Für immer New Orleans

Wie der Rapper Lil Wayne mir dabei half, mein erstes Jahr als Lehrer an einer Problemschule in New Orleans zu überstehen

1.

 

Complex: Welche Musik hörst du zur Zeit?
Lil Wayne: Meine eigene! Die ganze Zeit nur meine eigene.

 

2. “Like a white person, with blue veins”

 

Während meiner ersten Wochen als Lehrer im New Orleans Recovery School District (RSD) stellten mir meine Schüler diese Fragen am häufigsten:
1. „Ich muss mal.” (Das mag wie eine Aussage klingen, es ist aber eine Frage: Darf ich auf die Toilette gehen?)
2. „Haste ’ne Alte?” (Der vorletzte Vokal wird langgezogen, geradezu lasziv, bis zum Äußersten.)
3. „Wo kommste her?”
4. „Hörste Weezy?”

Ich wusste, dass die dritte Frage kommen würde. Wie viele der Lehrer im RSD war ich neu, weiß und von außerhalb. Es war aber die vierte Frage, die meine Schüler am meisten zu interessieren schien. Dwayne Carter, alias Lil Wayne, alias Weezy F. Baby, war gerade dabei, der Rapper des Jahres zu werden, und unter den schwarzen Jugendlichen, aus denen meine Schülerschaft bestand, hatte die Bewunderung einen an die Beatlemania erinnernden Höhepunkt erreicht. Mehr als 90 Prozent meiner Schüler nannten Lil Wayne in der Umfrage, die ich ihnen gab, unter „Lieblingsmusik”; ungefähr die Hälfte von ihnen wiederholte die Antwort unter „Was ich am liebsten mache”.

Für manche meiner Schüler waren die Fragen „Woher kommst du?” und „Hörst du Lil Wayne?” nahezu gleichbedeutend. Gemeinsam hatten sie — genauso wie ihr Wohnviertel, ihr Essen, ihren Slang oder ihren Schmerz — ihre Liebe für die zugedröhnten Fantasien von Weezy F. Baby.

Meine Antwort auf die vierte Frage war, ja, manchmal höre ich Lil Wayne. Trotz seines allgegenwärtigen Erfolgs waren meine Schüler geschockt. „Hast du die Mixtapes?”, fragte Michael, ein 16 Jahre alter Neuntklässler. „Auf die Mixtapes kommt es an.” Am nächsten Tag brachte er mir einen Stapel CDs mit. Volume soundso, Version soundso oder gar kein Label.

Für den Rest des Jahres hörte ich nichts anderes mehr.

 

3. “My picture should be in the dictionary next to the definition of definition”

 

Lil Wayne lallt, brüllt, singt, seufzt, bellt, jammert, schnulzt, keucht, hustet, stottert, schreit. An verschiedenen Stellen erinnert er mich an zwei Dutzend anderer Rapper. In einem Genre, in dem es oft darum geht, ‚echt’ zu sein und indem viel wiederholt wird, ist Lil Wayne ein Chamäleon, das in verschiedenen Oktaven, Geschwindigkeiten und Betonungen rappt. Manchmal hört er sich an wie ein Blues-Sänger, manchmal klingt er wie ein Baby von den Muppets.

Lil Wayne gibt auch das übliche Gangster-Gehabe zum Besten, aber meistens fängt er schon an zu kichern, bevor er mit seiner Zeile fertig ist. Er ist ein Schmierenkomödiant. Er wirkt, Gott sei Dank, fast immer aufgesetzt. Wie bei Dylan übertrumpft Theatralik Authentizität.

Und dennoch — auch wenn er in fast jedem Lied einen neuen Stil ausprobiert — ist er unverkennbar. Ich muss dabei an Elvis’ berühmte Angeberei denken: „Ich klinge wie niemand sonst.” Ich könnte mir vorstellen, dass Lil Wayne es umdrehen würde: „Niemand klingt so wie ich.”

 

4.

 

Alle paar Wochen hatte Michael oder ein anderer meiner Schüler (die Namen meiner Schüler wurden für diesen Artikel geändert) eine neue gebrannte CD dabei, bei der es sich angeblich um Tha Charter III, Lil Waynes seit Langem erwartetes sechstes Studioalbum handelte. „Diesmal ist es offiziell”, sagten sie. Ich lernte, skeptisch zu sein, auch wenn mir die neuen Tracks gefielen. Etwas Offizielles sollte tatsächlich nicht bis Anfang der Sommerferien herauskommen, aber Lil Wayne schuf 2007 und in der ersten Hälfte des Jahres 2008 hunderte neue Lieder. Die Zeitschrift Vibe machte sich die Mühe, seine 77 besten Songs aus dem Jahr 2007 aufzulisten und nicht einmal das war eine vollständige Liste. Die Lieder landeten im Internet, wo sie sofort frei heruntergeladen wurden. Lil Wayne hatte auch Gastauftritte auf Dutzenden Tracks anderer Rapper. So gelang es ihm, von MTV zum „Hottest MC in the Game” gekürt zu werden und vom Rolling Stone zum „Best MC”, obwohl es in den Plattenläden nichts Neues von ihm gab.

Während Wayne vorgab, jedes Lied „mit der gleichen Mühe und Anstrengung” zu produzieren, schwankte die Qualität stark. Er schreibe nichts auf (er sei einfach zu bekifft, erklärte er), und rappe so ziemlich immer spontan, wie es ihm gerade passe. Die Ergebnisse waren manchmal beeindruckend und manchmal unbeholfen, aber das machte es nur umso spannender. Sein Gesamtwerk wurde zu einer Art unbearbeiteter Reality-Show seines gewieften Unterbewusstseins.

 

5. “Ain’t ’bout to pick today to start running”

 

Während meiner ersten Tage an der Schule bekam Darius, einer meiner Schüler, wiederholt Ärger, weil er den Unterricht ohne Erlaubnis verließ. Gegen Ende des zweiten Tages nahm er mich zur Seite, um zu erklären, warum er dauernd auf Toilette musste: Ihm war drei Mal ins Bein geschossen worden und am Bauch trug er einen Kolostomiebeutel.

Als ich ihn ein paar Wochen später im Krankenhaus besuchte — er war dort für eine Nachfolgeuntersuchung —, erzählte er mir von den Dealern, die auf ihn geschossen hatten. Darius’ Stimme klingt genauso wie die krächzende Alt-Männer-Stimme von Lil Wayne. „Ich sagte zu denen, macht, was ihr machen müsst, habt ihr gehört? Ich hab’ keine Angst, klar?!” Dann beugte er sich nach vorne und zeigte lachend auf SpongeBob im Fernsehen.

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6.

 

Lil Wayne, so heißt es, ging kurz auf unsere Schule, bevor sie vom Sturm Katrina zerstört wurde. Derselbe Name und Ort, allerdings war es damals eine normale Highschool. Das Gebäude wurde vom Sturm zerstört. Unsere Schule, nun eine privatisierte, aber mit öffentlichen Geldern geförderte Charter School, ist in Modularen (meine Schüler hassen diesen Euphemismus — es sind Container) im Hinterhof untergebracht. Manchmal bin ich zu den Fenstern des alten Gebäudes gegangen und habe reingeschaut. Es schien mir, dass niemand seit dem Sturm dort sauber gemacht oder aufgeräumt habe. Es war, als würde man ein Ausstellungsobjekt im Museum betrachten. An einer Wand hing immer noch eine Ankündigung für einen Tag der offenen Tür im September 2005.

 

7.

 

In der 5. Klasse unterrichtete ich Sozialkunde, in der 8. Klasse Schreiben und in der 9. Klasse wiederum Sozialkunde. Manchmal war ich begeistert, manchmal deprimiert.

Einmal verteidigte ein schwarzer Schüler während einer Diskussion über die „Jena Six” mit Nachdruck seinen arabischen Klassenkameraden: „Wenn man ihn als Terrorist bezeichnet, dann ist das das Gleiche, was die Bullen über uns denken.” An einem anderen Tag, als ich neues Material über Afrika mitbrachte, unterbrach mich ein Schüler: „Ich habe gehört, diese Niggas haben AIDS!”

 

8. “Pain, since I’ve lost you—I’m lost too”

 

Unsere Schüler haben Angst vor Regen. Wenn es morgens stark regnet, kann es vorkommen, dass nur die Hälfte kommt. Ich habe einer Schülerin einmal aufgegeben, einen Aufsatz über ihre Erfahrungen beim Superdome zu schreiben. Sie schrieb ohne nähere Erklärung, dass sie ihr Gedächtnis verloren habe, als ihre Großmutter im Sturm starb. Und ich sollte ihre Grammatik korrigieren, damit sie für den Abschlusstest im Frühling vorbereitet wäre.

 

9. “Keep your mouth closed and let your eyes listen”

 

Lil Wayne ist 1,68 m klein, drahtig, hat verschlafene Augen und ist von Tattoos bedeckt, inklusive Tränentattoos unter den Augen. Seine zwei Posen vor der Kamera sind ein lässig zur Seite gekippter Kopf und ein spöttisches Grinsen. Er will finster aussehen, glaube ich, aber man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen. Er sieht so aus, als könnte er einer von meinen Schülern sein — und einige meiner Schüler bilden sich ein, sie sähen aus wie er.

Cornel West hat mal im Fernsehen gesagt, dass Lil Waynes physischer Körper Zeuge einer Tragödie sei. Ich weiß nicht einmal, was das heißen soll, aber ich glaube, dass Waynes künstlerischer Charakter Verletzung und Beschädigung verkörpert.

 

10.

 

Einer meiner Lieblingshooks von Lil Wayne ist der Refrain in dem Song Duffle Bag Boy. Er hat angefangen mehr zu singen und das war eine seiner besten Entscheidungen. Zuerst hört er sich ein bisschen wie ein Betrunkener an, der seinen Weg die Tonleiter rauf und runter trällert, aber seine Singstimme hat eine natürliche Ausgelassenheit, die ihn in ein emotionales Delirium zu tragen scheint. Nach einer Weile schmettert er einem Drogenkurier mit dem rauchigen Nachdruck einer Baptisten-Hymne Anweisungen entgegen. Am Ende des Lieds verwandelt Lil Wayne den standardmäßigen Machospruch „I ain’t never ran from a nigga and I damn sure ain’t ’bout to pick today to start running” in eine Bitte, in ein Klagelied der Seele.

 

11.

 

Im New Orleans Radio scheint es, als würde Lil Wayne in jedem Lied vorkommen. Meine Kids singen seine Lieder im Klassenraum, auf den Fluren, vor der Schule, nach der Schule. Ich hatte schon einen Schüler, der jedes Mal, wenn er die Antwort auf eine Frage nicht wusste, eine Zeile von Lil Wayne rappte.

Ein Achtklässler schrieb seine Erörterung zum Thema „Lil Wayne ist der beste lebende Rapper”. Die drei Argumente im Hauptteil: Wayne hat die meisten Tracks und die meisten Hits, die besten Metaphern und Vergleiche, die Konkurrenz ist fake.

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12. “My flow is art, unique—my flow can part a sea”

 

Ich habe mal erlebt, wie eine Gruppe von Schülern um einen Lautsprecher versammelt Lil Wayne hörte. Sie kannten die Lieder schon, trotzdem schwärmten und raunten sie bei fast jeder Zeile. Einer von ihnen, im Unterricht gelangweilt und still, war besonders enthusiastisch, wenn auch zögernd, und analysierte jeden Songtext für seine Klassenkameraden: „Hört ihr das? Reiner als eine Jungfrau, die in Waschmittel badet. Denkt mal drüber nach.”

Wie es unter Schülern in dem Alter üblich ist, hinterfragte ein Mädchen, das in der Nähe stand, die Sexualität der Jungs. „Ihr seid ja so in Lil Wayne verknallt, dass ihr euch wie Mädchen anhört”, sagte sie. Die anderen hörten einfach weiter. Einer der Jungs war dann schlicht überwältigt von der Wendung eines Lieds. Er stand auf, warf die Hände in die Luft und fing an zu brüllen: „Das ist mir egal! No Homo, no Homo, aber der Typ ist süß!”

 

13.

 

Lil Wayne zum Thema Erfolg: “When you’re really rich, then asparagus is yummy.”
Lil Wayne zum Thema Safer Sex: “Better wear a latex, cause you don’t want that late text, that ‘I think I’m late’ text.”
Lil Wayne zum Thema nicht so Safer Sex: “How come there is two women, but ain’t no two Waynes?”

 

14.

 

Okay, es geht nicht um eine bestimmte Zeile, es ist die Stimme. Allein schon die Art, wie er „car in park” in seinem Kurzauftritt in Marios Remix von Crying out for me sagt; das ist ein sanftes Knurren von einem anderen Planeten. Es klingt gleichzeitig wie eine Drohung, ein Trost und eine Anmache.

 

15. “I am just a Martian, ain’t nobody else on this planet”

 

Kurz bevor man Lehrer wird, sagen einem alle möglichen Leute, dass es 1) das Schwerste wird, das man jemals gemacht hat und 2) das Beste wird, das man jemals gemacht hat. Das klingt nach einem Rezept, um Möchtegern-Märtyrer zu rekrutieren. In jedem Fall können einen hohe Ansprüche blind für die besten Momente machen. Ich habe mir großen Stress damit gemacht, Darius in der Schule und aus dem Knast zu halten — ich hielt das für meine Aufgabe, ich gegen den Rest der Welt —, und mir entging fast, dass eine erhitzte Diskussion zwischen zweien meiner Fünftklässler zu eskalieren drohte. Schließlich fragte ich sie, was los sei.

„Mr. Ramsey”, bat einer der Jungs, „können Sie ihm bitte sagen, dass wenn man für ein Jahr ins All geht und dann auf die Erde zurückkommt, alle aus der Familie tot sind, weil die Zeit im All langsamer vergeht?”

 

16. “And to the kids: drugs kill. I’m acknowledging that.”

 

In einem seiner besten Songs, dem äußert eingängigen I Feel like Dying, existiert Lil Wayne kaum noch. Zugedröhnt klingt er eigentlich immer, aber in diesem Lied hört es sich an, als wäre er nicht mehr bei Bewusstsein.

Ein großer Teil der Schwarzmalerei, dass Popmusik die falsche Botschaft an leicht beeinflussbare Jugendliche sende, scheint mir unverhältnismäßig, aber ich gebe zu, dass ich baff war, als ich einen 10-Jährigen singen hörte: „Only once the drugs are done, do I feel like dying, I feel like dying.”Als ich das zum ersten Mal einen Fünftklässler mit hoher Stimme habe singen hören, fragte ich: „Was hast du gesagt?” Er sagte: „Mr. Ramsey, Sie wissen, dass Sie sich den Song auch anhören werden. Warum regen sie sich auf?” Meine Schüler fragen mich immer dann, warum ich mich aufrege, wenn die Antwort eigentlich offensichtlich ist.

 

17.

 

Nachdem Michael unseren stellvertretenden Schuldirektor wüst beschimpft hatte, stattete ich ihm einen Hausbesuch ab. Michael war einer der größten Drogendealer in der Gegend und einer meiner besten Schüler. Seine Mutter wurde aus dem Schlaf gerissen. Sie sah abwesend aus, betäubt. Dann fing sie an zu weinen und umarmte mich. Sie zog meinen Kopf an ihren Körper. „Niemand hat sich jemals so gekümmert”, sagte sie. „Gott segne Sie. Danke.”

Michael lächelte schüchtern. „Ich will einfach nur in die nächste Klasse kommen”, sagte er mir.
„Wir werden uns etwas einfallen lassen”, sagte ich ihm.

Ein paar Wochen später gab ich ihm eine Ausgabe vom New Yorker, in der ein Artikel über Lil Wayne war. „Der war übrigens gut”, sagte er später. „Bringen Sie mir bei, so zu schreiben?”

 

18. “Born in New Orleans, raised in New Orleans…”

 

Wenn man hier als Zugezogener lebt, erklären die Einheimischen verschiedene Situationen gerne mit „Das ist New Orleans” oder „Willkommen in New Orleans”. Damit erklären sie Absurdität, Ineffizienz, willkürliche Desaster und überragenden Spaß. Zum Beispiel gewaltige Löcher in der Mitte von Hauptstraßen oder einen betrunkenen Mann, der als Insekt verkleidet hinter einem in der Schlange am Kiosk steht.

Unsere Herausforderung in der Schule ist es, ein in die Brüche gegangenes System inmitten einer wunderbaren Kultur zu reformieren, die es sich auf die Fahnen schreibt, mit den Leuten nachsichtig zu sein (das Wort ‚Recovery’, also ‚Wiederherstellung’, in Recovery School District bezieht sich nicht auf den Wiederaufbau nach Katrina — der Bezirk wurde vor dem Sturm geschaffen, als der Bundesstaat die scheiternden Schulen der Stadt übernahm).

Ich habe schon gehört, wie folgende Dinge auf bestechende Art mit der Kultur in New Orleans verteidigt oder entschuldigt wurden: Schuleschwänzen, schlechte Testergebnisse, Drogensucht und Alkoholismus, ganze Großfamilien, die innerhalb einer Stunde auf dem Schulhof erscheinen, um unwichtige Schuljungenraufereien zu „klären“, unfähige Bürokratie, faule Lehrer, Schüler, die am Tag nach Muttertag verkatert in der Schule erscheinen…

 

 

New Orleans

19.

 

Einmal hat die ältere Schwester eines Mädchens eine meiner besten Schülerinnen nach der Schule schief angeguckt und fünf Minuten später gab es eine riesige Schlägerei auf dem Parkplatz. Die Schülerin, die ich festhielt, riss sich von mir los, sprang auf die Mutter einer anderen Schülerin und fing an, auf sie einzuschlagen. Auf dem Gehsteig vor mir waren ein Stück Haar und ein wenig Blut. Einer meiner Neuntklässler schaute sich das Chaos vergnügt an, während ich versuchte zu helfen. So glücklich hatte ich ihn noch nie gesehen. Er zuckte glückselig mit den Schultern. “Das ist New Orleans!”, rief er zu mir, zu sich selbst, zu jedem, der es hören konnte.

 

20.

 

Manchmal sagen mir meine Schüler, dass sie es satt haben, vom Sturm zu reden. Manchmal wollen sie über nichts anderes reden. Das kann ein und dieselbe Person sein. Einige Schüler haben mir erzählt, dass er ihr Leben ruiniert hat, andere haben erzählt, er hätte ihr Leben gerettet. Auch in diesem Fall können beide Aussagen von der gleichen Person stammen.

 

21.

 

Aus einem Interview Anfang 2006:
AllHipHop.com: Hast du jemals überlegt, ein ganzes Lied deines Albums nur der Tragödie um Hurrikan Katrina zu widmen?
Lil Wayne: Nein, weil ich aus New Orleans bin, Bruder. Uns kommt es vor allem darauf an, nach vorne zu blicken, weiterzumachen. Ihr seid nicht aus New Orleans und ihr hört nicht auf, uns zu löchern mit Fragen wie‚ Und, wie fühlst Du Dich nach Hurrikan Katrina?’ Verdammte Sch****, ich habe die Schnauze voll. Ich habe keine besch****** Stadt und kein Zuhause, wo ich hinkönnte. Meine Mutter hat kein Zuhause, ihre Leute haben kein Zuhause und deren Leute haben kein Zuhause. Niemand hat ein verdammtes Zuhause. Will ich also Hurrikan Katrina ein Lied widmen? Klar, sagt diese Schl****, sie soll mich am Arsch lecken. Das ist meine Widmung.“

 

22. “I am the beast! Feed me rappers or feed me beats”

 

Lil Wayne erwähnt in seinen Liedern ab und zu Katrina. Es gibt einen Track, der über George W. Bush herzieht wegen der Art, wie er mit dem Sturm umgegangen ist. Aber immerhin, und das muss man ihm zugutehalten, schwelgt er nicht in der berühmten Tragödie seiner Stadt.

Die Welt muss erfahren und daran erinnert werden, was hier passiert ist. Aber New Orleans’ Geist ist größer als der Sturm. Man sollte ihrem Lieblingssohn verzeihen, wenn er darauf verzichtet, sich von Katrina bestimmen zu lassen. Für meine Schüler ist Lil Wayne gleichbedeutend mit einer guten Zeit und guten Erinnerungen und anhaltendem Stolz auf ihre Heimatstadt. Alles, was sie von ihm verlangen, ist weiter zu reimen, so triumphierend und merkwürdig wie die Stadt selbst.

 

23. “Ever since I was little, I lived life numb”

 

Michael hörte auf, zur Schule zu kommen. Seine Mutter sagte mir: „Er ist jetzt ein Mann. Ich kann nichts mehr machen.” Darius flog von der Schule, weil er gegenüber einem Lehrer gewalttätig geworden war. Ich könnte auch viele fröhliche Geschichten erzählen, ich möchte nicht nur auf diesen beiden herumreiten. Ich glaube, das ist einfach etwas, das Lehrer in den Sommermonaten machen: In Gedanken rekapitulieren sie die, die sie verloren haben.

 

24.

 

Ich habe mir alles noch einmal durchgelesen und ich habe das total falsch dargestellt. Ich habe einen Fetisch für Desaster. Ich lebe in der besten Stadt der Welt und kann doch nur über den Hurrikane und Schulabgänger schreiben.

 

25.

 

Einmal, nachdem meine Schüler in der letzten Stunde eine große Klassenarbeit geschrieben hatten, fingen sie fröhlich an, auf dem Weg nach draußen Lil Waynes La La La zu singen. „Kommen Sie schon, Ramsey, singen Sie mit, Sie kennen das doch.” Also habe ich mitgesungen. “Born in New Orleans, raised in New Orleans, I will forever remain faithful New Orleans….” Dass ich gar nicht aus New Orleans bin, spielte keine Rolle, solange ich bereit war, mitzuklatschen und zu tanzen und zu singen. Es war ein klarer und sonniger Tag, Lil Wayne war der beste lebende Rapper und die Schule war vorbei. Es war Zeit, Spaß zu haben.

David Ramsey ist Autor und schreibt für die Arkansas Times. Diese Geschichte ist im Magazin The Oxford American im März 2014 unter dem Titel „I Will Forever Remain Faithful“ erschienen.

Übersetzung aus dem Englischen von Heidi Liedke.