die Serie so lange durchhalten wird“, sagt sie. „Keine Figur ist je ganz sicher.“

Am letzten Drehtag für die erste Folge der dritten Staffel sitzt Danes vor einem Schnapsladen im Plaza Midwood Distrikt in Charlotte und arbeitet auf ihrem iPhone. Sie hat eben eine Szene gedreht, in der Carrie aus einem panischen Impuls heraus ihr derzeitiges Lieblingsmedikament, Tequila, kauft und dabei von einem adonishaften Kunden angemacht wird. Glatter kommt aus dem dämmrigen Raum geschossen und ruft Danes zu: „Ich werde dich vermissen!“

„Du wirst aber doch hier sein, oder?“, erwidert Danes zu ihrer Regisseurin hochblickend.

„Aber ja. Bis November wirst du mich nicht mehr los.“

Danes bricht am nächsten Tag für einen kurzen Trip zu ihrem Bauernhaus im Hudson Valley auf, um dort Zeit mit ihren Eltern, ihrem Mann Dancy und ihrem Sohn Cyrus zu verbringen, der im vorigen Dezember geboren wurde. (Für die letzten Folgen der zweiten Staffel musste Danes ein ‚Bauch-Double‘ verwenden, da sie im achten Monat schwanger war.) Neben einem kürzlich gekauften Haus in New Yorks West Village bewohnt Danes ein Apartment im 42. Stock eines Wolkenkratzers in Charlotte und eine Wohnung in Toronto, die sie mit Dancy teilt. Er dreht dort die Serie Hannibal für den Sender NBC.

„Das ist perfekt“, sagt Glatter. „Es ist gut für dich, eine Pause einzulegen, bevor die ganzen emotionalen Sachen passieren, die als nächstes in der Serie kommen.“

„Ja, ich weiß“, antwortet Danes und fixierte sie mit einem Blick.

Glatter verschwindet wieder im Schnapsladen, der auch eine Fundkiste für alle möglichen Scherzartikel ist: Sticker („Unbeaufsichtigten Kindern wird Espresso und eine Welpe gratis ausgehändigt“), exotische Kaffeesorten („Booty Call“, „Bad Hair Day“, „Sexy Power“, die Sorte, die Danes für Dancy kaufte) und besondere Weinsorten, von denen Glatter über ihre Kamera einige ins Land ausstrahlen wird: Aus dem klimatisierten Laden in die Bruthitze der restlichen Welt (Naked on Rollerskates, Yard Dog, Broke Ass). Nachdem sie die letzte Szene gedreht hat, ist Danes in dem Laden geblieben, um einen Sticker zu fotografieren, den sie auf Instagram posten will: „Wenn Frauen die Welt regieren würden, gäbe es keine Kriege, sondern nur einen Haufen eifersüchtiger Länder, die nicht miteinander redeten.“

„Ich bin so weit von allen Leuten weg, die eine Rolle in meinem Leben spielen“, sagt sie, um die Abhängigkeit von ihrem Telefon zu erklären. „Egal wo ich bin, bin ich eine Fremde.“ Später erklärt sie das noch etwas ausführlicher: „Man muss einfach akzeptieren, dass man immer jemanden vermissen wirst. Doch während man eine Gruppe von Leuten vermisst, wärmt man die Bekanntschaft mit einer anderen wieder auf. Ich habe gute Freunde in LA, in New York, im Staat New York und jetzt auch welche in Toronto. Ich musste mir dort eine neue Heimat aufbauen, als ich Mutter wurde.“

In ihrem Haus in New York hat Danes ganze Schubladen voll mit Glitzer, Pfeifenreinigern und Textilfarbe und veranstaltet oft Basteltage mit ihren Freunden. Dancy eroberte ihr Herz vor ein paar Jahren, indem er ihr half, eine Weihnachtsbaum-Dekorations-Party zu schmeißen. Er schnitt ein kompliziertes Muster aus Papier aus, das lauter Cowboys darstellte und mit dem Schriftzug „Ferien“ versehen war. „Ich dachte nur: Du kannst basteln? Damit war es um mich geschehen. Ich war durch. Ich unterwerfe mich dir bedingungslos und bis in alle Ewigkeit“, sagt sie.

Danes ist ein enthusiastischer Fan von Kostümparties. „In New York tendieren die Leute dazu, von einer Party zur nächsten zu ziehen“, erzählt sie. „Wenn sie aber ein Kostüm anhaben, dann müssen sie bleiben, wo sie sind. Und das macht sie lockerer.“ Für die Party zu ihrem dreißigsten Geburtstag, die thematisch an Ostern ausgerichtet war, ging sie als dreißig Stücke Silber, Dancy war ein abgeschnittenes Ohr, ihr Vater trug ein Osterkörbchen auf dem Kopf und Michael Cunningham, in Anzug, Sonnengläsern und Stigmata an den Händen, lief herum und sagte: „Nein, nichts zu danken. Es war nicht der Rede wert. Ich habe es gerne gemacht.“

Danes veranstaltet einen jährlichen Eiermalwettbewerb, zu dem ein Dutzend Freunde sie besuchen kommt und exotische Ostereier bastelt. Die schönsten werden für Alben fotografiert, die Dancy gestaltet. „Es ist jedes Mal ein ziemlich harter Wettkampf, wer auf die Titelseite kommt, so ähnlich wie bei der Bikini-Ausgabe der Sports Illustrated“, sagt Danes. Als ich sie im April in ihrem Haus in New York besuche, nimmt sie mich in das Wohnzimmer im zweiten Stock mit, um mir ihren Beitrag zur jüngsten Ausgabe zu zeigen. ‚Oh Very‘ heißt es und ist ein Ei, das in die rotbraune Hülle eines Teebeutels von Twinnings English Breakfast geklemmt wurde – ein Stück ironische Pop Art. Nach allgemeiner Übereinkunft stellt aber Dancys Beitrag den bisherigen Höhepunkt des Albums dar. Es handelt sich um nichts Geringeres als eine Hommage an Marcel Duchamp – ein Ei in der Form eines Urinals, das mit ‚R. Arsch‘ signiert ist. Doch es gibt noch andere starke Mitbewerber: Ein ‚Obama‘-Ei, ein ‚I M Pei‘-Ei mit großen runden Brillengläsern und ein ‚Donald Trump‘-Ei mit einem voluminösen Haarschnitt.

Als das Nachmittagslicht durch die Weiden in Danes Hinterhof fällt und den Augen Streiche spielt, wacht Cyrus von seinem Mittagsschlaf auf. Danes lehnt sich in ihrem gepolsterten Sofa zurück und reflektiert über die Karriere, die sie als Kind gewählt hat. „Ich glaube, je vollständiger du als Person bist – je passgerechter deine Bestandteile integriert sind –, desto tiefer kannst du dich in bedrohliches Terrain vorwagen“, sagt sie. „Es ist toll, dass wir einen Weg gefunden haben, das gefahrlos zu tun. Was könnte es Besseres geben? Es ist einfach cool, ein so viel besseres Verständnis davon zu entwickeln, was es bedeutet, Mensch zu sein.“

John Lahr lebt in London und New York. Seit über 20 Jahren arbeitet er als Theaterkritiker für den New Yorker. Außerdem hat er bis heute 17 Bücher über das Theater sowie zwei Romane veröffentlicht und bei verschiedenen Theaterproduktion und Filmen als externer Berater geholfen. Sein Portrait über Claire Danes erschien unter dem Titel „Varieties of Disturbance“ im September 2013 zum ersten Mal im New Yorker.

Übersetzung aus dem Englischen von Georg Rilinger.