Über Pina und warum Liebe alles heilen kann

Wie wäre es Pina Bausch in einem Wald zu treffen? Unser Autor macht das Gedankenexperiment. Mit Pina begibt er sich auf die Suche nach einer neuen Art zu Tanzen, nach einer neuen Sprache, nach Liebe und Zärtlichkeit.

Die Kiefern und Birken ragen hoch im Grenzwald. Es gibt auch eine tausendjährige Eiche. Ihre Krone liegt vielleicht über den Wolken und reicht bis zu den Sternen. Wer solche Dinge für unwirklich hält? Das weiß ich nicht. Aber die oder der hat sich vielleicht noch nicht daran erinnert, dass wir eingeladen sind, den Himmel auf Erden zu erschaffen; und daran, dass wir uns jede Sekunde für die bedingungslose Liebe entscheiden dürfen, mit der wir in eine Welt kommen, in der sich viele manchmal misshellig geben.
Und dann? Fast alles kann Tanz sein, wie Pina sagt. Und es hat ganz viel zu tun mit dem, was Kinder machen, im Wasser planschen, schmierig werden, sich anmalen, spielen. Was jeder einzelne sonst noch tun könnte in einer Triebwerkswelt, in der vielen so etwas schwer fällt? Noch etwas, das Pina mal gesagt hat, und zwar: „Setz Dich hin und lächle.“

Es ist im vergangenen Sommer oder in einem davor. Jeder einzelne Baum ist bedeutsam hier im Grenzwald. Die meisten haben mehrere Herzen in ihrem Innern, die kraftvoll pochen – wer die Ohren an ihre Rinde legt, hört’s mit ziemlicher Sicherheit oder spürt’s. Und da sehe ich dann Pinas Kleid leuchten zwischen den weißgescheckten Borken einer Gruppe Birken nahe bei der tausendjährigen Eiche. Der Stoff ist dünn und nahtlos und weiß, ein Kleid, wie sie es in ihrem Stück Café Müller trägt. Und danach sehe ich ihr Gesicht. In Café Müller lächelt sie nicht viel und manchmal kullern ihr auch Tränen die Wangen herunter, echte Tränen, weil selbst im Theater oder im Fernsehen Tränen immer echt sind. Tränen kann man nämlich nicht spielen. Jetzt tut Pina jedenfalls nichts anderes als lächeln. Ihre Augen sind zu. Aber sie sieht mich. Und ich erinnere die blau-graue Farbe ihrer Augen und die Pünktchen dazwischen.
Mit ihrer Hand berührt sie hier und da das Holz. Jeder einzelne Stamm zeigt in seiner Rinde eine Kartographie, Wegweiser zu unentdeckten Ländern, in der weder gesellschaftliche Schicht noch Volkszugehörigkeit Schranken bedeuten, wo keine und keiner größer ist als die oder der Andere, egal ob er Straßenkehrer oder Fußballprofi ist. Pina kennt viele dieser Länder, sie haben alle Namen, schöne Namen, vielleicht heißt eins Wiesenland, ein anderes Apfelland. Ihr Lächeln jedenfalls erzählt davon, dass dort alles gut ist, sich hier nichts mit lauter Stimme bekannt machen braucht, sondern wirksam ist in den feinen Bereichen des liebenden Seins.
Dieses dort ist hier. Und manchmal braucht es Vorsicht, wenn man weiß und glaubt, dass so eine Idee in jeder Sekunde wirksam ist, allüberall. Wer tut’s trotzdem?

In einem Moment deuten Pinas Beine einen sich lösenden Knoten an. Sie bleiben noch eine Weile umschlungen. Ich finde, dass auch das die Liebe ist, erkannt und unerkannt. Und da ist die Umarmung zur Versöhnung mit sich selbst und anderen in den ausgestreckten Armen und offenen Händen. Und die Finger? Sie fangen bald an zu schnipsen, und die Hummeln summen und die Zapfen knistern nach dem vergangenen Regen am Morgen, und ihr Tanz beginnt. Es sind zuerst kleine Schritte und eine Angst ist da, nicht gesehen zu werden, doch schließlich Freude, dass es da ein paar ehrliche Blicke gibt, um einige Frühlinge zu erleben oder bloß im Vorbeigehen in der Stadt, wo noch viele Menschen traurig und müde aussehen.
Pinas Schritte sind sanft und schön und zum Lächeln. Sie setzt Zehenspitze vor Zehenspitze. Es bleibt nur ein winziger Zwischenraum, so wie bei einer Naht, wenn man Stoffe flickt. Fußspuren hinterlässt sie bloß unsichtbare. Dafür spüre ich hin und wieder ihren Atem. Nicht wie eine Primaballerina, eher wie jemand der vorsichtig seine Schritte tut, um niemanden zu wecken, oder vielleicht gerade, um auf eine stille Weise die Menschen wach zu machen. Wenn sie Luft aushaucht, dauert es sehr lange. Es ist ein sachtes Zischen. Eine Plastiktüte weht herbei. Wenn niemand da ist, der mit einem tanzt, mit der Tüte aus Plastik, die sich wölbt im Wind, lässt sich auch tanzen. Wir tun’s ein bisschen, um nicht verloren zu gehen. Und jetzt ist Pinas Atem dabei wie eine Frage.
„Siehst Du mich?“, fragt sie leise.
Ich nicke.
„Möchtest Du mir etwas zeigen?
Wie Du Dich fühlst?“
Dafür brauche ich zwei weitere Hände, denke ich. Pina versteht mich, ohne dass ich weiter sprechen muss. Und ich strecke meine Hände aus und spüre eine Wärme. Es ist eine Berührung, kein Festhalten.
„Es gibt keine Trennung“, kichert sie leise. Eine Birkenpolle segelt an mir vorbei wie ein kleiner Drache. Pina und ich freuen uns wie Kinder und ich erzähle ihr ein bisschen von der Frau, die ich liebe, etwa dass sie so schön singt und Lieder über die Liebe schreibt. Und dass sie einmal auf einem Familienfest ein Lied von regnenden Rosen gesungen hat. Und dass es dann tatsächlich Rosen geregnet hat. Und dass wir später in den bunten Blüten getanzt haben zu Schlagermusik. Und dass ich manchmal Angst habe, sie nicht wiederzusehen, sage ich zu Pina.
Sie setzt sich auf einen Baumstumpf.
„Brüderchen. Es ist so, dass nichts verloren geht. Alles ist da. Wenn es etwas gibt, dass Dich verfolgt, dann immer schon die Liebe und die Stille,“ sagt sie. „Das ist, was gilt, in guten, wie in schlechten Zeiten.“

„Darf ich Dich das fragen? Was tust Du, wenn Du traurig bist“, möchte Pina weiter wissen.
Ich zeige auf einen Tautropfen an einem Grashalm, der aussieht wie eine Träne. Dann schwinge ich mich auf einen Ast auf und mache eine Rolle rückwärts und vorwärts. Beim Abschwung tue ich so, als falle ich, weil ich mich tatsächlich im ersten Augenblick nicht auf den Beinen halten kann. Ich lande in einem weichen Haufen Erde. Ich greife mit beiden Händen hinein und werfe die Krümel hoch in die Luft. Ich sitze da und lächle. Pina auch.
„Und nun,“ sagt sie nach einer Weile. Es klingt nicht wie eine Frage.
„Und nun,“ Ich lehne mich gegen eine Birke und erzähle:
Dass ich Dich endlich wiederhabe!
Dass Du mich annimmst, wunderbar!
Liebe!
Lieber!
Trotz allem!
So ähnlich war’s, liebe Pina, als ich in Wuppertal beim Frühlingsopfer zugesehen habe. Wobei das Zusehen bei Dir immer auch wie ein Mittanzen ist. Es geht nicht anders. In der Pause sah ich die Menschen im Publikum ins Foyer gehen, kein Gedrängel, kein Schubsen. Oder doch, da und dort gab es das. Aber was die Menschen auf der Bühne sehen bei Dir, das ist auch eine Einladung immer wieder zu vergeben, immer wieder von Neuem beginnen zu dürfen. In jeder und jedem das zu sehen, was sie oder er sein könnte, was sie oder er ist.
Der Schmerz schmerzt und die Traurigkeit trauert nochmal. Aber das Weh ist dann doch wieder ein Tanzen, und das Weinen ist dann doch wieder ein Singen, weil die Tränen sich anfühlen, wie letzte Tränen.
Beim Frühlingsopfer liegt viel Erde auf dem Tanzboden. Es ist liebe Erde, die so alt ist wie die Erde selbst, uralt. Während des Stücks fliegt die Erde oft herum, aber sie landet immer wieder auf dem Boden und ist auf eine Weise still. Die Erde macht alles mit. Das ist ihre Natur. Aber wer sagt, dass die Erde keinen Schmerz kennt, der erzählt Mist. Am Ende steht die Frau, die sich geopfert hat mit zerrissenen Kleidern da auf der Bühne. Sich schwach zeigen zu dürfen, liebe Pina, ohne Stärke zu provozieren, das ist ein Wunsch für die Welt.
Wir werden ja zu nichts gezwungen. Aber wir können etwas tun für die Erde, das Wasser, die Luft, damit das Feuer in uns nicht erlischt.
Es gibt einen Tanz bei den Tewa-Indianern. Er heißt: Alles ist in Balance. Die Frau mit zerrissenen Kleidern, die sich opfert, hat das versucht. Aus einem Haufen von Männern und Frauen hat sie sich als einzige getraut. Aber sie braucht welche zum mittanzen. Alle müssen sich trauen, so wie die Tewa-Indiander. Da tanzen alle gemeinsam in der Mitte. Ganz alleine geht es nicht. Und die Zeit der Opfer und Täter ist längst abgelaufen.
Es gibt viel Unerzähltes. Und es gibt eine Geschichte, die die Herzen wiedererkennen, wenn sie sie hören.
Nach der Aufführung klatschen die Menschen im Publikum. Und die Tänzerin mit dem zerrissenen Kleid lächelt ein wenig. Die Erde liegt still da, wie eine Einladung.
Lieben wir eigentlich genug auf der Welt? Ich glaube, wir müssen vergeben in alle Richtungen und unseren Kindern das beibringen und an alte Märchen und Mythen erinnern, weil sie wahr sind.
Dass ich Dich endlich wiederhabe!
Dass Du mich annimmst, wunderbar!
Liebe!
Lieber!
Trotz allem!

Ausschnitt aus Das Frühlingsopfer im Opernhaus Wuppertal

Pina sagt nichts. Eine schöne Taube landet nicht weit von dort, wo sie auf dem Stumpf sitzt. Der Ast, auf dem der Vogel landet, wackelt etwas. Ich mache auf meinen Zehenspitzen zwei kleine Schritte nach links, zwei nach rechts. Manchmal knicke ich dabei ein, einmal falle ich über eine Wurzel und die weiche Erde fängt mich auf. Ich habe Dreck im Gesicht. Pina schmunzelt.
„Zwei und zwei,“ sagt sie.
Ich richte mich auf, um zu sitzen und spüre weiches Moos unter meinen Händen. Zwei Ameisen benutzen meine linke Hand als Brücke. Sie gehen nebeneinander, schleppen nichts, spazieren einfach auf ihren sechs Beinchen vorüber. Ich habe unendlich viel Ehrfurcht vor Ameisen. Die beiden Tiere sind einfach bei der Sache und vielleicht auf Hochzeitsreise. Jedenfalls senken Pina und ich fast synchron unseren Kopf und flüstern fast gleichzeitig.
„Danke, ihr Lieben.“
Die Ameisen halten kurz auf Höhe des kleinen Fingers und verschwinden dann im Unterholz.
Pina und ich schweigen daraufhin eine Weile bis ein schwacher Wind einsetzt und drei, vier Kiefernzapfen von den Bäumen in unserer Nähe fallen.

Wir schweigen noch was und auf einmal richtet Pina sich auf, stellt sich auch auf die Zehenspitzen und lacht lieb. Sie plustert ihre Backen auf. Sie dreht den Kopf einmal nach links, legt sich die flache Hand an die Wange, und schiebt ihn wieder in die Mitte zurück. Mit dem Zeigefinger pickt sie in ihre aufgeblasenen Wangen und es macht Peng, als würde ein Luftballon platzen. Ich lache mich kaputt. Dann tippt sie sich mit ihrem Zeige- und Mittelfinger auf die Stirn, Mund und Herz.
„Lutzchen“, sagt sie.
„Ja“, sage ich.
Pina macht große Augen. Und ich erinnere mich an ihn, Lutz Förster, der Mann in Pinas Kompanie, der genau wie Nazareth Panadero schon lange, lange dabei ist. Ich erinnere mich daran, wie ich Lutz Förster vor ein paar Monaten habe tanzen sehen bei einer Aufführung im Opernhaus in Wuppertal. Und ich erinnere seine Hände und Finger. Auch wenn Lutz Förster so ein schönes Gesicht hat, wie der Sandmann vielleicht. Aber bloß auf seine Hände und Finger schaute ich. Mit einer kleinen Bewegung können sie auf eine Sache zeigen und alles meinen, so fühlt es sich an. Es war dann in dem Stück Für die Kinder von gestern, heute und morgen: Da streift Lutz Förster einmal über sein schwarzes Jackett. Und dieses Streicheln ist ganz bei sich und scheint alles zu kennen, die Leute neben mir auf den Sitzen im Saal des Tanztheaters, mich, all unsere Leiden und all unsere Freuden, alle Geheimnisse. Sodass man froh ist, wie immer im Leben, wenn man merkt, dass grundsätzlich nie etwas hinzugefügt werden brauch und nichts abgezogen. Alles ist da. Sogar in einer klitzekleinen Bewegung von Lutz Förster, aber auch anderswo. Etwa in der Stadt, wenn einer eine Stufe nimmt oder ein Mensch, den Du gern hast, Dich streichelt im Winter, wenn es am kältesten ist in der Welt.
Pina hält ihre zwei Finger noch immer auf ihrer Brust, in Höhe des Herzens. In der Taubstummensprache heißt das soviel wie: ich sehe Dich, Liebe, Lieber, ganz und gar, mögest Du behütet sein.
Lutz Förster hat die Taubstummensprache übrigens von einem Mann in San Diego gelernt. Und der hatte die Angewohnheit, dass wenn Musik lief, die Zeichen dazu zu zeigen. Pina hatte einmal gefragt bei den Proben mit ihrer Kompanie: „Worauf seid ihr stolz?“ Da hat Lutz Förster ihr die Taubstummensprache vorgeführt zu seinem Lieblingslied The man I love.

”Pinas

Ich weiß nicht wieso, bei allen Geräuschen, die es gibt im Wald. Aber jetzt habe ich das Geknirsche der Wuppertaler Schwebebahn im Ohr, in die ich einmal als Kind bei einem Schulausflug eingestiegen bin und in den Zoo gefahren. Im Zoo habe ich dann überlegt, wie man die Tiere aus dem Zoo befreien könnte, und wie ich die Elefanten und die Giraffen in die Schwebebahn bekäme, um sie in den nächsten Wald zu bringen. Mir ist keine Lösung eingefallen. Wofür ich im Stillen bei den Tieren um Verzeihung bat.
Woran mich das Geräusch der Schwebebahn noch erinnert? An das Echo von Bändern um Herzen, die zerreißen, wie beim eisernen Heinrich im Froschkönig. Ich freue mich über das Geräusch, und auch Pina, die meine Gedanken lesen kann, freut sich und dreht sich im Kreis, sodass ihr weißes Kleid aussieht wie ein großer Fallschirmpilz, eine Sorte, bloß nebenbei, die besonders lecker schmeckt, wenn man sie in der Pfanne brät auf kleiner Flamme.
Ein Eichhörnchen pflückt ein paar Eicheln von einem großen Baum. Dann klettert es hinunter und stopft sie in den Boden. Ich hebe auch ein paar der kleinen Früchte auf und mache es ihm nach. Das Eichhörnchen hat sich in der Zwischenzeit einen Kiefernzapfen geschnappt und sitzt damit auf einem dünnen Ast, der ein bisschen federt. Pina ahmt das Federn mit ihren ausgestreckten Armen nach.
„Kiefern sind gut gegen Angst und für Mitgefühl“, sagt sie. Sie nimmt nochmal ihren Zeige- und Mittelfinger, zündet sich eine unsichtbare Zigarette an und nimmt einen Zug. Dann schnipst sie mit den Fingern und kneift mir ein Auge.
„Das Eichhörnchen ist ein guter Lehrer“, sage ich.
„Ja. Kennst Du die Geschichte von dem Eichhörnchen und der Sonne“, fragt Pina.
„Nein. Erzähl sie mir“, bitte ich sie.

„Vor langer Zeit ging die Sonne morgens auf und verfing sich in den Ästen eines großen Kiefernbaums. So sehr sie versuchte, sich zu befreien, desto mehr verfing sie sich in den Zweigen. Also blieb die Dämmerung aus. Zuerst fiel’s keinem der Vögel und Tiere auf. Manche wachten auf. Aber sie schliefen dann einfach weiter, weil es dunkel war und sie deshalb dachten, es sei noch keine Zeit aufzustehen. Andere Tiere, die die Nacht lieben, wie der Panther und die Eule, waren froh, dass es dunkel blieb und sie weiter jagen konnten. Aber nach einer Weile fiel den Vögeln und Tieren auf, dass irgendwas nicht stimmte. Also versammelten sie sich in der Dunkelheit, um darüber zu beraten, was geschehen war.
Die Sonne ist verschwunden, sagte der Adler.
Wir müssen sie suchen, sagte der Bär.
Also machten sich alle Vögel und Tiere auf die Suche nach der Sonne. Sie suchten in den Höhlen, im tiefen Wald und auf den Bergen und in den Sümpfen. Aber die Sonne war nicht da. Keiner der Vögel und Tiere konnte sie finden. Dann hatte eines der Tiere eine Idee. Es war das kleine Eichhörnchen.
Vielleicht hat sich die Sonne in einem großen Baum verfangen, sagte es.
Und das kleine Eichhörnchen begann zu suchen und kletterte von Baum zu Baum. Und es geriet immer tiefer und tiefer in den Wald. Schließlich entdeckte es in der Krone eines sehr großen Baums ein sanftes Schimmern. Das kleine Eichhörnchen kletterte hinauf und entdeckte die Sonne. Sie sah schwach aus und ihr Licht war blass.
Hilf mir, kleiner Bruder, sagte die Sonne.
Das kleine Eichhörnchen versuchte die Sonne aus den Ästen zu befreien. Und je näher es kam, desto heißer wurde es. Je mehr das kleine Eichhörnchen die Sonne befreite, desto heller schien ihr Licht.
Ich muss nun aufhören, sagte es, mein Fell ist schon ganz verbrannt.
Hör nicht auf, sagte die Sonne, hilf mir.
Das kleine Eichhörnchen machte weiter und die Hitze der Sonne brannte immer heißer.
Ich muss aufhören. Mein Schwanz verschwindet schon, sagte das kleine Eichhörnchen.
Hilf mir, sagte die Sonne, bald bin ich frei.
Also machte sich das kleine Eichhörnchen wieder an die Arbeit. Aber das Licht der Sonne war nun so hell und blendete.
Ich werde blind, sagte das kleine Eichhörnchen, ich muss aufhören.
Nur noch ein bisschen, ich bin fast frei, sagte die Sonne.
Das kleine Eichhörnchen legte noch ein paar Äste frei und die Sonne stieg zum Himmel auf. Es begann zu dämmern und wurde Tag. Und überall auf der Welt waren die Vögel und Tiere glücklich. Aber das kleine Eichhörnchen konnte sich nicht freuen. Die Helligkeit der Sonne blendete es. Sein langes Schwänzchen war nicht mehr da und sein Fell ganz abgebrannt und schwarz bis auf die Haut. Reglos hing es an einem der oberen Zweige des großen Kiefernbaumes. Die Sonne im Himmel hatte Mitleid mit dem kleinen Eichhörnchen. Es hatte sich so angestrengt, um ihr zu helfen.
Kleiner Bruder, sagte die Sonne. Du hast mir geholfen. Ich möchte Dir etwas schenken. Gibt es irgendwas, dass du dir schon immer gewünscht hast?
Ich wollte schon immer fliegen, sagte das kleine Eichhörnchen, aber ich bin blind und mein Schwanz ist ganz abgebrannt.
Kleiner Bruder, von nun an sollst Du ein größerer Flieger sein als die Vögel. Weil Du mir so nah gekommen bist, wird mein Licht Dich blenden am Tag. Aber du wirst in der Dunkelheit sehen können und alles um Dich herum hören, während du fliegst. Von nun an wirst du schlafen, wenn ich am Himmel ziehe. Und wenn ich der Welt jeden Abend auf Wiedersehen sage, wirst du aufwachen.
Dann stieß sich das kleine Eichhörnchen von dem Zweig ab, spreizte die langen Flügel und begann zu fliegen. Sein Schwänzchen und sein weiches Fell vermisste es nicht. Und wenn die Nacht anbrach, wusste es, dies würde seine Zeit sein. Es konnte die Sonne nun nicht mehr sehen, aber es hatte die Sonne in seinem Herzen. Und so war es, vor langer Zeit, als die Sonne sich bedankte bei dem kleinen Eichhörnchen, das kein kleines Eichhörnchen mehr war, sondern die erste Fledermaus, die es auf der Erde gab.“

Wir schauen uns noch eine Weile an, Pina und ich.
„Zeit zu gehen“, sagt sie.
„Ja“, sage ich und lächle.
„Macht’s schön“, flüstert sie nochmal.
Dann verschwindet sie zwischen den Bäumen. Ich bleibe.

Sebastian Polmans hat 2011 sein Debütroman Junge im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. 2011 erhielt er den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und 2013 den Kranichsteiner Literatur-Förderpreis.