Funny Games oder: Über eine Entführung

Der Künstler Brock Enright entführt Menschen. Wie eine New Yorker Bankerin auf der Bühne des Nationaltheaters in Weimar landete.

Dieser Artikel erscheint hier mit freundlicher Unterstützung von waahr.de.

Brock Enright verdient sein Geld mit Entführungen. Er kidnappt und quält Menschen. Brock wuchs in ziemlich prekären Verhältnissen in L.A auf und studierte mittels eines Stipendiums Freie Kunst an der Columbia University in New York. Vor ein paar Jahren begann er mit Kidnappings als eine Art Performance, was sich kurze Zeit später – deus ex machina – verselbstständigte. Heute betreibt er eine Agentur für Entführungen: Semagoediv – „Videogames“, rückwärts gelesen. Ob das noch etwas mit Kunst zu tun hat, weiß er selbst nicht mehr so genau. Aber damals ging es ihm um groteske Pervertierungen des Spätkapitalismus. Mittlerweile läuft seine Agentur so gut, dass er damit seinen Lebensunterhalt verdient. Seine Klienten bezahlen dafür, dass sie für einen gewissen Zeitraum gekidnappt und extremen, scheinbar unvorhergesehenen Situationen ausgesetzt werden. Der dabei stattfindende Terror ist jeweils auf die individuellen Wünsche, Phobien und Neurosen des Kunden abgestimmt. Menschen mit Platzangst werden in Kisten oder Schränke gesperrt, bis sie Panikanfälle bekommen. Andere wollen überwältigt und in einen Kofferraum gesperrt, nach Minnesota gefahren werden. Die Todesangst, die sie dabei fühlen, ist echt. Physische Qualen und seelischen Terror gibt es inklusive. Den exakten Beginn des Kidnappings kennen die Klienten nicht. Beim Vertragsabschluss wird die Art der Entführung und der Folter festgelegt. Ein psychologisches Gutachten wird erstellt, wie auch nach der Entführung eine psychologische Betreuung und Aufarbeitung des Schocks stattfindet. Die Entführung selbst nimmt Brock mit einem Team von Mitarbeitern vor. Jedem von ihnen wird im Blick auf das Opfer eine spezielle Rolle zugeteilt. Juristisch ist Brock in jeglicher Hinsicht abgesichert. Dennoch, oder gerade deshalb, zählt er mittlerweile zu den „unerwünschten Bürgern“ der Stadt New York.

Auf Wunsch können die Entführungen aber auch zu einem mehrwöchigen Abenteuerspiel ausgestaltet werden, das an David Finchers „The Game“ erinnert. Dabei werden dem Kunden Aufgaben und Rätsel gestellt: „Suche einen Mann mit einem goldenen Ring und finde heraus, warum er ihn trägt.“ Der Verlauf des Spiels bleibt dem Kunden jedoch verborgen. So kann es geschehen, dass eine New Yorker Bankangestellte plötzlich den Auftrag erhält, in ein Flugzeug nach London zu steigen. Am Ende des Spiels findet sie sich, ohne es vorher geahnt zu haben, auf einer deutschen Theaterbühne wieder. Erniedrigt und öffentlich gedemütigt, als Teil der Premiere des Stücks. Ich saß im Publikum. Ich wusste, was da vor sich ging, im Gegensatz zu den meisten anderen Zuschauern im Saal. Ich war aber auch wenige Tage vorher mehr oder weniger zufällig Teil des Spiels geworden.

© Jeremy Lange

© Jeremy Lange

Felix Ensslin war noch nicht allzu lange als Regisseur und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Und Ensslin hatte wiederum Brock aus New York mitgebracht, mit dem er „Die Räuber“ inszenieren wollte. Vorab sollte eine Performance mit fragmentarischen Textauszügen aus Werken Schillers dargeboten werden. Viel mehr wusste man nicht. Nicht, dass es mich weiter interessiert hätte. Aber zeitgleich wurde einer meiner besten Freunde, Tommy, angefragt, in eben jenem Stück mitzuspielen. Die Anfrage klang etwas seltsam. Einerseits sollte Tommy bei dem Stück als solchem mitwirken, andererseits eine Rolle außerhalb des Theaters mitspielen. Und zwar in einer Art Spiel, das an Finchers „The Game“ erinnerte. Man suchte nach zwei Deutschen mit einem etwas „gefährlichen“ Aussehen. Nun, ich stelle Tommy und seinen Mitbewohner Stefan gerne als meine Metal-Freunde vor: langhaarige militant Gekleidete, wie sie heute weniger, eher vor zehn Jahren jugendkulturell anzutreffen waren. Dem sind sie immer treu geblieben. Das mag ich an ihnen. Und die Vorstellung von Tommy als gemeingefährlichen Entführer ließ mich schmunzeln. Zumal Tommy, der mit der Behäbigkeit seiner Bewegungen zumeist etwas Gemütliches ausstrahlt, zwar eine Neigung zu gelegentlichen Exzessen, doch eigentlich so gar nichts Gefährliches an sich hat. Tommy ist einer dieser überdurchschnittlich Intelligenten, die mit ihrem Äußeren tunlichst zu vermeiden versuchen, dies zu offenbaren und einen Hang zur Manie haben. Mit seinem letzten Kurzfilm hatte er gerade Premiere in Venedig gefeiert. Tommys Ego war obenauf.

Die Aufgabe der beiden, so berichtete er mir später, bestand darin, an einer Übergabe teilzunehmen: Sie mussten sich außerhalb Weimars in einem Rapsfeld aufstellen. Ein kleiner Transporter kam herbeigefahren, eine Frau mit verbundenen Augen wurde herausgelassen, sie übergab den beiden eine CD. Daraufhin streiften sie ihr einen Sack über und verstauten sie in dem nach Hund stinkenden Kofferraum von Stefans Wagen. Anschließend fuhren sie zu einer kleinen Pension, wo sie das Opfer Brock übergaben. Mehr nicht. Aber wohl doch so spannend, dass beide gerne weiter an dem Spiel und somit auch an der im Theater geplanten Performance teilhaben wollten.

Brock lernte ich noch am selben Abend kennen. Er stieß zufällig zu uns, als ich mich mit Tommy in einer Bar auf ein Bier traf. Ich denke, Brock und ich mochten uns von Anfang an. Gleiche Jugendhelden, gleicher Filmgeschmack. Ich glaube, auch sagen zu können, dass Brock ein grundsympathischer Mensch ist. Damals war er noch keine 30, und erinnerte mit seinem kindlichen Gesicht an Ralph Macchio in „Karate Kid“. Dieser kindliche Zug verschwand jedoch schlagartig, als die Klientin mit zwei Typen von Brocks Team die Bar betrat. Das lag unter anderem an diesem veränderten Blick, den ich erst später richtig zu deuten wusste. Einem Blick, der im Zehn-Sekunden-Takt, scheinbar ganz nebenbei, die gesamte Szenerie überwacht, der sämtliches Geschehen in Raum kontrolliert. Ein Blick, der ganz subtil und unbewusst das Gefühl eines latenten Gefahrenzustands verbreitet.

»Als Strafe ließ Brock sie Zigarettenkippen aufessen. Sie tat das teilnahmslos«

Die Klientin war eine relativ korpulente, braun gelockte Enddreißigerin in einem Designer-Blaumann, eine Bankerin, wie ich hörte. Ich erinnere mich, dass ich sie vom ersten Augenblick an nicht einzuschätzen vermochte; dass mir unklar war, ob ich sie sympathisch finden sollte oder nicht; dass ich sie trotz ihrer physischen Präsenz und auf Kunstkontext verweisende modische Codes als vollkommen nichtssagend empfand. Im Nachhinein glaube ich, es lag wohl daran, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen selbst objektiviert hatte. Anders kann ich mir diese seltsame Abwesenheit von Identität, dieses völlige Verschwinden unter anderen Menschen nicht erklären.

Ihr Phlegma, ihre Ganz-Egal-Haltung gingen so weit, dass Brocks spürbare Verachtung ihr gegenüber kaum Sympathie oder Mitgefühl bei mir erregte. Ich wusste nicht, als wen er mich ihr vorstellte. Aber er flüsterte ihr etwas ins Ohr, dass ihre Wahrnehmung von mir veränderte. Sie hob überrascht, mit einem Anflug an Erstaunen, die Brauen. Eine Art furchteingeflösster Erwartungshaltung. Ich sollte ihr eine Aufgabe stellen. Mir fiel nichts Originelles ein, also forderte ich sie auf, die Nummer der Bedienung an der Theke in Erfahrung zu bringen und dabei ein Freibier für uns herauszuschlagen. Das Gespräch sollte mit einem Kompliment beginnen – wegen der Musik, die die Bedienung aufgelegt hatte. Wir fanden die Musik furchtbar. Durch diese Aufgabe hoffte ich, irgendeine Art von Aktivität bei der Klientin zu erkennen. Es klappte aber nicht. Als Strafe ließ Brock sie ausgedrückte Zigarettenkippen aufessen, die am Boden lagen. Sie tat das teilnahmslos, mit einem Schulterzucken: kein Problem.

Ich traf Brock und die Mitglieder seines Teams noch einige Male, nicht aber die Klientin. Nicht, dass ich sie oder das Spiel vermisst hätte. So fiel es mir leichter, Brock weiterhin zu mögen. Es war mit weitaus angenehmer, das Spiel aus einer Distanz heraus zu verfolgen. Die erste Begegnung hatte bei mir das Gefühl eines leichten Sich-beschmutzt-habens hinterlassen.

Das Deutsche Nationaltheater war ausverkauft, gekommen war größtenteils Weimars Bildungsbürgertum. Unter den Mitarbeitern herrschte Nervosität. Im Foyer sah sich doch noch jemand gezwungen, ein paar einleitende Worte zu Brock und seiner Arbeit zu sagen, allerdings ohne den Mut aufzubringen, offen darzulegen, was es denn wirklich war, was Brock da trieb. Wie aber auch? Vom Theater hatte keiner die Klientin je zu Gesicht bekommen. Und ich, der ich nur den Hauch einer Ahnung hatte, war gerade deshalb ziemlich nervös. Auf der Bühne, an zwei Tischen sitzend, lasen Ensslin und ein Schauspieler Textfragmente aus Schillers „Räubern“ vor. Links am Rand der Bühne ein Chor, der gelegentlich stoisch und monoton in den Vortrag einfiel. Hinter den Tischen sah man, einen Großteil der Bühne einnehmend, Leinwände, auf die gefilmtes Material von Brocks Klienten im Zustand der Peinigung projiziert wurde: Ein Mann, von einer Gruppe überwältigt und gefesselt. Die verstörende Nahaufnahme eines anderen, der gerade eine Panikattacke hatte und möglicherweise gleichzeitig einen sexuellen Höhepunkt erlebte. Eine am Waldrand kniende Person mit verbundenen Augen, umringt von einer Gruppe maskierter Männer, die auf ihre Exekution zu warten schienen. Daneben auch Bilder von Brock selbst als etwa 13-Jährigem, der vor der Kamera „Karate Kid“ nachspielt. In dem gegebenen Zusammenhang bekam die Szene des alten Moor, der von seinem Sohn spricht als dem Monster, das er selbst herangezogen hat, etwas Unheimliches. Unterlegt wurde das Ganze mit bedrohlichen Klangcollagen des von mir sehr geschätzten Marcus Schmickler. Und ich fand das ziemlich gut, zumal hier tatsächlich (und nicht, wie so oft, bloß herbeigedichtet) ein zeitgemäßer Realitätsbezug des Stücks gelang. Darüber hinaus bekam Schillers Theorie des Spiels – der Mensch sei nur da Mensch, wo er spielt – auf einer Metaebene eine ganz andere, bittere Bedeutung. Ein Teil des Publikums sah dies anders und verließ den Raum. Und vielleicht hätte ich selbst es auch nicht so gut gefunden, wäre mir nicht – unter heftigster Adrenalinausschüttung – bewusst gewesen, dass das „Schauspiel“ gleich noch eine viel pervertiertere Form annehmen würde.

Von hinten betraten fünf Personen in Blaumännern die Bühne. Sie trugen Tiermasken und zerrten die unmaskierte Klientin herein. Von ihnen war nicht allzu viel zu erkennen, da sie sich im hinteren Teil der Bühne hinter den durchsichtigen Leinwänden bewegten. Auf eine der Leinwände wurden die Aktionen, gefilmt von einer Kamera in Nahaufnahmen, projiziert. Die Klientin war schon so fertig, dass sie kaum mehr laufen konnte. Sie bebte am ganzen Körper und war von oben bis unten mit Essensresten beschmiert. Die Textlesung nahm unterdessen ihren monotonen Verlauf. Was die Peiniger der am Boden kauernden Frau zuflüsterten, war nicht zu verstehen. Gelegentlich warf ihr einer der Männer einen Basketball an den Kopf. Aber ihre panische Angst, ihr Schockzustand, der Schweiß, der ihr aus den Poren schoss, das Beben ihres Unterkiefers, all das war auf der Großaufnahme der Leinwand unmissverständlich zu erkennen. Zumindest für mich, der ich wusste, dass das, was da vorne gerade stattfand, echt war.

»Tommy sagte mir, an diesem Tag habe er seine Unschuld und seine unsterbliche Seele verloren.«

Als sich der Vorhang lüftete, gab es nicht gerade viel Applaus, sondern weit mehr Buhrufe, die vereinzelt schon während der letzten Minuten eingesetzt hatten. Als sich die Schauspieler verbeugten, saß ich regungslos da und war ziemlich fertig mit den Nerven. Ich fragte mich, wie man buhen konnte, angesichts der Tatsache, dass da vorne jemand stand, der gerade derartige Qualen über sich ergehen hatte lassen. Der sich für das Stück, die Unterhaltung, was auch immer, geopfert hatte. Ich fragte mich aber auch, wie man hätte klatschen sollen, angesichts des Umstands, dass da vorne fünf Typen eine Frau dermaßen malträtiert hatten.

Kurz darauf fand ich mich in der Kälte vor dem Theater wieder, allein und rauchend, um mich herum die sich echauffierenden Dauerkartenbesitzer. Und gerne hätte ich sie gefragt, ob sie sich eigentlich im Klaren darüber waren, was sie da gerade gesehen hatten. Aber zu groß war meine eigene Verwirrung. Auf dem Platz vor dem Theater das bekannte Goethe- und Schillerdenkmal, von dem aus man sich nur wenig zur Seite wenden muss, um über die Dächer und die Berge am Stadtrand hinweg das erleuchtete Buchenwald-Mahnmal zu sehen. Und unter diesem Aspekt hätte ich das Stück so gerne gut gefunden – hier in dieser sogenannten Kulturstadt, mit ihrer ambivalenten Geschichte, mit ihrem schnöden Deutschen Nationaltheater, vor diesen Weimarer Klassik-Faschisten und dem großteils aus dem Westen zugezogenen Bildungsbürgern als Publikum.

Das Spiel war vorbei. Und wenn die Stimmung über die Reaktion des Publikums kurzzeitig auch gedrückt gewesen war, so überwog in der Kantine doch eine gewisse Euphorie. Das euphorisierende Gefühl, das nach einer Adrenalinausschüttung und dem Auflösen eines extremen Stresszustands einsetzt und das einen sehr viel und sehr schnell trinken lässt. Das taten wir dann auch. Auch die Klientin, die fröhlich in der Runde saß und mich zur Begrüßung umarmte. Nur Tommys Lächeln wirkte noch nicht ganz so erlöst. Er und Stefan hatten vor der Performance die Klientin im Keller des Theater einem Nazi-mäßigem Verhör unterzogen. Sie war mit dem Blick zur Wand an einen Stuhl gefesselt worden und die beiden hatten sie fortwährend auf Deutsch, das sie nicht verstand, angeschrien und nach Informationen ausgefragt, die sie nicht haben konnte. Tommy sagte mir, an diesem Tag habe er seine Unschuld und seine unsterbliche Seele verloren. Und zu diesem Zeitpunkt konnten wir noch darüber lachen.

Auf Ensslins Einladung hin betranken wir uns anschließend weiter in der unsäglich hässlichen Bar des „Elefanten“. Absurd, dachte ich. Zwei Stockwerke über mir die ehemalige Adolf Hitler-, später dann Udo-Lindenberg-Suite und neben mir eine Frau, die mehrere tausend Dollar dafür bezahlt hatte, sich mal so richtig fertigmachen lassen. Und im Service war inbegriffen, dass wir alle daran teilgehabt hatten.

Die Nacht wurde noch ziemlich lang. Ich stieg rechtzeitig auf Cola um und unterhielt mich mit der Kostümbildnerin am Tresen der Gerberstraße, dem besetzten Haus und der letzten Lokalität, die noch offen war. Aus dem Augenwinkel heraus, beobachtete ich Brock, der mit Tommy und der Klientin in einer Ecke des Raumes saß. Erneut fiel mir Brocks Blick auf, der immer wieder die Szenerie kontrollierte. Als wäre wieder ein Spiel im Gange. Als läge Gefahr in der Luft. Ich hatte nicht mitbekommen, dass Tommy mit den beiden in einen heftigen Streit geraten war.

© Jeremy Lange

© Jeremy Lange

Einige Tage später berichtete mir Tommy, was in den Kellerräumen des Theaters vorgefallen war. Er fühlte sich noch lange schlecht deswegen. Als einer des Teams den Raum verließ und die Tür in Schloss fiel, sah er, wie die Frau in sich zusammen sackte und aufatmete, da sie annahm, allein im Raum zu sein. Tommy bewegte sich nicht, er ließ sie bewusst in diesem Glauben. Und ertappte sich bei ernsthaften Überlegungen, wie er diese Frau noch besser quälen könnte, ohne ihr physische Gewalt an zu tun. Er wartete noch einen Augenblick und trat dann mit voller Wucht gegen ihren Stuhl. Die Klienten schrie sich die Seele aus dem Leib. Tommy würde vor sich selbst niemals zugeben, Spaß an der Sache gehabt zu haben. Aber was wohl feststeht, ist, dass er an diesem Abend eine Seite an sich entdeckte und eine Grenze überschritt, die ihm lieber verbogen geblieben wäre. Tommy ist kein Schauspieler, und was in diesen Kellerraum geschah, war nicht nur ein Spiel. Das war er. Er hätte sich gerne bei der Klientin entschuldigt, hätte gerne etwas wieder gutgemacht. Aber wie sollte er das tun, wenn es doch genau das war, was von ihm erwartet worden war? Wenn es doch genau das war, wofür sie bezahlt hatte? Wenn es das war, was sie wollte? Inwiefern könnte sie ihm dafür vergeben? Und eben diese Erkenntnis schürte eine ohnmächtige Wut in ihm.

Als ich auf die Straße rannte, hatte Tommy schon mehrere Male auf den am Boden liegenden Brock eingetreten. Es fiel nicht gerade leicht, ihn davon abzubringen. Aber Brock lachte nur. Ich glaube, er wusste genau, was in Tommy vor sich ging, und ließ ihn einfach machen. Eine reine Gefälligkeit, in der Hoffnung, dass es Tommy dann besser gehe. Wahrscheinlich fand es Brock angebracht, verprügelt zu werden. Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag, das Beängstigende und Verwirrende war sein offensichtlich klares Bewusstsein für die Situation. Die Einsicht in und damit auch die Kontrolle über die für ihn nur scheinbar außer Kontrolle geratene Situation, die auch diesen Vorfall zum Spiel, zu einem Nachspiel, und Brock wieder zum Spielleiter machten, obgleich er am Boden lag. Und das musste offenbar auch Tommy erkannt haben, der sich nun noch viel ohnmächtiger fühlte.

Auf dem Heimweg musste ich an Lynchs „Blue Velvet“ denken, an die Szene, in der Isabella Rossellini den ihr verfallenen Kyle Maclachlan immer wieder anfleht, er möge sie schlagen, bis er irgendwann so erbost darüber ist, dass er es tatsächlich tut. Dann lacht sie und sagt, dass nun ihr Gift in ihm sei.

Die Kritiken für die Performance fielen vernichtend aus, und ein Teil des Ensembles wollte Ensslin verklagen, da es auf so etwas nicht vorbereitet und auch nicht davor gewarnt worden war. Ich führte noch viele Diskussionen über das Stück, bei denen ich reflexartig immer die gegenteilige Meinung meiner Gesprächspartner vertrat, und doch blieb eine Ratlosigkeit zurück. Und während sich die Wogen glätteten, richtete sich, ohne dass Tommy und ich es aussprachen, unser beider Antipathie gegen die Klientin. Erst beim Schreiben dieses Textes fiel mir auf, dass ich mich nicht mehr an ihren Namen erinnern kann. Ich bin mir, um ehrlich zu sein, nicht mal mehr sicher, ob ich ihn jemals wusste oder sie jemals direkt mit ihren Namen angesprochen habe. Wie selbstverständlich erzählt bzw. schreibt es sich nur von „der Klientin“. Es gibt auch nicht den geringsten Anreiz, ihren Namen nachträglich herauszubekommen. War sie es doch, wegen der diese ganze Nummer stattgefunden hatte, die uns gegen uns selbst ausgespielt oder – um es mit Schiller zu sagen – einer ästhetischen Erziehung unterzogen hatte. Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Jonas Weber Herrera lebt und arbeitet als Filmemacher, Bildender Künstler und Dozent in Berlin. Seine Arbeiten wurden auf internationalen Filmfestivals, der KunstFilmBiennale und in diversen Gruppenausstellungen u.a. im Centre Pompidou gezeigt.