Eine halbe Drehung und alles wird rot

Mit dem Fotografen Andreas Gursky beim größten Massenschauspiel Nordkoreas Dieser Artikel erscheint hier mit freundlicher Unterstützung von waahr.de.

Am Anfang ein Bild. Das May Day-Stadium in Pjöngjang, Hauptstadt von Nordkorea. In der Mittelloge, unter einem zehn Meter hohen Porträt des Staatsgründers Kim Il-sung, umgeben von 90.000 nordkoreanischen Soldaten in Uniform, ein Fremder: der Fotograf Andreas Gursky, der die Blumenvasen unter dem Foto zur Seite schiebt, um seine Kameras besser aufstellen zu können. Zum sechsten Mal ist er jetzt im Stadion. Er hat sich Schritt für Schritt bis zu diesem heiligen Standpunkt hochgearbeitet, von dem aus er die beste Perspektive auf das Festspiel unten hat, auf Arirang, rhythmische Gymnastik mit 100.000 Mitwirkenden, die größte Massenveranstaltung Nordkoreas.

Vier Maschinen fliegen jede Woche nach Pjöngjang, zwei von Russland, zwei von China. Am Gate der Air Koryo in Beijing machen junge Amerikaner Späße und fotografieren sich unter dem LED „Pjöngjang“. Das macht Eindruck zuhause. Ein indischer Diplomat mit hellblauem UN-Pass trägt eine Uhr mit zwei Zifferblättern für unterschiedliche Zeitzonen. Ein pensionierter Sabena-Pilot möchte ein letztes Mal mit der Maschine fliegen, mit der er in den 60er Jahren angefangen hat. Ein Däne sammelt die Karten mit Sicherheitshinweisen, die in den Flugzeugen ausliegen. Sonst nur Chinesen und Koreaner, auch aus dem Süden. Für Arirang erlaubt die nordkoreanische Regierung ausnahmsweise auch US-Amerikanern und Südkoreanern, einzureisen. Im Flugzeug läuft aufbauende Musik. Porzellanweißgeschminkte Stewardessen mit weißen Handschuhen – vielleicht die einzigen des Landes bei acht Flügen pro Woche – verteilen die Noten der Lieder. Wir, Freunde Gurskys, eine Kunsthändlerin, ein Regisseur, fliegen mit einer IL-62. IL wie Illusion?

Am Flughafen Pjöngjang begeben wir uns in die Hände unserer Reiseführer. Zwei Dolmetscher und ein Fahrer für unsere dreiköpfige Gruppe. Sie werden in unserem Hotel neben uns schlafen, zu dritt in einem Zimmer. Sie werden uns durch die Stadt fahren, ihr Land erklären, übersetzen, mit uns essen. Viel essen. Und trinken. Bier und Schnaps. Wir übergeben ihnen unsere Pässe, Tickets und Handys für die Dauer unseres Aufenthalts und lassen uns fallen in die Wonnen der Unfreiheit.

Arirang stellt die Geschichte Koreas dar, eine Geschichte, die uns immer und immer wieder auf unserer Reise erzählt wurde. Anfänge in ferner Vergangenheit, dann der große ahistorische Sprung ins 20. Jahrhundert, zur japanischen Besetzung. Zweiter Weltkrieg, Teilung des Landes und Gründung des kommunistischen Staates im nördlichen Landesteil im Jahr 1948 durch den großen Führer Kim Il-sung. Krieg mit Süddkorea und den verbündeten USA, Waffenstillstand im Jahr 1953. Zeiten des Aufbaus, Zeiten des Leids – die Hungernot der 90er Jahre -, glückliche Zukunft. Zuletzt der große Traum von der Wiedervereinigung. Bei jedem Denkmal wird diese Geschichte rekapituliert, im Auto bei den Rundfahrten durch die Stadt und abends beim Essen. Wie sonst vielleicht nur Israel gründet Nordkorea seine Identität emphatisch auf die Höhen und Tiefen der eigenen Geschichte – nur dass sie in Israel mit der Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft vor dreitausend Jahren einsetzt, während die Nordkoreaner ihr gesamtes Selbstverständnis aus den Geschehnissen der letzten sechzig Jahre zu beziehen scheinen.

Von Riesenhand wird im Stadion ein Menschenteppich ausgerollt. Eine kollektive Drehung, und der Farbklang, der den ganzen Raum erfüllt, wechselt von Blau zu Rot. Wieder ein Impuls, und der Teppich löst sich auf in Quadrate, die Quadrate verjüngen sich rasch zu schmalen Rechtecken wie in den abstrakten Filmen Hans Richters, zu Streifen, um sich endlich zu Kreisen zu schließen. Wir sehen asiatische Nachfahren der Ballerinen Petipas im „Schwanensee“ und der Choreographien Busby Berkeleys. Auch der Paraden in Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“, gewiss. Getragen werden diese zweckfreien Kompositionen vom Playback einer schlichten, ultra-diatonischen, suggestiv vorwärtstreibenden Musik und inhaltlich aufgeladen durch die Lebenden Bilder an der 180 Meter breiten Stirnseite des Stadions: 20.000 Schüler zwischen 13 und 15 Jahren schlagen die farbigen Seiten großer Bücher auf und bilden daraus Mosaike in Cinemascope. Blitzschnell wechseln die Motive: ein altes koreanisches Dorf, ein Pferdewagen mit Revolutionären, eine Pistole, Traktoren, eine Friedenstaube. Um die „Sonne des koreanischen Volks“ zum Leuchten zu bringen, wackeln ein paar hundert Kinder mit ihren Büchern, und die Aureole um das Kim Il-sung-Mosaik funkelt golden. Nach der Vorstellung haben wir sie gesehen, wie sie das Stadion verlassen: aufgedrehte, müde Kinder mit großen Stofftaschen für ihre Bücher, angestrengt vom monatelangen Drill der Proben, aber sehr stolz, dabeizusein.

Hoch oben von der Ehrenloge aus wird das Geschehen flächig. Die perspektivische Staffelung verliert sich, Gymnastik und Hintergrundbilder verschmelzen. Wie so oft hat Gursky sich nicht zufriedengegeben, bis er nicht einen Standpunkt gefunden hat, von dem aus er das reale Geschehen ungegenständlich wirken lassen kann, trotz der Fülle an Details, für die er berühmt ist. Die Börse in Chicago verwandelte er in ein All Over-Gemälde von Pollock. Die Menschenmenge in einem Techno-Rave wurde zu einer Wolke von Rothko, die Rennpiste in Bahrain zu einem abstrakten Gebilde von Motherwell. Und Arirang mit seinen 100.000 Teilnehmern erinnert plötzlich an Gurskys zehn Jahre zuvor entstandene Aufnahme des Rheins. Drei monochrome Streifen. Ein Barnett Newman im Querformat.

Andreas Gursky Rhein II, 1999

Andreas Gurskys Rhein II aus dem Jahr 1999 erzielte 2011 im New Yorker Auktionshaus Christie’s den Rekordpreis von 3,1 Millionen Euro und ist damit die teuerste Fotografie der Welt.

Bei jeder Sehenswürdigkeit in Pjöngjang erklingt leise Musik, auch im Freien. Bei der Kim Il-sung-Statue, beim Monument zum 50. Jahrestag der Parteigründung, beim Denkmal zum Sieg im vaterländischen Befreiungskrieg, selbst beim Geburtshaus Kim Il-sungs, einem Bauernhaus zehn Kilometer vor der Stadt. Immer empfangen uns liebenswürdige Damen in koreanischer Tracht, die uns das Denkmal erklären und uns sagen, was wir zu tun haben. Bei der Kim Il-sung-Statue etwa kaufen wir für zwei EURO – eine andere Währung bekommen Fremde nicht zu Gesicht – Blumen und legen sie zu Füßen des geliebten Führers nieder. Wir erfahren natürlich auch, dass die Statue die größte Bronze der Welt ist, der Triumphbogen größer als der in Paris und Arirang das größte Schauspiel aller Zeiten. Sie geben gerne an in Nordkorea – auch in diesem Licht muss man das Atomprogramm sehen.

Das wichtigste Denkmal der Stadt ist der Kumsusan Gedächtnis-Palast, das Mausoleum für Kim Il-sung, der 1994 starb. Rüde schieben unsere Begleiter eine Gruppe wartender Koreaner in Trauerkleidung zur Seite und führen uns in den Seitenflügel des Palastes. Auf roten, in weißen Marmor eingebetteten Edelstahl-Rollbändern fahren wir langsam zum Hauptgebäude, sammeln uns ganze zwanzig Minuten für die Begegnung mit dem Führer. Trauernde kommen uns entgegen und haben wiederum viel Zeit, von suggestiver Regie gestaltete Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Niemand spricht, niemand bewegt sich, Blicke treffen sich nicht. Es folgt eine ganze Reihe von Reinigungs- und Sicherheitsschleusen: Fußbürsten, Röntgenstrahlen, Metalldetektoren. Endlich betreten wir einen langen dunklen Raum und wähnen uns am Ziel. Doch die Regie hat ein weiteres retardierendes Moment eingebaut, ein Vorzimmer, an dessen Ende, von hinten beleuchtet, vor einem blau-roten Farbverlauf, uns eine Marmorstatue Kim Il-sungs empfängt. Auch hier leise Musik.

Bevor wir den zentralen Saal des Mausoleums betreten dürfen, nach einem desinfizierenden Windkanal als letzter Schleuse, erhalten wir Weisungen. Auf strenge Kleidung, Rock und Krawatte, hatte man uns schon am Vorabend aufmerksam gemacht. Jetzt haben wir uns in eine lange Schlange einzureihen und einzeln vor den einbalsamierten Leichnam zu treten. „Kurz verbeugen und dann zügig abgehen.“ Vergebens versuchen wir, uns dem Gang der Koreaner anzupassen, gesammelt zu schreiten, gleichmäßig, ohne zur Seite zu blicken. Individualistisch frei bis zur Orientierungslosigkeit tändeln wir, wissen nicht wohin mit unseren Gliedern. Der Raum ist erfüllt von einem leisen Geräusch, das sich erst nach einiger Zeit zuordnen lässt: es ist das sanfte Schluchzen der koreanischen Frauen über den Verlust des geliebten Führers. Alles Inszenierung? Womöglich für uns?

Der nordkoreanischen Paranoia, nach der nichts als das erscheinen darf, was es ist, antwortet die Paranoia der Fremden, nichts könne hier sein, was es scheint. In jedem adretten Liebespaar auf der Straße vermuten wir Statisten einer großen Inszenierung, die uns ein glückliches prosperierendes Land vorspielt. Sollten wir nicht, statt nach dem Nordkorea zu suchen, das sich vor uns verbirgt, den Blick auftun für das Nordkorea, das sich uns zeigt? Die glänzenden Fassaden, die Angeberei, die Eitelkeit, die uns begegnen – sie haben auch eine rührende Seite. Im Gegensatz zur Arroganz, in der sich die westlichen Staatsmänner einig sind, will Eitelkeit vom Gegenüber anerkannt werden, zeigt ihm damit einen gewissen Respekt und gibt sich als verwundbar zu erkennen.

Andreas Gursky

Gursky fotografiert auf 100 ASA-Fuji-Material mit zwei nebeneinander stehenden Plattenkameras von Linhof, eine mit einem Normalobjektiv, eine mit einem leichten Weitwinkel. Belichtungszeit 1/8 Sekunde, Blende 5.6 bis 8. Die kleine Blende braucht er für die Tiefenschärfe, den relativ unempfindlichen Film für die Auflösung. Dafür nimmt er in vielen Bildern Bewegungsunschärfen inkauf. Und gewinnt Empfindlichkeit, indem er den Film um eine Blende unterbelichtet und forciert entwickeln lässt. Er muss die Aufführung gut kennenlernen, um in den kurzen Momenten der Ruhe auslösen zu können. Die Geräte transportiert er in einem eleganten kleinen Louis Vuitton-Koffer. Im spätherbstlich kalten Stadion trägt er eine blaue Strickmütze von Prada, gekauft am Vorabend unseres Fluges in der Mall des Peninsula Hotels in Beijing. Die Koreaner in ihren kurzen Hemden frieren nicht. Sein Ruhm und sein wirtschaftlicher Erfolg haben Andreas Gursky das Luxusleben kennen und lieben lernen lassen, aber der Fotoreporter alter Schule lebt auch noch in ihm. Er kann Stative schleppen, trinken, mit wenig Schlaf auskommen und sich mit dem einfachen Hotel-Standard begnügen. Zum Ein- und Auslegen der Filme verbarrikadiert er sich stundenlang im Bad oder in einem Schrank, und wir schieben eine Matratze vor die Türritze, um auch den letzten Lichteinfall zu verhindern. Der kalte Konstrukteur gewaltiger Panoramen, der seine aufwendigen Produktionen immer zu nur einem oder zwei Bildern destilliert und ein entsprechend schmales Oeuvre hat, erweist sich als leidenschaftlicher Bilderjäger. Überall macht er Schnappschüsse, auf der Suche nach Motiven für ein Bild. „Es wäre schön, wenn ich wieder mal dazu zurückkäme: ganz romantisch mit der Kamera Landschaft zu erobern.“

Nichts darf schiefgehen in Nordkorea. Unsere Führer sind aufs äußerste bemüht, uns jede Abweichung vom Reiseplan und jeden noch so abseitigen Besichtigungswunsch zu erfüllen, auch wenn das viele wortreiche Telefonate mit „our company“ und hektisches Organisieren hinter den Kulissen bedeutet. Alles machen sie möglich, nach dem Motto der Royals: Never complain, never explain. Müssen die wenigen Fleischvorräte, die den ausländischen Gästen Fülle vorgaukeln, vom einen Restaurant ins andere geschafft werden, weil wir plötzlich, aus einer individualistischen Laune heraus unsere Pläne ändern? Da ist sie wieder, die Paranoia-Paranoia. Aber der Restaurant-Wechsel hat sich gelohnt. Nach dem Barbecue treten die bildschönen Kellnerinnen in ihren rosa Kleidern mit Namensschildern und weißen Schürzen auf die Bühne und beginnen zu singen. Rechts und links künstliche Sonnenblumen, in der Mitte ein Keyboard und ein blaues Yamaha-Schlagzeug. Sie singen „Santa Lucia“, „O sole mio“ und „Arirang“. Das ist so schräg, so camp, so David Lynch, nachts in Pjöngjang, dass es fast nicht mehr zu verarbeiten ist.

Tiefe Nacht in der Aufführung während der Szene der japanischen Besatzung. Ein einsamer Scheinwerfer durchbricht das Dunkel und lässt einen Stern aufgehen: Der große Führer Kim Il-sung. Szenenapplaus. Die Überschaubarkeit der nordkoreanischen Geschichte, die auch ein Fremder in kürzester Zeit verinnerlicht, macht die Identifikation erschreckend leicht. Schon nach ein paar Tagen kommen uns bei der Erwähnung des heiligen Bergs Paektu, auf dem Kim Il-sung die Vision von der Zukunft seines Volkes empfing, die Tränen. Welch riesenhaftes Ausmaß muss dieser Mythos im Bewußtsein eines Nordkoreaners angenommen haben, der von klein auf nur diese eine Geschichte zu hören bekam. Wer Anderes zu erzählen hatte, ist heute ausgestorben. Fernsehen, Presse und Bücher werden kontrolliert. Das Internet wurde nach einem kurzen Versuch im Jahr 2004 wieder eingestellt. Man kann nicht reisen, nicht telefonieren, und die wenigen Ausländer, die das Land besuchen, haben so gut wie keine Möglichkeit, mit der Bevölkerung zu sprechen. Ohnehin stellt sich die Frage, ob zwischen „der Bevölkerung“ und unseren Führern ein so großer Unterschied besteht, ob der von uns vermutete Gegensatz von unterdrückter Masse, die kurz vor der Revolte steht, und linientreuen Bewachern, die diese unerbittlich verhindern, der Wirklichkeit entspricht. Sicher gibt es Unzufriedenheit über die ungerechte Verteilung der knappen Lebensmittel und die Privilegien der Elite, aber ein revolutionäres Bewußtsein, das Bild einer echten Alternative – woher sollten sie stammen?

Allem Optimismus zum Trotz ist Arirang eine traurige Geschichte, eine Geschichte, die uns abgeklärte Abendländer nicht unberührt lässt, Deutsche zumal. Es ist die Geschichte einer Trennung. Rirang, ein junger Mann in mythischer Zeit, geht auf Reisen und lässt seine Geliebte zurück. Ein reicher Nebenbuhler macht ihr den Hof, doch sie bleibt ihrem Geliebten treu. Rirang kehrt zurück, sieht seine Frau mit dem Verehrer und verlässt sie für immer. „Ah, Rirang!“ ruft sie ihm verzweifelt nach. Rirang ist heute der Süden und Nordkorea die verlassene Geliebte. Die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung ist der bittere Kontrapunkt in der Erfolgsgeschichte Nordkoreas, die uns überall im Land erzählt wird. Vielleicht ist sie sogar ein bewusst offen gehaltenes Ventil für die sonst zu Wunschlosigkeit erzogene Bevölkerung. Ganz anders als in der DDR ist hier die Wiedervereinigung erstes Staatsziel. Es gibt ein Denkmal und eine Straße der Wiedervereinigung, die Straße von Pjöngjang nach Südkorea. Bereits 1980 entwickelte Kim Il-sung einen visionären Mehrstufenplan. Die Wiedervereinigung müsse unabhängig, ohne Einwirkung fremder Mächte und in Frieden vollzogen werden. Es wird zunächst die demokratische Konföderation von Koryo – Koreas unbelasteter alter Name – gegründet, in der die beiden politischen Systeme nebeneinander existieren. Die Grenzen sind offen, jeder Koreaner entscheidet frei, in welchem System er leben will. Weiter, schreibt er weise, könne man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht denken. Aus der Tatsache, dass von seinem damaligen Standpunkt aus nicht alles geplant werden kann, leitet er also nicht ab, dass das ganze Projekt unrealisierbar sei. „Der letzte Schritt ist Aufgabe einer zukünftigen Generation.“

Am Ende von Arirang bilden die Gymnasten in der Mitte des Stadions den Umriss der koreanischen Halbinsel. Sie sind hellblau gekleidet, in der Farbe des gesamtkoreanischen Tischtenniskaders, der bei den olympischen Spielen in Athen zum ersten Mal vereint antreten durfte. Hellblau wird die Fahne von Koryo sein. Dazu das Mosaik der 20.000 Schüler: „Das Tor der Wiedervereinigung muss von uns geöffnet werden.“

Wie die unsichtbare Regie in Nordkorea gibt auch Andreas Gursky sich mit der Wirklichkeit, so wie sie ihm begegnet, nicht mehr zufrieden. Die vielen hundert Aufnahmen aus Arirang sind nur das Rohmaterial, aus dem er sein Bild montieren wird. Im Atelier druckt er die besten Aufnahmen im Großformat aus und verbringt Zeit mit ihnen, bis sich erste Verbindungen auftun, Möglichkeiten der Montage. „Der Streifen zwischen Feld und Hintergrund stört, der unterbricht die Homogenität. Ich will einen fließenden Übergang. Jeder Quadratzentimeter des Bildes muss Berechtigung haben.“ Es folgen Layout-Skizzen im Computer und schließlich die langwierige Arbeit im Studio, an der Seite eines Bildbearbeiters. Verschiedene zeitliche Phasen der Aufführung werden kombiniert und störende Elemente entfernt. Er arbeitet wie ein Filmregisseur, der dokumentarisches Material im Schnitt verdichtet und, im Idealfall, über den Umweg der Manipulation und persönlichen Einfärbung zu einer gesteigerten, aufgeladenen Authentizität gelangt. Nur dass dieser Prozess bei Gursky in der Simultaneität eines einzigen Fotos geschieht.

Eine Perfektion, wie wir sie in Arirang erleben, ist nur jenseits des Individuellen zu erreichen. Hier stehen keine Darsteller im Stadion, hier werden Metallspäne von einem Magneten ausgerichtet. Der Einzelne gibt – im Staat wie in dessen Sinnbild Arirang – seine Individualität auf und ordnet sie dem Kollektiv unter, personalisiert in Kim Il-sung. Sie alle sind seine Kinder, Knetmasse für den großen Gestalter. In der Massengymnastik soll der Einzelne das körperlich erleben und einüben: Ich als Glied eines mir übergeordneten Ganzen, das größer ist als ich, wertvoller als ich in meiner belanglosen Individualität. Und tatsächlich zerstört ja der eine Gymnast, der sich in die falsche Richtung dreht, die Komposition. Von da her ließe sich eine Ästhetik des Anti-Individualismus entwickeln: Gelingen kann das Werk nur, solange ich mich dafür aufgebe. In dem Moment, in dem ich mich wehre, mich zu erkennen gebe, im Sinne des Dogmas der ästhetischen Moderne „Sand im Getriebe“ bin, zerbricht die Gestalt. Individuell bin ich nur im Scheitern. Und wo ich scheitere, werde ich individuell. Nur der Fehler ist meiner. Wie in der Musik: Wo sie sich ganz verlieren im Dienst an der Musik, sind gelungene Aufführungen von Dirigenten wie Bernstein, Carlos Kleiber und Celibidache ästhetisch gesehen gleich. Erst wo die Arbeit misslingt, wird es individuell. Dann wird Bernstein sentimental, Kleiber hektisch und Celibidache didaktisch. Aber solange es glückt… Wo sind da noch Eigenschaften, Qualitäten?

„Ich behaupte nie, das Bild sei eine Abbildung der Realität“, sagt Andreas Gursky. „Es ist immer eine Mischung aus Erfindung und Realität, eine Interpretation von Realität. Auch im Kopf vermischen sich die Eindrücke von eineinhalb Stunden Arirang. Ein Bild ist nicht gut, weil der Gegenstand gut ist, sondern weil man etwas sichtbar macht, was hinter dem Gegenstand steht. Was dem Bild eine Richtung gibt. Aber ich gebe die Verknüpfung mit dem Dokumentarischen nie auf.“ Wenn nun die nordkoreanische Regie auf die Regie Andreas Gurskys trifft – ergibt hier womöglich Minus mal Minus das Plus des authentischsten Abbildes, das von der nordkoreanischen Realität gemacht werden kann?

Zurück in Deutschland sehen wir Hitchcocks „Torn Curtain“, gedreht 1966, mitten im Kalten Krieg. Die DDR, die Hitchcock hier zeigt, ist Nordkorea heute. Pjöngjang ist nicht geographisch exotisch, sondern zeitlich. Wir hatten nicht das Gefühl, in einem weit entfernten Land zu sein, östlich von China. Alles wirkt vertraut, von weit her, wie eine verblasste Erinnerung, die plötzlich wieder geweckt wird. Nordkorea bietet keine Kunstdenkmäler der Vergangenheit, kein Angkor Wat, keine Verbotene Stadt. Es bietet einen Gegenentwurf zu unserer Welt heute, in unserer nivellierten Gegenwart. Und das ist wirklich exotisch. Mit enormer Treffsicherheit vermittelt Hitchcock, wie es sich für den amerikanischen Wissenschaftler, den Paul Newman spielt, anfühlt, in Ost-Berlin zu sein. Immer sind die freundlichen Mitarbeiter des Ministeriums präsent, haben das Gepäck längst an den richtigen Ort gebracht und den Tisch reserviert. „Our company“, hieß das bei Mr. Park in Pjöngjang, der sich auch ums Einchecken am Flughafen kümmert, die Hotelzimmerschlüssel an sich nimmt und uns unsere Handys zurückgibt. Für alles ist gesorgt, weil alles mit allem zusammenhängt. Weil alles eins ist. Our company. Daran kann man sich gewöhnen. Ganz am Ende des Buchs „Im Keller“ über seine Entführung schreibt Jan-Philipp Reemtsma: „Wenn das Leben zu schwierig und, verglichen mit den Schwierigkeiten, zuwenig lohnend erscheint, kann es sein, dass der Wunsch ensteht, wieder eine Kette am Fuß zu haben, wieder in einem kleinen Raum zu sein, der so gut bekannt ist wie die ganze Welt nicht.“

Andreas Gursky Pyongyang IV, 2007

Andreas Gursky Pyongyang IV, 2007

Jan Schmidt-Garre ist Regisseur von Dokumentar- und Spielfilmen über Musik und Kunst. 2010 erschien seine Dokumentation “Long Shot Close Up”, in der er Andreas Gursky portraitiert und den Künstler auf dem Schaffensprozess zu einem seiner bekanntesten Werke “Hamm, Bergwerk Ost” begleitet. Dieser Artikel erschien zuerst in DIE ZEIT Nº 08/2007.