Der große Unsichtbare

Thomas Pynchon ist ein Meister der postmodernen Literatur. Aber auch ihr größtes Rätsel. Seit Jahrzehnten gibt es keine Bilder von ihm. Interviews gibt er keine, und wenn doch, nur übers Faxgerät. Auf den Spuren eines geheimnisvollen Menschen.

Zunächst ein paar Klarstellungen: Erstens, sein Name wird „Pynch-ON“ ausgesprochen. Zweitens, der große und verblüffende und, ja, sehr auf seine Privatsphäre bedachte Schriftsteller ist nicht wirklich ein Einsiedler. In ausgesuchter Gesellschaft ist er aufgeschlossen und charismatisch. Und trotz seiner berühmten Bugs-Bunny-Hasenzähne hatte er während der letzten 30 Jahre fast immer eine Freundin. Das ist umso erstaunlicher, da er bis zu seiner Hochzeit 1990 vor allem durchs Land gereist ist und auf fremden Sofas übernachtete. Heute ist er ein Yuppie – zumindest, wenn man sein neues Buch Bleeding Edge als Schlüsselroman liest. Ein Kritiker hat mal mit Blick auf seine Reisen festgestellt: „Salinger versteckt sich, Pynchon flüchtet.“ Pynchon versteckt sich mittlerweile vor aller Augen in der Upper West Side von New York, mit seiner Familie und einer Biographie voller Widersprüche: Er ist Kind des (Nachkriegs-) Establishments, das fest entschlossen war, diese Wurzeln hinter sich zu lassen; ein Meister der Postmoderne, der sich selber einen „Klassizisten“ nennt; ein kiffender Workaholic; ein Universalgelehrter mit einer Vorliebe für schlüpfrige Witze; ein Außenseiter im Literaturbetrieb, der mit einer Literaturagentin verheiratet ist; ein Kapitalismuskritiker, der seinen Sohn auf eine Privatschule geschickt hat und in einem 1,7 Millionen Dollar teuren New Yorker Sechs-Zimmer-Appartement wohnt.

Andere, ähnlich ernsthafte Schriftstellerkollegen wie Don DeLillo und Cormac McCarthy haben die Öffentlichkeit gemieden, weil ihr Werk für sich stehen sollte. Sie waren damit ziemlich erfolgreich; niemand steigt ihnen mit Teleskoplinsen nach, und ihre Zurückhaltung wird als Beweis geistiger Größe interpretiert. Gerade weil sich Pynchon mit aller Kraft in die Gegenkultur geworfen hat – weil er heftiger gekämpft hat, weiter gerannt ist und wilder geschrieben hat als andere –, ist er eine schwer fassbare Persönlichkeit. Er ist nicht einfach nur anspruchsvoll; er spielt seinen Lesern Streiche, er fordert sie heraus, sich auf die Suche nach den Dingen zu machen, die hinter seinen Büchern stehen. Bei all dem Versteckspiel geht es ihm wohl auch darum, seine Leser dazu zu bringen, ihre Bewunderung für große Autoren abzulegen. Er hat selbst gesagt, dass es sein Ziel sei, „mehreren Generationen von Literaturwissenschaftlern Beschäftigung zu geben“. Aus Mangel an Quellen werden alle Pynchon-Forscher zu Stalkern. Je mehr er wegläuft, desto mehr wird er gesucht, – und desto mehr wollen seine Fans glauben, er sei der lokale Schriftsteller, an dem man an der Straße vorbeigeht, ohne ihn zu erkennen. Gerüchte über ihn gibt es zuhauf: Er sei der Unabomber gewesen; er habe für die CIA gearbeitet; er habe grantige Leserbriefe an eine Lokalzeitung geschickt, in denen er sich als obdachlose alte Frau ausgibt. Im Jahr 1976 behauptete der Schriftsteller John Calvin Batchelor in einem langen Aufsatz, dass Pynchon gar nicht existiere und dass in Wahrheit J.D. Salinger alle Romane geschrieben habe. Pynchon antwortete ihm mit einer kurzen Notiz, abgeschickt aus Malibu, Kalifornien, kurioserweise geschrieben auf Briefpapier der Filmproduktionsfirma MGM. „Einiges ist wahr“ schrieb Pynchon über den Artikel, „aber die interessanten Teile sind es nicht. Versuch es weiter.“ Zwei Jahrzehnte später veröffentlichten Batchelor und Pynchon Seite an Seite zwei Kurzgeschichten, im Rundbrief der katholischen Privatschule, auf die ihre Kinder gingen. Die Autorenzeilen standen nebeneinander: „John ist Romancier“; „Tom ist Schriftsteller.“

Pynchon ist in der Tat Schriftsteller – und was für einer. Sein Roman Die Enden der Parabel (engl: Gravity’s Rainbow) gilt zurecht als Höhepunkt der postmodernen Literatur; genauso wie einige andere kaleidoskopische, epische Erzählungen und Bücher, die er Schundromane nennen würde, aber andere als kleine Meisterwerke bezeichnen. Bleeding Edge heißt sein neuestes, letzten September erschienenes Buch. Es ist sowohl Liebesbrief als auch Hasserklärung an das New York der frühen Nullerjahre. Die Zeit also, als die Euphorie um das Internet 1.0 dem Trauma des 11. September wich. Das Buch spielt teilweise auf Long Island – wo er aufgewachsen ist –, aber größtenteils in dem Teil New Yorks, den seine Titelheldin die „Yupper West Side“ nennt. Und er schreibt über etwas, das bei ihm vorher nie wirklich eine Rolle gespielt hat: Heimat.

Auf den ersten Seiten von Die Enden der Parabel sinniert Tyrone Slothrop verbittert über seine Wurzeln im amerikanischen Geldadel. „Scheiße, Geld und das Wort, die drei amerikanischen Wahrheiten, die die amerikanische Maschine in Gang hielten, ergriffen von den Slothrops Besitz, fesselten sie für immer an das Schicksal ihres Landes. Doch ihre Geschäfte florierten nicht – gerade, dass es ihnen gelang, sich zu erhalten.“ Es klingt wie eine unfreundliche Darstellung der Pynchons – einer jener alten neuenglischen Familien, deren Geschichte für die Nachkommen ein erdrückend schweres Erbe darstellt. Für den angehenden Schriftsteller, ausgestattet mit eigenen Ideen und einer guten Portion Starrsinn, war sie Grund zu Stolz und Verlegenheit.

Der Name geht zurück auf Pinco de Normandie, der an der Seite von Wilhelm dem Eroberer 1066 nach England übersetzte. In Amerika wird der Familienname von Thomas Ruggles Pynchon fortgeführt, dem Groß-Großonkel des Autors und Präsidenten des Trinity Colleges in Hartford, Connecticut – dem ersten Pynchon, der mit der Darstellung seiner Familie in einem Roman nicht einverstanden war. (Nathaniel Hawthornes Das Haus mit den sieben Giebeln handelt von den „Pyncheons“). Unter den Pynchons waren Denker, Landvermesser und unorthodoxe Pfarrer. Als Thomas Pynchon 1937 in Oyster Bay auf Long Island geboren wurde, hatten sich die Pynchons in der gehobenen amerikanischen Mittelschicht gemütlich eingerichtet.

»Er war schlaksig, unsportlich und hatte hervorstehende Schneidezähne«

Sein Vater Thomas Sr. erinnerte sich dem späteren Präsidenten Teddy Roosevelt beim gemeinsamen Kirchgang die Hand geschüttelt zu haben. Er blieb loyaler Anhänger der republikanischen Partei, genauso wie fast das gesamte Long-Island-Establishment. In den schnell wachsenden, vornehmlich weißen Vororten von New York wurde Eisenhower gewählt. Thomas Sr. wurde, genau wie sein Vater vor ihm, Ingenieur. Allerdings engagierte er sich für kurze Zeit in der Politik. Er war der Verkehrsdirektor für Oyster Bay und für eine kurze Zeit Bürgermeister, bis er wegen eines Betrugsfalles angeklagt wurde. Während einer Anhörung gestand er Geschenke angenommen zu haben: „Ich habe einige Christsterne geschenkt bekommen und bei einem habe ich es sogar geschafft ihn am Leben zu halten.“ Dann richtete er sich an seinen Ankläger und fuhr fort: „Es wird mir eine ganz besondere Freude sein, ihn auf ihr politisches Grab zu pflanzen.“ Er verlor den Prozeß und musste dem ersten demokratischen Bürgermeister nach 32 Jahren Platz machen. Sein Sohn war da schon aus dem Haus, aber der hatte genug von lokalpolitischer Selbstgefälligkeit mitbekommen, um als Titel für sein erstes Buch „Die Republikanische Partei ist eine Maschine“ in Betracht zu ziehen. Ein Familienfreund erinnert sich an die Pynchons als sehr bildungsbeflissene Familie. In ihrem einfachen Einfamilienhaus ergänzte eine große Bibliothek die Ahnengalerie. Am Sonntag teilten sich die drei Kinder zwischen den Kirchen auf – Episkopalkirche für den Vater, Katholische Kirche für die Mutter –, um dann später in Rothmann’s Steakhouse wieder zusammenzukommen.

Tom war schlaksig, unsportlich und hatte hervorstehende Schneidezähne, für die er sich schämte. Außerdem stotterte er und hatte das Gefühl, er habe Ähnlichkeit mit der Comicfigur Schweinchen Dick. Der gleiche Familienfreund führt einige von Pynchons „Problemen im sozialen Umgang“ auf seine „dysfunktionale Familie“ zurück – ohne weiter auszuführen, was er damit meint. Pynchon selbst hat nie über seine Eltern geredet, vor allem nicht, als er jung war. Nur eine kurze Bemerkung ist überliefert. In den 1960ern, während eines Ausfluges durch Big Sur in Kalifornien, wurde seiner damaligen Freundin Mary Ann Tharaldsen auf der Fahrt schlecht. Sie wollte an einer Bar anhalten und einen Kurzen trinken, um ihren Magen zu beruhigen. Mary Ann Tharaldsen zufolge ging Pynchon komplett an die Decke und erklärte ihr, er ließe nicht zu, dass sie mitten am Tag anfange zu trinken. Er habe gesehen, wie seine Mutter seinem Vater im Rausch mit einer Wäscheklammer ins Auge gestochen habe, so seine Rechtfertigung. Laut Tharaldsen, die mit ihm zusammenlebte, war dies das erste und einzige Mal, dass er seine Familie erwähnte. „Er hatte den Kontakt zu ihnen abgebrochen,“ sagt sie. „Irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein.“

Pynchon ist den Großteil seines Lebens kreuz und quer durchs Land gereist

Pynchon ist den Großteil seines Lebens kreuz und quer durchs Land gereist

Der junge Pynchon, ein unersättlicher Leser und ein frühreifer Schreiber, übersprang bereits vor der High School zwei Klassen. Seine Entfremdung von der kleinbürgerlichen Welt der New Yorker Vororte verarbeitete er in intelligenten Autoritätsparodien. In der Schülerzeitung schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen einige frei erfundene Kolumnen, in denen Lehrer Drogen nahmen, mit Waffen um sich schossen, und durch Streiche in den Wahnsinn getrieben wurden. In einer Geschichte machte ein linker Unruhestifter „unsanft Bekanntschaft mit dem harten Ende eines Schlagstocks.“ Pynchon erinnerte sich später daran, dass seine erste wirklich ehrliche Geschichte den Zweiten Weltkrieg behandelte – auch wenn sie in Pynchons Erinnerung gleichzeitig davon erzählte, wie man die lähmende Atmosphäre im Nachkriegsamerika hinter sich lassen könne. „Idealismus ist nicht gut“, fasste er zusammen. „Jede wirkliche Hingabe zu einem abstrakten Zustand führt nur zu unangenehmen Dingen wie Kriegen.“

Physikingenieurwesen war der härteste Studiengang an der Ivy League Universität Cornell und sollte Amerikas technische Elite für den Kalten Krieg hervorbringen – die besten und klügsten Köpfe des Landes. Ein Professor nannte seine Studenten „intellektuelle Supermänner“; Pynchons alter Freund David Shetzline erinnert sich an sie als die „Rechenschieber-Jungs.“ Nach weniger als zwei Studienjahren entschied sich Pynchon jedoch, Cornell zu verlassen und sich einer anderen Institution des Kalten Krieges anzuschließen: der Marine. Er hat selbst mal geschrieben, dass „das einzige Seminar, in dem ich je durchgefallen bin“, mathematische Analysis gewesen sei. Aber er hat sich immer schlechter gemacht, als er war, um Interesse von sich wegzulenken. Seine Professoren jedenfalls erinnerten sich an durchgehend gute Noten. Tharaldsen sagt, sie habe Pynchons IQ-Werte gesehen, die irgendwo in den 190ern lagen. Warum also ist er gegangen? Sehr viel später schrieb er, dass er in seiner Zeit an der Uni gespürt habe, „wie eine andere Welt da draußen summt und brummt“ – ein Gefühl, dass ihn für den Rest seines Lebens von einer Stadt in die nächste treiben sollte. Außerdem hatten ihn die Bücher seines amerikanischen Vorgängers Thomas Wolfe und des englischen Romantikers Lord Byron in ihren Bann gezogen. Er wollte ihrem Beispiel folgen: Abenteuer selbst erleben, nicht nur aus der Vogelperspektive zuschauen.

Obwohl er von der Marine jene Geschichten über Ausschweifungen und Inkompetenz mitnahm, die seinen ersten Roman V. antreiben, fiel Pynchon dort nie besonders auf. Stephen Tomaske, ein Bibliothekar, der Jahrzehnte damit verbracht hat Pynchons Leben nachzuverfolgen, hat ein paar alte Schiffskameraden ausfindig machen können, die sich allerdings an nicht viel mehr als seinen Namen erinnern konnten. Als sie in Barcelona angelegt haben und die anderen Seeleute in die Bars und Bordelle ausgeschwärmt sind, habe er sich stattdessen den Gipsabguss von Chopins linker Hand angeguckt, so zumindest der Eindruck von Tomaske. Alles war für Pynchon Wunder und Sehenswürdigkeit. Pynchon sollte später schreiben, dass ihn diese Zeit während der Suez-Krise „vom Romantiker zum Klassizisten machte“; womit er meinte, dass er zu einem Schriftsteller wurde, der „andere Menschen interessanter fand als sich selbst, und deshalb auch lieber über andere Menschen schrieb.“ Seine Freunde aus der Marine haben gesagt, dass er nicht geplant hätte, wieder an die Uni zurückzukehren. Aber genau das hat er gemacht – dieses Mal, um englische Literatur zu studieren.

Er war immer schon Beobachter, selten Teilnehmer.

Er war immer schon Beobachter, selten Teilnehmer.

„Ich fand ihn etwas merkwürdig,“ erzählt Pynchons Freund aus seiner Zeit in Cornell, Kirkpatrick Sale. „Er blieb die meiste Zeit für sich.“ Aber der ziegenbärtige Einzelgänger kam doch dann und wann auf ein Bier raus und zupfte an einer Gitarre rum. Er und Sale fingen an eine Operette namens „Minstrel Island“ (Die Insel der Sänger) zu schreiben. Im Zentrum steht ein Land, das zum Fluchtort für Künstler wird, die aus einem spießigen, von IBM beherrschten Amerika fliehen. „Diese ganze Welt der grauen Anzugträger, das war unsere Zukunft,“ sagt Sale, „und wir wollten da natürlich nicht enden.“ Das alberne, unvollendet gebliebene Musical war ein Vorläufer für Pynchons großes Lebensprojekt: Die Fantasien und Ängste von Menschen darzustellen, die vor einer alles verschlingenden Maschine (Republikaner, digitale Systeme, was auch immer) weglaufen. Wie Pynchon schlagen die Protagonisten seiner Bücher zunächst einen schnurgeraden Lebensweg ein – Slothrop der weiße, protestantische Soldat, Oedipa Maas aus Die Versteigerung von 49, die von einer Tupperparty nach Hause kommt. Es sind gut integrierte Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die von schrecklichen Visionen aus ihr vertrieben werden.

Pynchon hat immens von der sehr anspruchsvollen Englischfakultät in Cornell profitiert (auch wenn es keinen Beweis gibt, wie viele annehmen, dass er von Vladimir Nabokov unterrichtet wurde). Er lernte jedoch genauso viel von seinen Mitstudenten wie von seinen Professoren. Er wohnte zusammen mit dem Schriftsteller und Sänger Richard Fariña, der sein bester Freund wurde, und in gewissem Sinne sein Alter Ego. Fariña war der größte Lebemann auf dem Campus, jemand, der wusste, wie man einen Personenkult um sich erschafft. Pynchon beschrieb die Freundschaft in einem seltenen Interview, per Fax durchgeführt: „Er war der Verrückte, ich war der Vernünftige. Er war der Engagierte, ich war zurückhaltend – er war entspannt, ich war überspannt.“ Shetzline erzählte später, dass Pynchon von „Richards magischer Wirkung auf Frauen fasziniert war.“ Fariña (und Sale) beteiligten sich auch an einer kleinen Revolte in Cornell, welche die Studentenunruhen der 1960er-Jahre vorwegnahm: Sie schmissen mit Eiern und hielten Schilder hoch, auf denen stand: HAUSPARTYS SIND MORALISCH!! PÄDAGOGISCH!! NOTWENDIG!! Pynchon – immer Beobachter, selten Teilnehmer – ging nicht hin.

Fariñas einziger Roman Been Down So Long It Looks Like Up to Me verwandelte diese Zeit in eine große Beat-Sause. Das Buch war genau die Art von mythologisierter und poetisierter Autobiographie, die Pynchon immer mied. Trotzdem hat er im Klappentext das Buch seines Freundes in den Himmel gelobt, als „eine Freude von Anfang bis Ende, wie ein Halleluja-Chor, perfekt gespielt von 200 Kazoo-Spielern mit absolutem Gehör.“ Der Wert lag für ihn darin, dass das Buch Zeugnis für eine Generation ablegte. Es war der Bildungsroman des Cornell-Kreises – einer Gruppe, die eigentlich ihren Platz im Establishment einnehmen sollte und die stattdessen die Hippie-Generation erfand.

Nachdem er seinen Abschluss als einer der Besten seines Jahrgangs gemacht hatte, lehnte Pynchon ein Lehrangebot an der Universität ab, und bewarb sich stattdessen auf ein Stipendium der Ford-Stiftung für das Schreiben von Opernlibrettos. Vielleicht war es der schiere Größenwahn der Bewerbung, die nicht mal ein genaues Thema vorschlug, der dazu führte, dass er sie Jahre später unter Verschluss hielt – oder die Tatsache, dass sie Teil eines Lebenstraumes war, der sich nicht erfüllt hatte. Die Konkurrenz des 22-jährigen Pynchon waren die etablierten Schriftstellern Robert Lowell und Richard Wilbur. Pynchon gab in der Bewerbung zu, nur zwei Geschichten veröffentlicht zu haben (und prahlte mit guten Kritiken in der Universitätszeitschrift und dem Verkauf einer dritten Geschichte). Dennoch beschrieb er seine schriftstellerische Entwicklung mit erstaunlicher Selbstsicherheit. Die Abschnitte seines bisherigen literarischen Schaffens gab er folgendermaßen an: „eine Tom-Wolf-Phase, eine Scott-Fitzgerald-Phase, eine Byron-Phase, eine Henry-James-Phase, eine Nelson-Algren-Phase, eine Faulkner-Phase“. Er könne sich vorstellen ein Libretto aus einer Science-Fiktion-Geschichte zu machen, vielleicht aus Ray Bradburys Mars-Chroniken (Pynchon wuchs mit dem Genre auf). Er zweifelte etwas an seinen Qualitäten als Lyriker, aber „ich habe eine Gitarre, auf der ich mir ab und zu die Zeit damit vertreibe, dass ich Rock ‘n’ Roll Songs schreibe.“ Außerdem äußerte er Präferenzen bei der Ortswahl: „Mein Mädchen geht in Chicago zur Uni.“

Das Mädchen und das Stipendium hätten für Pynchon die Möglichkeit auf ein geregeltes Mittelstandsleben bedeutet – sicheres Einkommen, eine Frau, ein erstes Haus. Gegen Ende seiner Zeit in Cornell hatte er eine sehr ernsthafte Beziehung mit Lilian Laufgraben. Pynchon hätte sie wohl geheiratet, aber ihre Eltern waren gegen die Beziehung, weil er nicht jüdisch war. In einem Artikel für den Playboy machte Jules Siegel, ein ehemaliger Freund von Pynchon, vielleicht absichtlich den Fehler sie „Ellen Landgraben“ zu nennen. Bis dahin hatten nur enge Freunde ihren richtigen Namen gewusst. Laufgraben heiratete 1962 einen Psychiater. (Heute leben sie nicht weit entfernt von Pynchon, weigern sich aber über die Verbindung zu reden). Die Trennung schmerzte Pynchon so sehr, dass er Kirk Sales Hochzeit in New York verpasste. Faith Sale vertraute er an, dass allein die Tatsache, dass Lilian „einen netten, zuverlässigen, reformiert-jüdischen Medizinstudenten aus ihrer Heimatstadt heiratet, reicht aus, um die ganze Gegend für mich zu verderben.“ C. Michael Curtis, ein gemeinsamer Freund von beiden, glaubt, dass das sehr plastisch geschilderte Zwischenspiel in V., in dem sich die jüdische Prinzessin Esther einer Nasenkorrektur unterzieht, Pynchons Art gewesen sei, „seinem Ärger über die Trennung Luft zu machen.“

Während er auf Lilian und die Antwort der Ford-Stiftung wartete, schlief Pynchon auf Isomatten in den Wohnungen von New Yorker Freunden. Seine Tage verbrachte er mit Schreiben, seine Nächte mit dem Ausleben von Beatnik-Fantasien: mit Free-Jazz-Auftritten von Ornette Coleman und mit der „Pflege seines zwei-Bier Minimums.“ (Er probierte auch Kiffen einmal aus, hasste es aber – zumindest bis auf weiteres). Das Stipendium bekam er nicht, aber seine Geschichte „Tiefland“ wurde vom Verlag Lippincott in einen Sammelband aufgenommen. Auch bot der Verlag an, den Roman zu kaufen, an dem er zu diesem Zeitpunkt arbeitete. Candida Donadio, seine unerschütterlich loyale und immens hilfreiche Literaturagentin, die ihm einer seiner Professoren vermittelt hatte, handelte 1500 Dollar für das Buch heraus, davon 500 als Vorschuss. Pynchon nutzte das Geld um abzuhauen.

Zwei seiner Cornell-Freunde, seine zukünftige Freundin Tharaldsen und ihr damaliger Mann David Seidler, waren nach Seattle gezogen und sie ermutigten Pynchon nachzukommen. Tharaldsen sagt, dass Pynchon „depressiv und niedergeschlagen war“, als er ankam. Sie arbeitete für Boeing und besorgte ihm einen Job als technischer Redakteur für das interne Firmenblatt, die Bromare Service News. Der Luftfahrtgigant entwickelte zu dieser Zeit gerade die „Minuteman“, eine Interkontinentalrakete für nukleare Sprengköpfe. Wahrscheinlich war sie die Inspiration für die deutsche Weltkriegsrakete V-2, die in seinem Roman Die Enden der Parabel als über den Himmel heulende Bedrohung auftaucht. (Pynchons Spuren zu folgen macht auch deshalb so viel Spaß, weil man die weitverstreuten Zusammenhänge zwischen seinen Werken und Ereignissen in der wirklichen Welt herstellen kann – seine Beziehung zu einer NSA-Agentin; wie er Charles de Gaulle in Mexico sieht; das Herumklimpern auf einem primitiven Synthesizer im Jahr 1972 usw.)

»Was ich hasse, ist drinnen zu sein, nicht das Draußen«

Ein Kollege bei Boeing erinnerte sich an Pynchon als schlecht gelaunten Einzelgänger. Aber trotz der frustrierenden Umstände schaffte er es, seinen ersten Roman V. punktgenau zum verabredeten Zeitpunkt nach 18 Monaten einzureichen. Nach einigen Monaten intensiven Redigierens, während derer das Manuskript umständlich zwischen ihm und dem Verlag hin und her geschickt wurde, nutzte er die 1000 Dollar, um seinen Job bei Boeing hinzuschmeißen. Er schwor sich nie wieder für ein Unternehmen zu arbeiten. Er nannte das Geld sein „Fluchtgeld“ – und das sollte so lange wie möglich halten. Also machte er sich dorthin auf, wo das Leben billig war; nach Mexiko.

Seine eigene Entfremdung begann sich während seiner Zeit bei Boeing zu einer Weltsicht zu fügen. Pynchon schrieb den Sales, dass Seattle „ein Alptraum“ sei. „Wenn es hier keine Menschen gäbe, wäre es wunderschön.“ In seinem nächsten Brief beschwerte er sich, dass „zehn, mehr oder weniger eigenständige Individuen“, die man bei Boeing „in einen Konferenzraum steckt, auf einmal zu etwas anderem werden: dem Magazin.“ Seine Briefe zeugen genau wie seine Bücher von der Spannung zwischen Individuen und Gruppen, zwischen Neugierde und hoffnungsloser Desillusionierung. Die meiste Zeit seines Lebens hat er Menschenmassen und Städte vermieden. Er hat einen Zeh ins Wasser anderer Kulturen und Gesellschaften gehalten, nur um ihn gleich wieder rauszuziehen; um sie wieder zu verlassen und aufs Korn zu nehmen. (Freunde beschreiben ihn als unvergleichlichen Imitator, auf Papier genauso wie als Person). Nur selten fragte er sich, warum er das tut – die Sales fragten ihn einmal, sehr viel später, ob er Mexiko auch gehasst habe. „Was ich hasse, ist drinnen zu sein, nicht das Draußen“, schrieb er zurück, „eine Art Todeswunsch, von dem ich nie wusste, dass ich ihn habe.“

In seinen wenigen öffentlichen Äußerungen hat Pynchon mit Ablehnung und Spott reagiert, wenn man ihn als „Einsiedler“ bezeichnete. „Ich glaube, dass ‚Einsiedler‘ nur ein Codewort ist, das von Journalisten erfunden wurde. Es bedeutet lediglich, dass einer nicht mit den Reportern sprechen will“, sagte er in einem Interview mit CNN. Oder er reagierte mit Selbstironie. Bei den Simpsons tauchte er mit einer Tüte über dem Kopf auf und schrie dem vorbeifahrenden Verkehr nach: „Lassen Sie sich mit einem zurückgezogenen Autor fotografieren!“ In Mexiko hat er es ausprobiert, das Leben in extremer Einsamkeit. Aber für die Einsiedelei eines J.D. Salinger war er nicht gemacht; dafür war er zu ruhelos. Seine Liebe für fiktive Verfolgungsjagden hat sich auch auf sein echtes Leben übertragen – er schien sie zu brauchen, ob in der Rolle des Verfolgers oder des Verfolgten.

V., Anfang 1963 veröffentlicht, war ein für die Zeit schockierend polymorphes, vielschichtiges Buch. Zwei bizarre Protagonisten stehen im Mittelpunkt: einerseits Benny Profane, der durch das Buch wie ein Jo-Jo träge auf und ab hüpft, und andererseits Herbert Stencil, der auf einer langen und abenteuerlichen Suche nach einer unsichtbaren, verborgenen Ordnung ist, die, wie der Titel des Buches, „V.“ heißt.

Pynchon wurde für einen National Book Award nominiert, neben dem Pulitzer der renommierteste Literaturpreis der USA; er gewann einen Faulkner-First-Novel-Award (die höchste Auszeichnung für ein Erstlingswerk) und wurde anschließend von der Presse belagert. In einem Brief an die Sales erzählte er mit einer Mischung aus Schmerz und freudiger Erregung von seiner Flucht vor zwei Time- bzw. Life-Reportern in Mexiko-Stadt. Er war nicht da, als sie vor der Tür standen. Seine Vermieterin sagte ihnen „sie wisse von nichts, und dass sie verschwinden sollten“. Das Wochenende über versteckte er sich in einem Motel. Danach holte er seine Sachen ab und floh nach Guanajuato. Er vermutete, dass sein Verleger Lippinfink den Reportern verraten hatte, wo er sich aufhielt. Er beendete den Brief an die Sales mit dem Appel, „bitte, bitte, helft mir verborgen zu bleiben.“

Seine Allergie gegen Fotos: bis heute gibt es nur drei Bilder.

Seine Allergie gegen Fotos: bis heute gibt es nur drei Bilder.

Was ihn letztlich aus seinem Versteck trieb, war Richard Fariñas Hochzeit mit Mimi Baez, der Schwester der berühmten Folksängerin Joan Baez. Pynchon nahm im August den Bus und fuhr die kalifornischen Küste hinauf, um als Trauzeuge bei der Hochzeit seines Freundes dabei zu sein. Laut Fariña hat sich Pynchon bei seinem Besuch hinter einer Ausgabe des Magazins Scientific American versteckt und ist erst wieder zu Leben erwacht, „als Tacos serviert wurden.“ Pynchon schrieb später an Mimi, dass Fariña ihn mit seiner „Allergie gegen Fotos aufgezogen hatte [...] Was ist los mit dir? Hast du Angst, dass Leute Nadeln reinpiksen, aqua regia drüber gießen werden? Wie hätte ich ihm sagen können, genau richtig, das ist das Problem.“

Nach Fariñas Hochzeit fuhr Pynchon weiter Richtung Norden, nach Berkeley, wo er sich mit Tharaldsen und Seidler traf. Die Leute, die versucht haben Pynchons Fährte zu folgen, haben sich über Tharaldsen jahrelang den Kopf zerbrochen. Sie wird als seine Frau in einer Alumni-Datenbank von 1966/67 geführt. Doch die wahre Geschichte ist nicht die einer heimlichen Heirat, sondern die einer komplizierten Scheidung – ihrer von Seidler. Pynchon und Tharaldsen verliebten sich schnell. Pynchon ging wieder zurück nach Mexiko-Stadt, kurz nachdem John F. Kennedy erschossen wurde, und Tharaldsen folgte ihm.

Tharaldsen erzählt, dass Pynchon in Mexiko die ganze Nacht durchgeschrieben, tagsüber geschlafen habe und vor allem für sich sein wollte. Wenn er nicht geschrieben hat, hat er gelesen – vor allem südamerikanische Literatur, hauptsächlich Jorge Luis Borges, der einen großen Einfluss auf sein zweites Buch hatte, Die Versteigerung von No.49. (Außerdem übersetzte er Julio Cortázar’s Kurzgeschichte „Axolotl“.) Er behielt seine merkwürdigen Arbeitsgewohnheiten sein Leben lang bei. Später, wenn er mitten in der Arbeit an einem Kapitel steckte, hat er nur noch von Fertiggerichten gelebt (und manchmal von Gras). Er hat seine Fenster mit schwarzen Laken abgedeckt, ist nicht mehr an die Tür gegangen und hat alles abgesagt, was auch nur vage nach Verpflichtung roch. Er hat häufig an mehreren Büchern gleichzeitig gearbeitet – drei oder vier in den 1960ern. Ein Freund erinnert sich daran, dass er 1970 bereits über das Thema des 1997 erschienenen Buches Mason & Dixon geredet habe.

Tharaldsen wurde dieser Alltag zu langweilig. Sie zogen bald weiter nach Houston und dann nach Manhattan Beach. Tharaldsen, die Malerin war, fertigte ein Portrait von Pynchon mit einem Schwein auf der Schulter an. Es war ein Verweis auf das Schweinefigürchen, das Pynchon immer mit sich in der Tasche trug und das er auf der Straße oder im Kino rausholte, um sich damit zu unterhalten. (Er identifizierte sich immer noch stark mit diesen Tieren, sammelte Krimskrams, der mit Schweinen zu tun hatte und unterschrieb sogar Mitteilungen an Freunde mit der Zeichnung eines Schweines.) Tharaldsen malte derweil ein weiteres Bild, in dem ein Mann mit riesigen Zähnen einen Hamburger verschlingt. Sie nannte es bodenloses, nicht füllbares Nichts. Pynchon fühlte sich angesprochen und hasste das Bild. Tharaldsen bestand darauf, dass es nicht Pynchon darstelle. Ihre Freundin Mary Beal war da nicht so sicher. „Ich weiß, dass sie dachte, dass er Leute verschlingt. In Sinne von – eigentlich sollte ich das nicht sagen, weil alle Schriftsteller das machen. Schriftsteller benutzen Menschen.“

Tharaldsen hat L.A. gehasst und entschied sich zurück an die Universität nach Berkeley zu gehen. „Ich dachte, die Leute dort waren alle unernste Sonnenkinder – bequeme Faulenzer! Aber Tom hat sich darum nicht gekümmert, weil er den ganzen Tag im Haus verbracht und die ganze Nacht geschrieben hat.“ Zur gleichen Zeit wollte Pynchon unbedingt seinen Verleger Lippincott loswerden. Er sah Die Versteigerung von No. 49 als schnellen „Schundroman,“ der vor allem das Vorkaufsrecht des Verlages untergraben sollte. Der Verlag hatte die Wahl entweder das Werk abzulehnen und ihn aus seinem Vertrag zu entlassen oder ihm 10.000 Dollar dafür zu zahlen. Sie zahlten trotz seiner eigenen Geringschätzung für das Buch. In seiner Einleitung zu der Kurzgeschichtensammlung Slow Learner schrieb er über Die Versteigerung von No. 49, er habe hier scheinbar das meiste wieder vergessen gehabt, was er bis dahin gelernt hatte. Mittlerweile ist das Werk Pflichtlektüre in Universitätsseminaren, und die Einstiegsdroge zum harten Zeug, seinem nächsten Buch: Die Enden der Parabel.

An dem Tag, an dem Fariñas Been Down So Long veröffentlich wurde, unternahm der Debütautor eine Spritztour auf dem Rücksitz eines Motorrads. Das Motorrad kam von der Straße ab und Fariña war sofort tot. Pynchon war am Boden zerstört. Er schrieb Fariñas Witwe Mimi, dass Fariña ihn „gegenüber neuen Erfahrungen und mir selbst“ offener gemacht habe. Nach dem Tod seines Freundes schien er noch mehr entschlossen, alleine für sich zu leben. Er soll deutlich ernsthafter mit Gras experimentiert haben, als noch 1965 in Berkeley; diesmal gefiel es ihm. Später hatte er immer ein kleines Schild über seinem Schreibtisch: MEIDE FAULHEIT. Die Enden der Parabel ist der Beweis dafür, dass er sich das Schild zu Herzen genommen hat. In Manhattan Beach waren die Möglichkeiten zum Faulenzen immer nur zwei Straßenecken entfernt. Von seinem Studio-Appartement waren der Strand und der nächste Dealer immer in Reichweite. Ablenkung boten das Meer und die nächste Lieferung „Panama Red“, eine besonders wirksame Grassorte, die ein ehemaliger Fallschirmjäger, der an posttraumatischem Stresssyndrom litt, nach Los Angeles schmuggelte.

Der damals mit ihm befreundete Dichter Bill Pearlman schrieb einmal, dass er „den Eindruck bekommen hatte, dass Pynchon an der Mittelschicht-Erwachsenenwelt nicht teilnehmen wollte“ – dass er „mehr Freude und Wissen von den Jungen bezog, und dass er selbst in einiger Hinsicht wie ein Kind war.“ Am Strand L.A.s wuchs um Pynchon herum eine Gemeinschaft, die aus der Distanz wie ein Kult aussah. Paradoxerweise hat diese geschlossene Gemeinschaft dazu beigetragen, Pynchons Ruf als Einsiedler zu zementieren. „Er war umgeben von einer Gruppe, die ihn erbittert verteidigt hat,“ sagt Jim Hall, selbst damals ein erweitertes Mitglied der Gruppe. „Entweder du wurdest irgendwie akzeptiert oder du wurdest nicht reingelassen.“

Mit seinen wild wuchernden Haaren, dem Schnauzer und seinen abgetragenen Army-Klamotten sah der Schriftsteller, der früher einmal dem Gentleman William Faulkner ähnlich gesehen hatte, jetzt eher wie Frank Zappa aus. Für eine Weile ließ er seine damalige Freundin, die Tochter der Schauspielerin Phyllis Coates, bei sich wohnen und passte auf ihren Sohn mit auf. Coates erinnert sich, dass „sie sich in diesem kleinen Loch eingeigelt haben.“ Er kam in dieser Zeit mit vielen unterschiedlichen Frauen zusammen; lebte sexuell sehr freizügig. Unter seinen Gespielinnen war auch Chrissie Jolly, die Frau des Playboy-Autors Jules Siegel. Siegel gab deshalb seinem Artikel über Pynchon im Playboy den Titel: „Wer ist Thomas Pynchon… und wieso ist er mit meiner Frau abgehauen?“

Siegel und Jolly haben ein kurzes Buch über Pynchon geschrieben, in dem Jolly erzählt, dass er „sich in jeden Charakter, den er wollte, verwandeln konnte. Er war durchtrieben, ging planvoll vor.“ Das war jedoch noch nicht alles. Sie schrieb außerdem, dass er „mehr als eine Ehe zerstört hat, weil er zu schüchtern war, selbst jemanden zu finden.“ Das klingt hart, aber Tharaldsen sieht es ähnlich: „Das scheint sein typisches Vorgehen zu sein“, sagt sie. „Er lebte sehr zurückgezogen, und die eine Art, wie er eine Verbindung zu Frauen aufbauen konnte, war durch seine Freunde. Es ist ein wiederkehrendes Muster.“

Die Enden der Parabel beginnt damit, dass eine Rakete über den Himmel heult. Aber statt mit einem Knall zu enden, zerfasert das Buch langsam, bis es zu Ende ist. Der flüchtige Protagonist Slothrop löst sich in Charakterfragmente auf und mit ihm die ganze Handlung. Pynchon schien sich nach der Fertigstellung des Romans genauso über das ganze Land zu verteilen. Er fuhr wie einer seiner Jo-Jo-Protagonisten kreuz und quer durchs Land. Seine Bücher handelten von Menschen, die auf der Flucht waren vor einem totalisierenden Komplex aus Regierungen und Industrie; und nun war er selbst für Monate unauffindbar. Sein Leben wurde immer mehr zur Verkörperung seines literarischen Projekts. Einziges Problem dabei: Das folgende Jahrzehnt draußen in der Wildnis schien seine Produktivität aufzusaugen.

Sein Lektor Cork Smith, der mit Pynchon schon an V. gearbeitet hatte, strich lediglich 100 Seiten aus dem ursprünglich 1300–seitigen Manuskript. Er verstand es einfach nicht gut genug, um stärkere Änderungen vorzunehmen. Das Buch wurde sofort als Meisterwerk gefeiert – allerdings als eines, das sehr viel einfacher zu kaufen war als durchzulesen. Die Jury des Pulitzerpreises nominierte das Buch 1974 im Bereich Belletristik, wies es dann jedoch ab, weil es zu obszön war – fast so, als wäre der eigentliche Zweck der Übung gewesen, Pynchons Außenseiterstatus zu unterstreichen. Das Buch gewann dann doch noch einen Preis: den National Book Award, der auf der Bühne jemandem ausgehändigt wurde, der Pynchon zu sein schien, sich dann aber als der Komiker Irwin Corey herausstellte. Corey war von Pynchons Verlag, der Viking Press, mit Pynchons Genehmigung zur Verleihung geschickt worden und dankte den Anwesenden mit einem Sammelsurium von Wortverwechslungen und absurden Witzen.

Vermeide Faulheit!

Vermeide Faulheit!

Vielleicht war Pynchon zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in New York. Von Manhattan Beach in L.A. war er Freunden ins kalifornische Marihuana-Paradies Eureka gefolgt, um danach auf einer New Yorker Couch zu landen. In einem Brief an die Shetzlines vom Winter 1974 machte er seiner Frustration über New York Luft. Er hielt die Stadt für entzaubert und ihren avantgardistischen Zenit für überschritten. Er regte sich über die „drittklassigen Intellektuellen“ auf, genauso wie über die selbstgerechten, linksliberalen Proto-Yuppies, „besser bekannt als die urbane Arschlochklasse.“ New York, schrieb er, ist das „dreckige, verwahrloste Herz“ eines verfallenden Imperiums. Er konnte „das ‚Dichterleben’ nicht mehr ertragen.“ Er und seine Freundin wollten nach Europa ziehen oder vielleicht zurück an die Westküste. „Es klingt sehr nach ‚ziellosem Herumirren,’ nicht wahr?“

Pynchons Aufschrei war jedoch nicht Ausdruck von politischem Radikalismus, sondern vielmehr der Hilferuf eines Künstlers, der bei der Spaltung der amerikanischen Kultur zwischen allen Stühlen saß. Seine Freunde aus den 1960er-Jahren hatten sich in die Wälder Kaliforniens zurückgezogen, um in Hippiekommunen zu leben (das Thema seines Romans Vineland, an dem er mehr als 17 Jahre arbeitete, bevor er ihn 1990 endlich fertig stellte). Gleichzeitig hatten seine literarischen Freunde sich bereits gut integriert in die „urbane Arschlochklasse,“ die er verachtete. Eines der Schlüsselwörter in Die Enden der Parabel ist „übergangen,“ bzw. „die Übergangenen,“ jene Menschen, die für Pynchon die Außenseiter, die Unterdrückten, die nicht-Elitären sind. Und wo stand er?

„Er zog sich zurück und tauchte ab“, erzählt Shetzline. „Er hat sich eine Auszeit genommen vom ewigen Hin und Her, von all der kulturellen Orientierungslosigkeit. Zwischen den beiden Lagern gab es nur wenig Platz. Es gab keinen Ort, kein Zuhause, zu dem man einfach zurückkehren konnte.“ Pynchon redete davon, mit dem ‚Hound,’ den Greyhound-Bussen, die kreuz und quer durch Amerika fahren, von einer Stadt in die nächste zu fahren, die Welt vom Rücksitz der Busse vorbeiziehen zu sehen, während dabei die Thermoskanne mit Kaffee in seiner Hand langsam kalt werden würde.

Manchmal fuhr er raus zu den Shetzlines, ins ländliche Oregon. „Ich weiß noch, wie Pynchon auf unserem Pferd saß“, erzählt Shetzline. „Er sah aus wie Don Quixote.“ Shetzlines Ex-Frau Mary Beal erinnert sich, dass er meistens bis spätabends vor dem Fernseher saß. Dazu passt, dass sein Freund Kirk Sale davon berichtet hat, dass Pynchon sich mit seinen Kindern einmal um die Wahl der Zeichentrickserie gestritten habe. Nachdem er im Zimmer ihrer Tochter geschlafen hatte, machte er Beal ein merkwürdiges Kompliment: „Die Leute stecken mich ständig in die Zimmer ihrer Kinder und ihr Bett ist das erste, das nicht nach Pisse riecht.“ Die Shetzlines waren Teil eines Untergrund-Netzwerkes für einen Autor auf der Flucht. „Er war der große Geheimnisvolle“, erzählt sie.

Beal erinnert sich auch an eine Episode während einer Party in den Wäldern, bei der ein Bekannter rumerzählte, dass „Tom ein berühmter Schriftsteller ist.“ „Und natürlich erkannte ihn niemand, da waren nur ein paar Dorfleute – niemand in der Gegend liest anspruchsvolle Literatur. Es hat ihn so gekränkt, dass er am nächsten Tag abgereist ist.“ Was war so kränkend? Beal meint, dass es mehr damit zu tun hatte, dass niemandem Notiz von ihm genommen hat, als mit der Offenlegung seiner Identität.

Ein von Pynchon-Jägern identifiziertes Versteck aus dieser Zeit liegt an der amerikanischen Westküste. Von 1976 bis 1977 hat er mehr als ein Jahr in einer hübschen, aber winzigen Holzhütte im kalifornischen Trinidad verbracht, nur 100 Meter Waldweg entfernt von der malerischen Felsküste des Pazifiks. Die Hütte steht mitten in Humboldt County, einem Hippieparadies im Norden Kaliforniens, dem Herz von Vineland.

Vineland war eigentlich gar nicht das Buch, das er laut Vertrag schreiben sollte. Sein Verlag Viking Press hatte ihm einen Vorschuss von einer Million Dollar zugesagt; jeweils 50.000 Dollar in den ersten drei Jahren, um zwei Bücher zu schreiben. Einen Roman über die britischen Landvermesser Charles Mason und Jeremiah Dixon, das unter dem Titel Mason & Dixon veröffentlicht wurde und ein weiteres Buch über einen Versicherungssachverständigen, der nach Japan reist, um die von Gozilla angerichteten Schäden zu begutachten. Das zweite Buch wurde niemals fertiggestellt. Während seines ersten Eremitenexperiments in Mexiko hatte er 1000 Dollar zur Verfügung gehabt; nun lebte er vom Gehalt eines Chefarztes in einem besseren Unterstand und war Lichtjahre von der Fertigstellung eines Buch entfernt. Er war den Medien genauso entkommen wie den Drogenfahndern, aber nicht seiner eigenen Paranoia. Pynchon hatte es geschafft, sich dem System zu entziehen; aber wie sah es mit der Vermeidung der Faulheit aus, wie es das Schild über seinem Schreibtisch forderte?

Es brauchte nichts weniger als die Liebe seines Lebens, um ihn aus der Wildnis zum Schreiben, zu Familie und nach New York zurückzuholen. Melanie Jackson war eine scharfsinnige und ehrgeizige junge Literaturagentin („die hübscheste Frau im Verlagswesen,“ erinnert sich ein Lektor), die für Candida Donadio, Pynchons Agentin, arbeitete. Sie war die Urenkelin von Präsident Teddy Roosevelt und die Enkelin eines Richters am Supreme Court – eine höhere Tochter aus tief-protestantischer Familie, die nicht weit entfernt von Pynchons Heimatort Oyster Bay groß geworden war.

Wie alle guten Literaturagenten war Candida Donadio Pynchons erster Komplize und bester Helfer gewesen. Sie war der wichtigste Knotenpunkt seines Untergrundnetzwerkes. Donadio erzählte, dass Pynchon in ihrer Wohnung übernachtete, als die Beziehung mit Jackson anfing. Ein Streit zwischen Jackson und Donadio führte schließlich dazu, dass Jackson die Agentur 1981 verließ. Ihr erster Kunde war ihr Freund, Thomas Pynchon.

Das Paar entschied sich zusammen einen Band mit seinen frühen Kurzgeschichten rauszubringen. Sein Lektor und Verleger Cork Smith bot 25.000 Dollar, aber am Ende wurden sie für 150.000 Dollar an den Verlag Brown verkauft. Pynchon schrieb einen Einleitungstext, in dem er vier der fünf Geschichten als „Lehrstücke“ verwarf. Es ging hierbei vor allem darum, Jackson ihren ersten Erfolg als Agentin zu verschaffen. Das Buch war aber auch eine Abrechnung mit seinem jüngeren Selbst, mit dem Wegrennen und Verstecken, den Drogen und der Schreibblockade. Er schrieb von den widersprüchlichen Reaktionen, die der Blick zurück bei ihm hervorgerufen hatte – Ablehnung und der Wunsch umzuschreiben. „Diese beiden Impulse haben jener Gelassenheit mittleren Alters Platz gemacht, in der ich jetzt meine ein gewisses Maß an Klarheit darüber erreicht zu haben, was für ein junger Schriftsteller ich einmal war.“

Wie ein Taucher mit Sauerstoffflasche kam Pynchon langsam wieder an die Oberfläche des Lebens in der Mehrheitsgesellschaft zurück. Er verbrachte noch einige Jahre in Kalifornien, aber ab dem Sommer 1988, als er ein MacArthur-„Genie-Stipendium“ über 310.000 Dollar bekam, erreichte man ihn bei Jackson in New York. Vineland kam zwei Jahre später raus. Es war ein erstaunlich lockeres, zugängliches und albernes Buch, das vom letzten Rückzugsort der Linken in Reagans Amerika handelte. Es enttäuschte jene Leser, die an die grelle Komplexität seiner früheren Werke gewöhnt waren. Einer der Enttäuschten war der junge Schriftsteller David Foster Wallace. In einem Brief an Jonathan Franzen schrieb Wallace, dass Vineland „herzzerreißend schlecht“ gewesen sei. „Ich habe den starken Verdacht, dass er die letzten zwanzig Jahre vor allem gekifft und ferngesehen hat.“ Sehr weit von der Wahrheit war das anscheinend nicht entfernt, aber etwas übersah Wallace doch. Sein gefallener Held hatte bereits eine weitere Metamorphose hinter sich. Auch wenn er sich nicht den konservativen Reaganites in die Arme warf, so hatte er sich von den verfilzten Marihuana-Züchtern im nordkalifornischen Humboldt County doch endgültig emanzipiert.

1990 heirateten Pynchon und Jackson und ein Jahr später bekamen sie ihren ersten Sohn, getauft auf den Namen Jackson. Pynchon erzählte Freunden, dass er seine Eltern häufiger sah. Sein nächstes Buch Mason & Dixon war eine sehr viel gehaltvollere Erzählung als Vineland, und gleichzeitig lebhafter, kraftvoller als Die Enden der Parabel. Die Geschichte erzählt differenziert von seinen amerikanischen Wurzeln. Die Protagonisten des Buches sind, genau wie viele von Pynchons Vorfahren, Landvermesser. Die Darstellung der eigenen Wurzeln ist fast wohlwollend, insbesondere wenn man es mit der Beschreibung der saft-und kraftlosen Slopthrops, in Die Enden der Parabel vergleicht. Auf Mason & Dixon folgte mit Gegen den Tag ein umfassender und chaotischer Angriff auf den Kapitalismus, verfasst von einem Schriftsteller, der sich mit dessen Annehmlichkeiten mehr und mehr angefreundet hatte.

Er, der ehemalige Dauergast in heruntergekommenen Absteigen, mietete für sich und seine Familie eine Wohnung an der „Yupper West Side“, an der teuren, vor allem von Yuppies bewohnten Upper West Side von New York und begann vorsichtig die Öffentlichkeit zu suchen. Er fing an, für die New York Times zu schreiben: Einen Essay, in dem er Ludditen, Maschinenstürmer und Technikfeinde verteidigte; eine Rezension von Liebe in Zeiten der Cholera; und einen Artikel über seine Lieblingstodsünde: Faulheit. Früher hatte er sich mit Kollegen meist über Briefe und Anrufe ausgetauscht. So rief er seinen Schriftstellerkollegen Harlan Ellison „ab und zu“ an – einmal um ihn dazu zu drängen, keine Einkommenssteuer mehr zu zahlen – ohne ihm dabei jemals seine eigene Nummer zu geben. Und jetzt traf er sich zum Essen mit Don DeLillo, Salman Rushdie und Ian McEwan. Für die ums Überleben kämpfende Sitcom Nachtschicht mit John tauchte er für eine Pynchon-Episode im Fernsehen auf – Bedingung war nur, dass man sein Gesicht nicht sah und sein Fernseh-Avatar ein T-Shirt des Songwriters Roky Erickson trug. 10 Jahre später stimmte er einem Auftritt bei den Simpsons zu, vor allem, so sagte er, weil sein Sohn Fan war. Simpons-Produzent Al Jean erinnert sich an eine leger gekleidete, schnauzbärtige Gestalt, im Schlepptau Kind und Frau. Sie redeten über Privatschulen und Küchenrenovierungen. Pynchon lehnte einen Fototermin höflich ab: „Normalerweise lasse ich keine Bilder machen.“ Zweimal tauchte er in der Serie auf, mit einer Papiertüte überm Kopf. Beim ersten Mal änderte er nichts am Drehbuch, aber beim zweiten Mal erlaubte er sich einen Witz: „Das Frittieren von Latke 49“(Latke sind Kartoffelpuffer).

Von den verfilzten Marihuana Züchtern in die Yupper West Side

Von den verfilzten Marihuana Züchtern in die Yupper West Side

Seine Ausflüge in das Licht der Öffentlichkeit haben etwas Wahlloses. Sie hängen meist mit persönlichen Gefälligkeiten zusammen. Zum Beispiel schrieb er den Covertext für ein Album der Indie-Rockband Lotion und führte dann noch ein Interview mit den Musikern für Esquire, weil er dem Drummer der Band, Rob Youngberg, bei einem Ehemaligen-Treffen seiner Highschool über den Weg gelaufen war. Beide waren im Abstand von 25 Jahren vom gleichen Musiklehrer unterrichtet worden. Dann rannte Pynchon auch noch beim Geldabheben in Oyster Bay in Youngbergs Mutter hinein, die ihm Lotions neues Album in die Hand drückte. Pynchon mochte es und saß kurz darauf im Tonstudio, machte Notizen und betete abstruse Fakten über Bändchenmikrofone runter.

„Ich war überrascht, wie natürlich witzig er war“, erzählt Youngberg. Sein Bandkollege Bill Ferguson war Lektor beim Esquire und schlug ein Interview zwischen Schriftsteller und Band im Magazin vor. Zum Erstaunen aller Beteiligten stimmte Pynchon zu. Der Anrisstext zum Interview war derart merkwürdig, dass Pynchon ihn geschrieben haben muss: „Der zurückgezogene Schriftsteller liebt Rock ‘n’ Roll, und dessen Name ist Lotion. Er wollte Ukulele spielen, also hat die Band ihm ein Interview gegeben.“ Ferguson war von Pynchons Wissen, Humor und Intensität beeindruckt – aber er erinnert sich auch an dessen Sprung-und Launenhaftigkeit. „Er ist jemand – wie soll ich sagen – du siehst ihn und er sieht dich. Wie Robert de Niro in Brazil. Er kennt die Wahrheit, aber er muss jetzt weiter: ‚Macht weiter, ich bleib nicht lange.’“

Lange blieb er nicht, und doch ist er ist jetzt schon ein Vierteljahrhundert in derselben Stadt. Für jemanden, der derart auf seine Privatsphäre bedacht ist, wird Sesshaftigkeit früher oder später zum Problem. Irgendwann bekommt die Presse Wind, erst recht, wenn Briefe von ehemaligen Freunden öffentlich gemacht werden – wie die mit Donadio und den Sales. Im Falle der Veröffentlichung der Donadio-Briefe reagierten Pynchons Anwalt und seine Literaturagentin/Ehefrau schnell, um sie unter Verschluss zu halten. Pynchon hat Öffentlichkeit immer bekämpft, aber wir betrachten die Geheimnisse der Mächtigen anders als die der Schwachen – und Pynchon gehört mittlerweile zu Ersteren. Der Selbstschutzreflex erscheint nun, da er von seiner Berühmtheit im amerikanischen Mainstream profitiert, weniger politisch sondern vielmehr psychologisch motiviert.

„Seine Literatur hat etwas Herrisches, Autoritäres“ erzählt Kirk Sale, mit dem Pynchon den Kontakt abgebrochen hat, nachdem dieser mit einem Journalisten geredet hatte. „Er erschafft eine Welt, die genau so funktioniert, wie er es will. Wenn sie das nicht tut, dann mag er sie nicht. Daran anschließend könnte man sagen, dass er nicht nur seine totale Kontrolle über seine Geschichten wollte, sondern auch über sein eigenes Leben.“

Die letzte Sache, die wir klarstellen sollten: Alle Pynchon Romane sind auf die eine oder andere Weise autobiographisch – allen „klassizistischen“ Ansprüchen zum Trotz. Natürliche Mängel basiert zum Beispiel wesentlich auf Personen, die Pynchon aus seiner Zeit in L.A. kannte, inklusive eines dauerbekifften, sandalentragenden Detektivs, der seine eigenen Züge trägt. Dass gerade dieses Buch derzeit verfilmt wird, deutet vielleicht darauf hin, dass es ihm besonders am Herzen liegt. Vielleicht erfüllt sich hier aber auch nur ein filmverrückter Autor einen Lebenstraum. Der Film wird gerade vom Regisseur Paul Thomas Anders, ebenfalls bekannt für seinen autokratischen Stil, mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle gedreht.

Aber kein Buch ist persönlicher als sein neuestes, Bleeding Edge. Es handelt von einem ergrauten Nomaden, der seinen labilen Frieden mit New York geschlossen hat, mit der Konformität seiner bürgerlichen Existenz und mit einem Leben in der Öffentlichkeit. Als Motto ist dem Buch ein Zitat des Kriminalsautors Donald Westlake vorangestellt, das New York als „rätselhaften Verdächtigen“ beschreibt, „der die wahre Geschichte kennt, sie aber nicht preisgibt.“ Es gibt eine Verfolgungsszene genau an der Kreuzung, an der Jahre zuvor ein südafrikanischer Journalist Pynchon nachgerannt ist, um ein schlechtes Foto von ihm zu schießen und ihm danach die Hand zu schütteln. („Nehmen sie ihre Dreckshände weg“, hat Pynchon geantwortet). An einer anderen Stelle im Buch schaut die Heldin in einem elegischen Rückblick auf ein Gebäude, das offensichtlich das Apthorp ist, eines der bekanntesten (und teuersten) Bauwerke New Yorks. Sein Sohn wuchs mit dem Blick auf dieses New Yorker Wahrzeichen auf – mit exakt der Aussicht, die im Buch beschrieben wird. Man bekommt den Eindruck, dass solche Spielchen mit dem Feuer für einen zurückgezogenen Schriftsteller nicht ganz ungefährlich sind – obwohl die Familie seit vier Jahren nicht mehr in dem Apartment wohnt. Sie haben sich zusätzlich ein Ferienhaus auf Long Island gekauft, weniger als eine Stunde von Oyster Bay entfernt. Bleeding Edge beginnt und endet mit Maxine, einer Privatdetektivin, spezialisiert auf Bilanzbetrug, die ihren frühreifen Sohn Ziggy behütet. Immer wieder machen sich beide über Collegiate lustig, die Privatschule, auf die Pynchons Sohn gegangen ist.

»Paranoia darf im Leben genau so wenig fehlen, wie Knoblauch in der Küche«

Das Buch ist witzig, voller Pointen und in vielerlei Hinsicht Natürliche Mängel sehr ähnlich. Die Verschwörungstheorien, die Pynchon im Laufe des Buches entwickelt, werden mit einer nonchalanten Gleichgültigkeit abgetan. Maxine scherzt: „Paranoia darf im Leben genau so wenig fehlen, wie Knoblauch in der Küche. Zu viel davon gibt es nicht.“ Der vermeintliche Wendepunkt des Buches, der 11. September 2001, wird mit derselben Distanz und demselben Gefühl der Betäubung beschrieben, mit der sich die Anwohner New Yorks heute an den Tag erinnern: als eine Katastrophe, die schnell übertönt wurde vom Dröhnen der Popkultur, vom Geschrei der ungerechtfertigten Kriege und vom Baulärm einer Stadt, die nach immer neuen Bauvorhaben lechzt.

Pynchons Double in dem Buch ist Horst, der Ehemann Maxims, der mal mit ihr zusammen ist, dann wieder nicht. Er gesteht bei einem Ikea-Besuch, dass sein Ideal eines Wohnraumes „ein nicht zu schäbiges Motel irgendwo im Mittleren Westen ist, irgendwo oben im amerikanischen Ödland.“ Er ist ein Vagabund, der in eine Grube gefallen ist, aus der er nicht mehr herauskommt. Die meiste Zeit des Romans verbringt er damit, Filmbiografien von berühmten Golfern und Schauspielern anzusehen. Der reale Pynchon geht zwar aus dem Haus; ein Bekannter berichtet, dass er Pynchon erstaunlich häufig auf der Straße sehe. Den Popreferenzen seines neuen Buches zufolge muss er dennoch einen guten Teil seiner Zeit vor dem Fernseher verbringen. Eine nur unvollständige Liste der Popkulturreferenzen in dem Buch: Ace Ventura, Ally McBeal, Battlestar Galatica, BeanieBabies, Britney Spears, Furbies, Geraldo, Hypnotiq, Jamiroquai, Sketches aus SaturdayNight Life, Pokémon, der „Rachel“-Cut, inspiriert von der gleichnamigen Figur aus Friends, Warren G., „Whoop There It Is,“ Wolfenstein, Zima.

Unter dem Spott, den er über eine weitere Gemeinschaft gießt, zu der er selbst gehört, schimmert jedoch eindeutig Sehnsucht durch – besonders in der poetischen Beschreibung zweier Orte. Der eine ist eine winzige Insel vor Staten Island, der andere ein virtueller Ort – ein nicht kommerzieller Teil des im Jahre 2001 noch anarchischen Internets. Pynchon vergleicht beide miteinander: „Hinter der Island of Meadows, genau wie hinter DeepArcher, sind Entwickler her. Die vorübergehenden Besucher, die auf die Unverletzlichkeit des Ortes vertrauen, werden eines Morgens, in nicht allzu ferner Zukunft, unsanft vom leise flüsternden Überfall kommerzieller Suchprogramme überrascht werden, die sich gierig eines weiteren Rückzugsortes bemächtigen werden, um ihn in ihr Verzeichnis aufzunehmen und schlussendlich für ihre unheiligen Zwecke zu missbrauchen.“

Das größte Vergnügen an einem Roman von Thomas Pynchon, und das gilt bis heute, liegt in den Konflikten, die der Autor selbst immer empfunden hat: zwischen dem Verlangen, die Welt in sich aufzunehmen und sie doch auf Abstand zu halten; sie einerseits zu verehren und sie andererseits zu verspotten. Immer wollte er die Welt ganz in sich aufnehmen und doch sich (und mittlerweile seine Familie) davor schützen, von ihr verschlungen zu werden. Und damit endet das Buch dann auch, mit der Bitte, unschuldige Kinder „vor der Erfassung durch ein System“ zu schützen. Die Orte unbändiger Freiheit, die er in Bleeding Edge beschreibt, unterscheiden sich letztlich kaum von Minstrel Island, dem utopischen Künstlerexil, das er bereits 1958 in Cornell besang. Er hat einen solchen Ort bis heute nicht gefunden, zumindest nicht außerhalb der Literatur.

Boris Kachka lebt und arbeitet in New York, wo er für das New York Magazine meist sehr ausführliche Autorenporträts und Hintergrundgeschichten verfasst. Diese Geschichte ist dort im August 2013 unter dem Titel „On the Thomas Pynchon Trail: From the Long Island of His Boyhood to the ‘Yupper West Side’ of His New Novel“ erschienen.

Illustrationen von Liam Golden.