Der Paria

Warum sich Friedrich Liechtenstein im Moment seines größten medialen Erfolgs einem musikalischen Mammutprojekt in einem verlassenen österreichischen Kurort widmet.

Die Wolken hängen tief im Tal an diesem Wochenendtag im österreichischen Bad Gastein, sie decken die mondänen Hotels aus der Zeit der Belle-Epoque mit einem dunklen Schleier zu. Die Prachtbauten im Ortskern, in denen einst Größen wie Hildegard Knef, Gustav Klimt und Sigmund Freud ihre Sommerfrische verbrachten, stehen heute komplett leer. Wie das Overlook-Hotel aus Kubricks The Shining ruft die Leere Beklemmung hervor. Man wird den Eindruck nicht los, ein paranormales Brachland betreten zu haben.

Ausgerechnet diesem Ort widmet Friedrich Liechtenstein sein neues Album. Im Frühjahr dieses Jahres war er von einem Tag auf den nächsten zu Ruhm gekommen fürs „Tanzen und tief Sprechen“, wie er selber sagt. 25 Millionen Klicks brachten ihm das Tanzen und tiefe Sprechen auf Youtube, 10 Millionen davon allein der „Supergeil“-Spot für Edeka. Jetzt setzt Liechtenstein Pläne zu einem Musikalbum um, genauer: einem Konzeptalbum über Bad Gastein, mit thematisch verbundenen Songs. Die Idee ist ehrgeizig. Eine Komposition aus Musik und Film soll es werden. Liechtenstein arbeitete schon an den Texten, da wusste er noch nichts von der Edeka-Geschichte. Nach dem Erfolg des Spots will die deutsche Vogue beim Dreh dabei sein, eine Party schmeißen nur für ihn. Kameradrohnen sollen für das Video Aufnahmen aus hundert Metern Höhe machen. Regisseur Clemens Purner schwärmt: „Es wird ein warmherziges, größenwahnsinniges Projekt.“

Kurz bevor es mit dem Dreh losgeht, wird auf einmal das Budget eingefahren. Das Video soll nun nicht mehr zum ganzen Album gedreht werden, sondern nur zu einem Song. Die Kameradrohnen dürfen aus rechtlichen Gründen nicht fliegen und die Party der Vogue wird auf den Spätsommer verschoben. Die Zeichen stehen gegen Liechtenstein. Zudem hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem: erst Werbeheld und jetzt ein musikalisches Großprojekt? Der Verdacht, Liechtenstein würde doch nur an seiner Werbekarriere werkeln, liegt nahe, zumal das Video vom Tourismusverband in Bad Gastein finanziert wird. Dass der Regisseur aus der Werbung kommt, bekräftigt diese Vermutung. Ist die Kunst also nur des (Werbe-)Kaisers neues Kleid? Liechtenstein bestreitet das. In Bad Gastein, verspricht er, wird er der Welt, die ihn als Werbeheld kennt, sein wahres Gesicht zeigen. Drei Drehtage hat er dafür. Die Zeit ist knapp bemessen.

Friedrich Liechtenstein

Geboren 1956, wächst Liechtenstein auf in Eisenhüttenstadt, damals Stalinstadt und erste sozialistische Planstadt der DDR. Die Stadt prägt ihn am ehesten durch ihre Tristesse. „Ich kann da sofort wieder reinfallen“, sagt er, „in diese Stimmung, in diese miese Lost-Situation. Alles war grau, das Essen war wirklich scheiße und wir hatten von allem das Schlechteste.“ Die Eltern, er Zahntechnikermeister, sie Kindergärtnerin, halten die künstlerischen Ambitionen ihres Sohnes für brotlos. Aber sie rüsten ihn mit einem soliden Selbstbewusstsein aus, mit dem er Anfang 20 zuerst nach Berlin geht, wo er Puppenspielkunst an der Ernst Busch-Hochschule studiert. Danach zieht er mit seiner Frau in die Sächsische Schweiz. Hier betreibt er in Waitzdorf ein kleines Kino und lädt in den späten 80er-Jahren einmal im Jahr zu einem internationalen Puppenspielfest ein.

„In der DDR haben Künstler gelernt, immer doppelbödig zu sein“, erinnert sich Liechtenstein. „Dadurch hatte man zwar immer noch die Stasi im Nacken, aber das war wie heute beim Finanzamt auch. Ich selber war nicht besonders provokativ, aber auch nicht in der SED, eher ein Außenseiter.“ Als Puppenspieler steht er in der DDR so weit am Rande des Kulturbetriebs, dass er relativ ungehindert vom Überwachungsapparat arbeiten kann. Er bleibt zwar auf dem Bildschirm der Behörden, aber deren Druck dringt nicht in alle Lebensbereiche des Paria durch. „So konnte ich frei sein“, sagt Liechtenstein.

Mit der Zeit wird Liechtenstein diese Nische zu eng. Als die Mauer fällt, beschließt er, sein Leben zu ändern. Sein bis heute geltendes Mantra wird der Satz: „Die Zeit der Eiche ist vorbei, jetzt ist die Zeit der Alge.“ Das klingt esoterischer, als es gemeint ist. Die Eiche steht für ein tief verwurzeltes Leben, für eine stabile Familie, für eine erfolgreiche Firma. Die Alge aber, so der Künstler, „geht einen Schritt weiter, ins Wasser und in die Luft, verzweigt und verwandelt sich, geht Symbiosen ein. Sie zeigt, dass alles irgendwie möglich ist.“ Liechtenstein trennt sich von seiner Frau, fängt an, Theaterstücke zu inszenieren und Theater neu zu denken, kommt wieder zurück nach Berlin. In den Sophiensälen installiert er einen Schlafsaal, ins Tacheles baut er eine Bocchia-Bahn, den Fernsehturm verwandelt er in die größte Discokugel der Welt.

Friedrich Liechtenstein

Als Regisseur inszeniert Liechtenstein auch Klassiker wie Shakespeare oder Tschechow z. B. in der Volksbühne in Berlin. Doch sein Hauptinteresse gilt Stücken, die, wie er sagt, dramaturgisch auf der Stelle treten. In seinen Theaterinszenierungen und Installationen geht es ihm um einen Eindruck, der sich immer wiederholt und den man wie eine Skulptur von verschiedenen Winkeln aus betrachten soll. Besonders stolz ist er auf den Carmen-Miranda-Revue-Pavillon im Haus der Berliner Festspiele: „Ein Gebräu aus Revuetheater, folkloristischem Candomblé, aus Chansons und Bildern und Tieren und Kostümen und Behauptungen und merkwürdiger Musik.“ Alles ist möglich. Irgendwie.

„Wenn Theater Kunst sein möchte“, sagt Liechtenstein, „darf es nicht als angewandte Kunst walten, als Kostüm- und Bühnenbild oder in der Dramaturgie. Das Eigentliche am Theater ist der merkwürdige Augenblick, wenn Leute im Dunkeln sitzen, andere auf der Bühne stehen und dann zwischen den Parteien eine nicht beschreibbare Wahrnehmung entsteht.“ Schlingensief habe dieses Prinzip, so Liechtenstein, perfekt beherrscht. „Er hat die coolen guten Leute zu einem coolen guten Thema auf die Bühne geschickt und weder das Publikum noch die Leute auf der Bühne wussten, was da passiert. Weil alle in dieser Aufregung aber tatsächlich etwas gesucht haben, kam es zu Kurzschlüssen und zu Wahrnehmungen, was das bedeuten könnte. Ich sehe mich gerne in dieser Tradition des Theaters.“

Die Zeit der Alge ist für Liechtenstein nicht bloß eine Absage an das bürgerliche Leben. Die Alge steht vielmehr für eine bestimmte Art und Weise, die Umwelt wahrzunehmen. „Sie ist im Kern der Definition unscharf. Sie verändert sich ständig und man weiß nicht genau: Ist es Alge oder eine Bakterie? Sie ist kryptogam: Es ist nicht offensichtlich, wie sie sich vermehren. Und die Alge ist die Meisterin der Symbiosen: Sie lebt etwa mit Nesseltieren in Korallenriffen.“ Die Alge ist Liechtensteins Metapher für die Auflösung von Systemen, mit denen der Mensch sich Ordnung schafft. „Mit der Algen-Metapher kann man alles vernetzen: Städte, Küsten, Historien, Wellness, Hunger, Trinkwasser, Design …“

Liechtenstein redet mit einer solchen Faszination über die Alge, weil er sie als Bild für seine künstlerische Mission sieht: die vollere Wahrnehmung der Welt. „Kunst hat bei mir mit einer Art von Transzendenz zu tun. Mit einer Erfahrung, die über dem Stoff liegt, den man ausgewählt oder gestaltet hat, die aber von dort ausgelöst wird. Eine Erfahrung im besten Fall von Schönheit und Wahrheit jenseits von Wissenschaft.“ Liechtenstein gibt sich hier als Schamane, der mit seinen magischen Fähigkeiten in Verbindung zu treten versucht mit einer Realität hinter den Dingen. Das mag man für ein Künstlerklischee halten, aber Liechtenstein lebt diesen Anspruch mit einer erstaunlichen Ernsthaftigkeit.

Friedrich Liechtenstein

Die Zeit in Berlin bringt nicht nur künstlerisch einen tiefen Umbruch hervor, sondern auch in seinem Leben. Liechtenstein ist ein „ornamental hermit“, ein sogenannter Schmuckeremit. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich damit, als professioneller Sonderling unter Menschen zu weilen. Das klingt zwar sexy, entpuppt sich aber als ein zweifelhaftes Geschäft. Er darf als Gesicht einer Brillenfirma in deren Räumlichkeiten unterkommen; zuweilen lebt er jedoch in einem winzigen Durchgangsraum, der die Dachterrasse der Firma mit deren Showroom verbindet. Es ist der Preis, den er für seine Freiheit zahlt.

So vergehen die Jahre, bis Liechtenstein sich mit fast 50 auf einer Bühne in Bordeaux wiederfindet. Er spielt einen Song und das Publikum hält ihn versehentlich für einen Star. „Das hat sich sehr gut angefühlt. Das war so ein Flash, wenn man geil abliefert und das Publikum ist total hinüber. Da denkt man: Okay, das macht am meisten Spaß.“ Das ist die Zeit, in der er neben der Regie das Entertainment für sich entdeckt: „Kunst und Entertainment sind in der Tat zwei verschiedene Gelegenheiten für mich“, bemerkt Liechtenstein. „Einmal bin ich froh, wenn ich einfach nur geil abliefern kann. Im Osten war alles langweilig und ich merke, dass ich einen unerfüllten Durst nach Glamour habe. Künstler bin ich dann, wenn einer plötzlich etwas entdeckt und sagt: Ah ja, ich verstehe!“ Der Unterschied zwischen dem Künstler Liechtenstein und dem Entertainer Liechtenstein zeigt sich sogar in seiner Art zu reden. Als Künstler spricht er schneller, denkt assoziativ und überfordert mit langen Gedankenketten. Als Entertainer ist seine Stimme tiefer, er lacht lauter und seine Sätze sind kurz und weniger gedrängt.

In den folgenden Jahren wendet er sich immer mehr der Musik zu. Er findet gefallen an ihrer Kraft und daran, dass sie mehr Menschen erreicht als das Theater. Seine zwei liebevoll produzierten Alben finden zwar nur wenig Beachtung, doch die Werbeagentur Jung von Matt wird auf eines seiner Lieder aufmerksam. Sie baut daraus den „Supergeil“-Spot für Edeka und macht Liechtenstein über Nacht zum größten Internetstar Deutschlands. Als Entertainer wohl gemerkt, nicht als Musiker oder Künstler.

„Vom Leben des Eremiten am Rande der Gesellschaft bin ich nun im Herzen der Mehrheitsgesellschaft angekommen, umgeben von Branding und Marketing“, sagt Liechtenstein. Ausgerechnet er, der die Alge als Sinnbild für ein verzweigtes Leben mit einer unscharfen Identität geprägt hat, wird nun zum Kanonenfutter einer Managerin, die sein Bild in der Öffentlichkeit genau steuert. Diese Zäsur ist die Geburtsstunde von Bad Gastein, Liechtensteins drittem Album. Durch den Erfolg des Spots erst kann er die Ressourcen auftreiben, die das Projekt ermöglichen. Die Frage ist, ob der Edeka-Liechtenstein seinem künstlerischen Programm überhaupt noch folgen möchte, oder ob hier im Gewandt der Kunst Imagepflege und Werbung für den österreichischen Kurort betrieben wird.

Friedrich Liechtenstein

Es ist Donnerstagabend und Liechtenstein ist dort zum Essen eingeladen, wo vor ihm schon der Schah von Persien sich verwöhnen ließ und Prinzessin Margret von Holland Goldene Hochzeit feierte: im Restaurant des Hotels Grüner Baum in Bad Gastein. Er wird von Hoteliers und der Geschäftsführerin des Tourismusverbandes empfangen. Beim gemeinsamen Abendessen sollen die letzten offenen Fragen für den Videodreh in den nächsten Tagen geklärt werden. Liechtenstein trägt einen teuren, schwarzen Anzug, dazu silbernen Vintage-Nagellack. Gereicht wird am Vortag geschossenes Schmaltier mit fein gestampftem Kartoffelpüree. Liechtenstein versteht es – ganz der Entertainer aus dem Edeka-Spot –, das etwas stockend verlaufende Tischgespräch in Schwung zu bringen. Er denkt schnell, spricht langsam. Witzig ist er, sehr sogar, aber nie auf Kosten anderer und dabei stets charmant.

Bad Gastein, vor vielen Jahrzehnten das Monte Carlo der Alpen und Nobelkurort für die österreich-ungarische Ständestaatsprominenz, ist heute eine im Verfall begriffene Geisterstadt. Die Gastgeber an diesem Abend sind der Hoffnung, dass der Mann mit dem tiefen Organ und den geilen Moves, ähnlich wie für Edeka, einen Imagewandel für den Ort herbeiführen wird. Aber Liechtenstein lässt sich so einfach nicht vereinnahmen. „Ich war vor drei Jahren zum ersten Mal hier und irgendwas zieht mich seitdem immer wieder hier her“, sagt er. „Das Gewimmel und gleichzeitig die Leere und das Morbide haben eine große Anziehungskraft auf mich.“

Der Ort ist in der Tat rätselhaft. Niemand kann so richtig erklären, warum der alte Glanz so brutal verblichen ist. Der offiziellen Version zufolge hält ein gewisser Franz Duval den Ort in Geiselhaft. Zwischen 2001 und 2005 kaufte er die vier Grand Hotels im Ortskern, allesamt Konkursruinen, mit dem Versprechen, sie zu sanieren. Doch die Hotels stehen immer noch leer und bröckeln in der Bilderbuchlandschaft weiter vor sich hin. Duvals Motive sind indessen unklar. Gerüchte und Halbwahrheiten kursieren. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden unter amerikanischer Besatzung tausende jüdische, vielfach lungenkranke Überlebende aus osteuropäischen Ländern in den Grand Hotels einquartiert. Darunter sollen auch Duvals Eltern gewesen sein. Doch die Bewohner Bad Gasteins protestierten gegen diese Maßnahme und die aus ihrer Heimat vertriebenen Gäste mussten noch im gleichen Jahr in anderen Sammellagern untergebracht werden. Es ist denkbar, dass Duval Bad Gastein lahmlegen möchte, weil die Stadt seine Eltern einst so skrupellos abgeschoben hat.

Rätsel wie dieses machen für Liechtenstein den Reiz des Ortes aus. „Bad Gastein ist ein Raum für Fantasie, in den man sich hineindenken kann“, sagt er begeistert. „Man wird nicht gleich hinausgeschubst, weil alles schon voll ist.“ Diesen Raum für Fantasie füllt Liechtenstein mit der Geschichte des Kinky King, der unheilbar an Melancholie erkrankt ist und in den dampfenden Radonbädern der Stadt, im Schatten der Berge, genesen will. „Der Protagonist fährt da hin, um gesund zu werden, und trifft eine Frau im Fahrstuhl im Kongresszentrum“, erzählt Liechtenstein. „Dann ist er allein an der Hotelbar, telefoniert mit seiner Ex, ist allein im Hotelzimmer und denkt über das Zimmer nach. Schließlich geht er runter an die leere Bar und singt Coversongs.“

Friedrich Liechtenstein

Als es mit dem Dreh losgeht, trägt er über seinem Anzug einen Morgenmantel von Tom Ford, der 5000 Euro kosten soll. Er steht im kleinen Kleiderzimmer seinem Spiegelbild gegenüber. Einen Teil seiner Garderobe hat er zwar in Berlin vergessen („Scheiß Junggesellendasein!“), doch guter Dinge ist er trotzdem. „Ein Schauspieler meiner Couleur kann alles tragen“, sagt er selbstironisch. „Das Hemd bügelt sich noch am Körper und dann sieht der Typ geil aus.“

In den drei Tagen im österreichischen Kurort fliegt Liechtenstein in seinem Tom Ford Morgenmantel von einem Drehort zum anderen, um seiner Geschichte einen Rahmen, eine Kulisse zu geben. Er liegt einsam in Fötusstellung auf dem Bett der Fürstensuite des verwahrlosten Grand Hotels Europe, lässt sich in original römischen Thermalwannenbädern die Leiden lindern und kniet inmitten einer übergroßen Carrera-Bahn in einem ehemaligen Casino, umhüllt von altem kaltem Rauch. „Die Geschichte schwingt mit dem Ort zusammen, mit den Problemen, die es da gibt“, erklärt er. „Aber auf eine poetische Weise.“

Bad Gastein gibt eine ehrliche Kulisse für den gebrochenen Antihelden her. Wir sind nicht auf dieser Welt, um perfekt zu sein. Der Schnee ist perfekt, der Mond. Wir sind auf dieser Welt, um die falschen Frauen zu lieben, heißt es im Text. Wenn man dem Kinky King zusieht, wie er mit langsamen Armbewegungen durch die leeren Hallen der Grand Hotels schwebt, sieht man eben dieses Geschlecht der unheilbaren Melancholiker, deren Sehnsüchte für immer unerreichbar bleiben. Und die Bestimmung, für immer verlassen zu sein, um die sich das Album dreht, quält nicht nur Kinky King, sondern eben auch den Ort. Die Geschichte Bad Gasteins, die Story und die Kulisse harmonieren perfekt.

Alles ein gut inszenierter Werbegag? Nein. Bad Gastein ist für Liechtenstein ein Herzensprojekt, der Höhepunkt einer Laufbahn, die mit dem Puppenspiel ihren Anfang nahm. Das Gewimmel seiner frühen Installationen ist in dem Ort Bad Gastein genau so zu finden wie in den Texten über den Kinky King, über den man erfährt, dass er mal bei den Fremdenlegionären war und irgendwann zum Elevatorman wird. Auch das Skulpturale wird wieder aufgegriffen: Der Eindruck der Leere ist gleichermaßen in der Geschichte des Ortes, im Text und in der Kulisse angelegt und man kann ihm von verschiedenen Perspektiven aus begegnen. Anders gesagt: Der gleiche Eindruck wird in unterschiedlichen Ausprägungen vorgestellt: „Die Moderne ist kaputt, Bad Gastein ist kaputt, das Hotel Europe ist kaputt, der Kinky King ist kaputt“, tönt Liechtenstein.

Mit Bad Gastein knüpft Liechtenstein wieder an seine künstlerische Mission an, neue Erfahrungen abseits des Bekannten zu suchen. Er tut dies mit einem überraschend ambitionierten Werk. Die Beharrlichkeit, mit der er am künstlerischen Ausdruck festhält, gerade jetzt, wo er einen kommerziellen Hit nach dem nächsten landen könnte, ist bewundernswert. „In der DDR war ich ein Außenseiter, der ich heute eigentlich auch noch bin“, sagt der Künstler. „Wenn jeder so wäre, würde die Welt in sich zusammenfallen. Aber wir brauchen Leute am Rand der Gesellschaft, die Seitenstraßen aus der Welt hinaus bauen und so die Welt erweitern.“

Fotos von der wunderbaren Franziska Taffelt