Das Tippen auf der Stirn

Martin Lechner hat über 10 Jahre an seinem Debütroman gearbeitet. Jedes Wort wurde einzeln gedacht, einzeln entschieden. Herausgekommen ist ein Buch, das mehr als nur Kopfschmerzen bereitet.

Martin Lechner und sein Buch, die Kleine Kassa, sind mir zum ersten Mal 2005 begegnet. Es war Mai, bereits warm, wir saßen in einem beigefarbenen Container neben dem Peter-Szondi-Institut der Freien Universität, auf dem Raumplan stand Autorenwerk., gekürzt um ein statt. Schwalben schossen an den Scheiben vorbei. Die Leitung hatte die damals noch nobelpreislose Herta Müller. Die meiste Zeit saß Herta M. unruhig auf ihrem Stuhl und versuchte Unmut und Genervtheit über die vorgetragenen Texte zu unterdrücken. Unvermittelte Begeisterung, als Martin las, sie legte sogar die E-Zigarette bei Seite, mit der sie sich sonst beschäftigte. Das sind Sätze, sagte sie. Einen Kopfschuss fühle das Opfer nur als leichtes Tippen auf der Stirn, hieß es in dem Text. Die Diskussion mäanderte weiter und Herta M. tippte sich mehrfach verstohlen mit dem Finger gegen die Stirn.

Mit Lyrik hatte Martin Lechner begonnen, wie so viele. Mit semantischen Sprachspielen, die immer enger wurden, sich irgendwann anfühlten, als wäre zu wenig Raum, wie schmale Kammern, in die Kostbarkeiten hineingelegt wurden, dicht an dicht.
Im Winter 1999/2000 war das, die IT wurde Y2K fest gemacht und Martin Lechner entschied sich für mehr Durchlässigkeit. Mehr Raum musste her, sprachlich und überhaupt. Er vermutete ihn in der Prosa, und so wurde in einen alten Golf verstaut, was er heute als „überwiegend Müll“ bezeichnet, nach Spanien sollte es gehen, schreiben, zusammen mit einem Freund. Granada wurde es schließlich, eine fast leere Wohnung, gefundene Möbel, nach und nach, was klingt wie der Auftakt zu einem mehrwöchigen Saufgelage, das mit wo-ist-bloß-die-Zeit-geblieben? endet, erbrachte zwei Erzählungen, Prosa, ja, und sie war wirklich weiter, lichter.

Erste Ideen, Skizzen entstehen, die später, viel später, zur Kleinen Kassa werden sollten: die aberwitzige Jagd des Protagonisten Georg Röhrs durch den Heidekreis. Oder die aberwitzige Jagd des Heidekreises auf Georg Röhrs. Ein Lehrling in Sachen Eisenwaren, mit reger Einfalt, einer Neigung zu Splatterfilmen und der Sorte Dummheit gesegnet, die mit großer Unschuld einhergeht. Ein Tor, kein nerviger, der im Auftrag seines Meisters Oskar Spick regelmäßig einen verschlossenen Koffer zu Herrn Kraus bringt, damit dieser den geheimnisvoll leichten Inhalt verwahrt, in seiner kleinen Kassa. Der bei einer dieser Fahrten unvermittelt aus dem Bus springt, weil er glaubt, auf einem Plakat seine Jugendliebe Marlies entdeckt zu haben, vom Wege abkommt, über eine mit besagtem Kopfschuss ausgestattete Leiche stolpert, den Koffer liegen lässt, sich der Angriffe eines Wildhüters erwehrt, dessen Mofa samt Radio klaut und davon stürzt in wilder Flucht, denn wer sich nicht an die Regeln hält, auf den ist die Jagd eröffnet, zum Gasthaus Ginsterhof und dort beinahe in den willigen Leib der Wirtstochter Nore hinein. Die ihm freudig detailliert ausmalt, wie ihr Vater, ihn, den artigen Lehrling Röhrs, töten wird, denn „wir wissen alles“. Der, wie alle Toren, mehr Glück als Verstand hat, den Koffer wieder in seinen Besitz bringt und wieder hinaus rast in den Heidekreis. Eine Kriminalgeschichte? Wenn man „Twin Peaks“ als solche bezeichnen will, kann man das mit der Kleinen Kassa auch tun.

Nach Spanien, wieder in Berlin, zurück im Philosophiestudium, welches gerade begann an Fahrt aufzunehmen, wie Lechner es ausdrückt. Es erreichte ihn die Zusage des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig, wo jeder hingeht der ein artiger Lehrling in Sachen Schreibwaren werden will. Martin Lechner entschied, dass es wichtiger sei, sich Adorno erklären zu lassen, als den Umgang mit Partizipialkonstruktionen im Erzählfluss zu lernen. Ob es sich gelohnt hat? Nein, sagt er, es habe nur sein Schreiben „verzögert und verwirrt. Wahrscheinlich wäre ich am DLL viel schneller ans Ziel und in irgendeinen Verlagshafen gekommen.“
Die Philosophie habe ihn beim Schreiben „immer mit der Vorstellung belästigt, ich müsste auch meine literarischen Sätze verstehen, ganz so, als wären auch diese Aussagen und Argumente. Aber am Ende war es genau dieses Hindernis, das dazu geführt hat, Satzbewegungen zu vertrauen, zu schauen und zu hören, wohin sie einen führen. Vielleicht können Sätze, indem man ihnen vertraut, tiefer ausgreifen, in den Keller des Bewusstseins, in schwarze Löcher der Gesellschaft.“

Klomalklar

Der Autor widmet sich nicht nur dem Schreiben. Lechner & Momm: Klomalklar 1

Klomalklar

Lechner & Momm: Klomalklar 2

Und ausgegriffen haben sie, die Sätze. Während die Szene mit der Leiche im Wald noch entfernt an einen der exzentrischeren sonntäglichen Tatorte erinnert, ist der Ginsterhof in der Kleinen Kassa mit seinen Menschenklumpen am Tresen atmosphärisch weitaus bedrohlicher aufgeladen. Im weiteren Verlauf befürchtet der Lehrling Röhrs, auch in alltäglichen Situationen, das ahnungslos ins Verderben stolpernde Opfer einer in Kürze zu erleidenden, exotischen, durch jahrelanges Splattergucken in seiner Vorstellung anschaulich bebilderten, Mordhandlung zu werden. Es gibt kaum eine genretypische Tötungsvariante, die er nicht im Geist an sich selbst durchexerziert.
Das Unmögliche wird möglich in einer Welt, die der unseren weitgehend gleicht, in der Menschen, die uns ebenfalls gleichen, auf Anzeichen von Brüchigkeit mit Grauen reagieren, lautet eine der gängigeren Genredefinitionen des Horrors. Und genauso tastet Georg Röhrs mit den Augen die ihm eigentlich wohlbekannten Oberflächen des Heidekreises ab und versucht abzuschätzen, wo sie aufbrechen und Vernichtung herausstürzen wird, um ihn zu verschlingen. Und der Leser tastet mit ihm, denn so einfältig er auch sein mag, der Lehrling, so abwegig einem seine Annahmen und Interpretationen auch erscheinen mögen, spätestens wenn sich der Blick auf die vermutete Sollbruchstelle verlagert, berührt er Existenzielles. Die Fragilität des bürgerlichen Lebens, das schwer einzuschätzende Ausmaß von selbstzerstörerischen Impulsen, die man in sich vermutet. Die Angst, einer zu sein, der den Bach runter geht, einen Fehler gemacht hat und den Bach runtergeht, „mit einem blitzblanken Schädel, der nicht einmal im Gefängnis zurechtkommt, geschweige denn im Arbeitsleben, wie ein Flüchtling, der in Gebüschen leben musste, in Tiefgaragen, zwischen Mülltonnen… Einer, der sich sagt, Jacke auf, Flasche rein, Jacke zu, ist ein gutes Prinzip, der sich alleine von Abfall und Alkohol ernährt, der schon morgens die Hände ausstreckt und bettelt, …so ein Kerl, der vor lauter Scham und Unglück am liebsten den eigenen Kopf, Jacke auf, Jacke zu, verschwinden lassen würde.“
Wobei das Glück eines Menschen sei, „morgens die Treppe herunter und zur Arbeit zu laufen zu dürfen und abends wieder zurück“. Diese Ansicht vertritt seine Frau Mama, die ihm den Weg in die Mitte des Linderstedter Kaufmannsgeists ebnete, in dem sie ihm die Lehrstelle besorgte. Dass man keiner dieser Unglücklichen ist, sondern ein ordentlicher, anständiger, vertrauenswürdiger Lehrling, zeigt man am Besten durch ein ebensolches Äußeres, da ist sich Georg Röhrs gewiss. Doch ohne es so recht zu merken und gerade durch seine Bemühungen, ein ordentliches, anständiges, vertrauenswürdiges Angesicht zu erhalten, verwandelt er sich unabsichtlich immer mehr in das Klischee eines Clochards. Sein Sakko von einer Vogelscheuche ausgeborgt, kotverschmiert, alkoholgetränkt, zeitweise barfuß mit Lehm verkrusteten Füßen, die später ohne Socken in übergroßen gelben Gummischuhen aus einem Supermarkt stecken, in dem er auch die obligatorische Kornflasche ersteht. Auf dem Kopf lange verfilzte Haarextensions, die er sich auf der Flucht zur Tarnung hat anschweißen lassen. Georg Röhrs will eigentlich nur nach Hause, nach Linderstedt, zu seinem Meister, aber ohne es zu merken und gerade durch seine Bemühungen, in sein altes Leben, seine Wohnung, Lehre, das ihm entgegengebrachte Vertrauen zurückzukehren, zerstört er immer mehr von dem, was davon noch übrig ist. Verstrickt sich weiter, in nur 48 Stunden wird er Arbeit, Obdach, Eltern, Freunde, seine Kindheit, Heimat verloren haben.

2006 war die erste Version der Kleinen Kassa fertig, verschickt, eine kurze Stipendien-Aufmerksamkeit-Open-mike-Einladungs-Welle ging auf Martin Lechner nieder und dann war wieder Stille im Betrieb. Und in den Verlagen. Die letzte Absage kam erst zwei Jahre später.
Was hat ihn noch beschäftigt in der Zeit? Filme. Eine Zeit lang traf er sich mit einer Gruppe, guckte systematisch, Film noir, Nouvelle Vague, Horror- und Splatter natürlich, mit einer Freundin die Berliner Schule.
Das Erzähltempo, der mühelos elegante Schwung der Kleinen Kassa erinnert an die Marx Brothers, nur weniger harmlos. Das ein wenig retro anmutende, aber kongruent zusammengefügte, ostentativ nicht realistische Setting, das an einen besseren Wes Anderson-Film erinnert, ebenfalls nur weniger harmlos. An Paul und Paula denkt man, wenn seine Jugendliebe Marlies Georg beim Fahrradfahren die Augen zuhält, Filmzitate überall, im Traum hangelt Georg die roten Neonbuchstaben des Schriftzuges Hotel entlang oder wird von einer Schar Schwalben angegriffen. Später, und nicht geträumt, in eine Küchenbank mit Nägeln eingesperrt, einen Abhang heruntergestoßen, wie eines der Opfer im Splatterklassiker „2000 Maniacs“, nur dass es dort ein nägelgefülltes Fass ist. Als drei Gestalten mit ausgebeulten Mänteln in den Bus steigen, in dem der Lehrling seine Flucht fortsetzt, vermutet er, dass sie abgesägte Schrotflinten und Sprengstoff am Leib tragen, statt der Musikinstrumente, die das Obdachlosenterzett hervorzieht. Eine Weile läuft er mit einer Fahrradklingel am Daumen umher, eine andere Weile mit einem umgebundenen Radio. Die aberwitzigen Annahmen des Georg Röhrs, die Absurditäten, die Filmzitate, alles nicht echt, scheint einem der Text zu zurufen. Eine zeitgenössische Form von Brechts „Glotzt nicht so romantisch“, das ist nur Geschichte, nur erzählt, und du, Leser, folgst so atemlos, als wäre das Leben wirklich hinter Georg Röhrs her, als wäre dein Leben hinter dir her, um dich zu einem zu machen, der… Das ist alles nur gelesen, alles absurd, du liegst in deinem Bett, lieber Leser, mit Kopfkissen und Decke im Nachttischlampenkegel, und alles ist nur ausgedacht. Und unter dir knarrt der Kinositz, wenn du umblätterst, aus Holz ist er, mit rotem Samtpolster, der zack unter dir hochklappen wird, sobald du aufstehst. Das Absurde ist dem Aufblitzen der Einsicht geschuldet, dass „es eigentlich ein großer Witz ist, Geschichten zu erzählen,“ sagt Martin. Den Sinn des Erzählens hinterfragen will er, erzählenderweise, auch das absurd. Doch gerade daraus, aus dem Künstlichen, dem ostentativ nicht Realistischem, entsteht der Sog, der einen hineinzieht in das hilflose Gestolpere des Lehrlings, entsteht eine Ahnung von tieferer Wahrheit.

Die nächsten Jahre verbrachte die Kleine Kassa in irgendeinem Dateiordner ganz unten in der nach Änderungsdatum sortierten Liste. Hab ich hinter mir, sagte Martin in dem Sommer, in dem die Mädchen knielange, glockig fallende Röcke trugen. Die Fenster standen offen, Nachtfalter flogen herein, gegen die nackte Glühbirne, auf dem Tisch lagen kugelschreiberverschmiert Ausdrucke des Textes, den wir besprochen hatten. Von Martin, einer der unzähligen, die in den nächsten Monaten in so ziemlich jeder namhaften Literaturzeitschrift erscheinen sollten.

An einem bestimmten Punkt bei der Lektüre der Kleinen Kassa glaubt man, sortieren zu können, was geschehen sein könnte, außerhalb des Lehrlings wilder Imagination, und ist doch nur dem Buch auf den Leim gegangen. Denn die Jagd wird berichtet, ausgestrahlt, wird zu: der seltsame Fall des Georg Röhrs in den regionalen Medien, des schwarzen Schrecken von Linderstedt, in nur 48 Stunden verkommen, zu einem verfilzten, dreckstarren Monstrum. Gefilmt, fotografiert, ihm immer einen Schritt voraus sind Heidefunk und Heideblitz, senden bereits jetzt, was er gleich tun wird. Oder ist auch das imaginiert? Auf einmal heißt der Tote mit dem Kopfschuss Robert, so hatte sich der Lehrling im Ginsterhof genannt, um seine eigene Identität zu verschleiern. Auch der Nachname der Leiche, Görges, scheint nichts als ein Spiel mit dem Vornamen des Lehrlings, Georg, zu sein. Der natürlich hoch verdächtig ist, den Mord begangen zu haben. Doppelte Böden lauern allerorten, im Schrebergarten, beim Vater mit einem Weltraum-Sessel auf dem Dach. David Lynch lautet die Filmanalogie hierzu.
Das könnte den Leser ebenso verwirrt und tastend zurücklassen wie den Lehrling Röhrs, doch stattdessen ändert sich seine Art zu lesen. Er wird aufmerksamer, stellt in Frage, statt Handlungsstränge zu ordnen, wird der Blick auf die darunter liegenden Bilder geschärft, der Text wird weit, die Böden sind so gut gefertigt, dass sie tragen.

2009, die Bäume sind kahl, auf dem Platz unten, vor dem Fenster, an dem ich rauche, ist der Boden februargrau, ich asche in eine Tasse mit eingetrockneter Farbe, ocker, staubbedeckt und nicht postkartenbunt, „Wahrnehmungsautomaten“ nennt Martin seine Figuren. Ist gerade wieder am Überarbeiten, hat ihn doch wieder herausgeholt, den verdammten Roman. Drei Wochen will er sich geben, ein letzter Versuch, und mit einem Mal geht der Text auf. Der Autor kann wieder in ihm arbeiten, Sätze strecken sich aus, lassen sich willfährig belauschen, alles ist möglich, drei Wochen sind nichts.

Langsam, sehr langsam und unfreiwillig, gezwungenermaßen und ohne dass er sich dessen bewusst ist, wird aus dem Lehrling Röhrs, zu Anfang des Romans noch ein orientierungslos durch das Weltall trudelnder Astronaut, der unmerklich von der Schwerkraft eines Planeten angezogen wird und erst jetzt, kurz vor dem Aufschlag, begreift in welcher Lage er sich befindet, ein ungewollt Suchender. Vielleicht gar einer, der sich losgerissen hatte, um wieder frei zu gehen, frei zu atmen und sei es bloß im Schatten einer Brombeerhecke, draußen in der Heide.
Er besucht eine Reihe von Personen, die ihm wichtig schienen, in seinem alten Leben, als würde er an ihrem Beispiel Daseinsmodelle erkunden. Seinen Schulfreund Lars, der Pfeifenraucher geworden ist und bald gemeinsam mit Marlies studieren gehen wird. Seinen Vater, der sich in eine Laube verkrochen hat, in einem Sessel auf deren Dach, um nachts innerlich in die Weltraumtiefe zu immigrieren, und nicht mehr an das Dach zu denken, auf dem du sitzt, an deinen zurückgelehnten dummen, alten Kopf, … wenn du alles vergisst, die Uhrzeit, die Jahreszeit und dein müde gewordenes Herz, auch Linderstedt, den Heidekreis und den Rest der ganzen Welt … dann wirst du lachen müssen, über alles, über den blöden blauen Ball, der so verloren durch das Dunkel kreist.
Eine Weile zieht Georg mit dem ihm, wie eine verlotterte deus ex machina, immer wieder zu Hilfe kommenden Obdachlosenterzett herum. Er träumt davon, ans Meer zu gehen, zu arbeiten, am liebsten in einem Hotel und vor den Fenstern nichts als Wellenkämme, die weiß die Strände hochlecken. Aber alleine will er nicht gehen, doch alleine wird er sein, das begreift er auf der wilden Jagd.

Wedding

Lechner lebt uns arbeitet in Berlin. Wir haben ihn im Stadtteil Wedding getroffen.

Ein Entwicklungsroman? Nicht wirklich, dies würde eine von Erkenntnis gekrönte Auseinandersetzung des Protagonisten mit sich selbst und seiner Umwelt voraussetzen, und dafür ist Georg viel zu durch-die-Gegend-geschleudert-passiv. Selten hat sich eine Figur so unfreiwillig, widerstrebend, man ist geneigt zu sagen gegen ihren erklärten Willen, gerettet, wie der ehemalige Lehrling Röhrs. Der letztmalig bei der Bushaltestelle mit dem Plakat, an der er 63 Stunden zuvor aus seinem alten Leben sprang, gesichtet wurde, im Begriff, Linderstedt und den Heidekreis für immer zu verlassen, den immer noch ungeöffneten Koffer in der Hand.
Er verschwindet am Horizont wie der Protagonist eines Horrorfilms, in Sicherheit vorerst, ja, aber alles weitere ist ungewiss.

Es ist 2011, rausgeschickt hat er den verdammten Text, sagt Martin. Erneut. Hat ihn überarbeitet und überarbeitet, wasserdicht machen, nennt er das. Das Ergebnis: sie haben wieder gelegen, die Seiten, in irgendwelchen Lektorenbüros und alle fanden sie interessant. Ein weiteres Jahr.

Zum Wichtigsten ist noch gar nichts gesagt: zur Sprache der Kleinen Kassa. Sie ist es, die die Filmsettings, imaginären Splatterszenen und aberwitzigen Begebenheiten im Innersten zusammenhält. Expressionistisch ist sie genannt worden, ja, aber: rhythmisch ist sie, poetisch, man hört den Lyriker, die lange Zeit, die Martin Lechner den Sätzen nachgelauscht hat. Ihnen Raum gab, auszugreifen ins Dunkle. Bis sie nicht nur wasserdicht waren, sondern scheinbar aus einem ganz eigenem Material, opak und klar. Alles ist präzise, alles gesetzt, jedes Wort einzeln gedacht, jedes Wort eine Entscheidung. Man kann den Deckel der Kleinen Kassa aufklappen, die Seiten auffächern, durch die Finger gleiten lassen und willkürlich irgendwo hinein tippen und findet: Den Blick stur auf den Wald geheftet, dessen Stämme, aus der Ferne zu einer Wand verschmolzen, nun langsam auseinanderrückten und seinen Blick hineinließen in einen riesenhaften, von staubigen Lichtbahnen durchfahrenen Raum. Oder: der Zug sich langsam, so langsam, als führe der Bahnhof ab, in Bewegung setzt…
Höchstwahrscheinlich wäre Martin Lechner tatsächlich weitaus eher in einem Verlagshafen angelandet, wenn er nach Leipzig gegangen wäre. Fraglich ist aber, ob dann die Kleine Kassa in ihrer jetzigen Gestalt aus selbigem Hafen ausgelaufen wäre. Ein Text, der Zeit hatte, sich auszuweiten und zu reifen. Ungetrübt von jedem Schreibschulensprech und aktuellen Erzähltendenzen. Was auch immer das sein mag.
Zugegebenermaßen: die Kugel ist lange geflogen. Von Spanien, über das Herta-Müller-Seminar, durch verschiedene Versionen in die Stapel auf Verlagsschreibtische, aber jetzt ist sie da. Den Einschlag fühlt man nur als Tippen auf der Stirn und erst später stellt man fest, was die Kleine Kassa so in einem angerichtet hat.

Martin Lechner, „Kleine Kassa“, erschienen im März 2014 im Wiener Residenzverlag. Drei Kurztexte von Martin Lechner, die sich mit Splatterfilmen (u.a. 2000 Maniacs) beschäftigen, sind unter dem Titel “Dunkel erinnerte Filme” in der kürzlich im Verlagshaus J. Frank erschienen Anthologie “Metonymie” (herausgegeben von Norbert Lange) zu finden.

Inger-Maria Mahlke ist die Autorin von „Silberfischchen” (Berlin Verlag) und „Rechnung offen” (Aufbau Verlag). Für ihre Bücher erhielt sie den Klaus-Michael Kühne Preis und den Ernst Willner Preis.

Mehr Kunst von Lechner und Momm gibt es hier. Den Buchtrailer aus der Hand des Autors hier.