Vermisst ihr mich?

Er wurde als John Lennon seiner Generation gefeiert. Vor mehr als 10 Jahren ist der Songwriter Elliott Smith unter ungeklärten Umständen gestorben. Eine Suche nach den Ursachen.

Es stand nicht gut um Elliott Smith im August 2001. Als Besucher der Los Angeles Sunset Junction Street Fair hätte man denken können, dass sich ein blinder Obdachloser auf die Bühne verirrt hat. Er war blass und dünn. Sein Gang war gebeugt. Er bewegte sich, als ob er gerade auf einem fremden Planeten gelandet wäre, auf dem die Schwerkraft so stark ist, dass es übermenschliche Anstrengung verlangt aufrecht zu stehen. Er setze sich hin, die Gitarre im Schoß und hob die rechte Hand, um die Saiten anzuschlagen, ließ sie aber gleich wieder auf das Instrument sinken. Kurz sah es aus, als wäre er eingeschlafen. Nachdem er die erste Hälfte seines Auftrittes fast vollständig in den Sand gesetzt hatte, entschuldigte er sich. „Es tut mir leid. Ich hab den Text vergessen. Ich bin total im Arsch.“

Die Szene an diesem warmen Sommerabend war nichts Außergewöhnliches. Das ganze Jahr war für Smith bereits eine Katastrophe gewesen. Als er im Dezember 2000 von seiner Tour zum Album Figure 8 zurückkehrte, war er zugedröhnt mit Heroin. Er verwarf Pläne, eine weitere Platte mit seinem langjährigen Produzenten Rob Schnapf aufzunehmen, entfremdete sich von seiner Managerin Margaret Mittleman und versuchte erfolglos mit dem Produzenten Jon Brion (der auf Smith’s Album XO mitgespielt hatte) neue Songs einzuspielen. Mehrere Wochen Arbeit im Studio führten von einer musikalischen Fehlgeburt zur anderen – und immer kommentierte Smith nur: „Das war scheisse.“

Nachdem klar wurde, dass die Arbeit im Studio keinen Sinn machen würde, verlangten die Manager seiner Plattenfirma DreamWorks Records ein Treffen. Smith war schon lange unzufrieden mit der Arbeit der großen Plattenlabels. Seine normalerweise eher mittelmäßigen Verkaufszahlen ließen – nach aufwendiger Produktion und Vermarktung – nicht mehr viel Zählbares übrig. Smith nutzte also die Gelegenheit und teilte seiner Plattenfirma mit, dass die bisherige Vereinbarung für ihn nicht mehr funktioniere und die Einmischungen des Labels in sein Privatleben unerträglich geworden seien. „Elliott war besonders enttäuscht davon, was die Plattenfirma nicht getan hat,“ sagt seine ehemalige Managerin Mittleman. „Er hatte das Gefühl, sie hätten Figure 8 zu früh aufgegeben. Außerdem musste er an Werbeaktionen teilnehmen, Interviews geben, zu Radiosendern fahren und mit Leuten reden, mit denen er sich nicht wohl fühlte: DJs, Club-Besitzern. Es war schwierig.“

„Elliott war dem Markt immer voraus,“ sagt Luke Wood von DreamWorks. „Der Markt holte dann 18 Monate später auf. Er war der John Lennon und Bob Dylan meiner Generation. Aber anders als diese musste er immer gegen den Strom schwimmen – gegen den musikalischen Zeitgeist.“

© JJ Gonson

Private Aufnahme von seiner ehemaligen Freundin JJ Gonson © JJ Gonson

Smith war unterdessen von Heroin auf Crack umgestiegen und weder an Markttrends noch an Unternehmensfinanzierung sonderlich interessiert. Er wollte raus aus seinem Plattenvertrag. In einer von seinem Anwalt übermittelten Nachricht drohte er damit, durch Selbstmord aus seinem Vertrag auszuscheiden. In seinem Haus in Los Angeles, das mit Crack-Pfeifen und den Alufolie-Resten seines Heroinkonsums vollgemüllt war, hatte er bereits eine Schlinge an der Decke angebracht. Nur für den Fall.

Aber Smith brachte sich nicht um, nicht solange er drogenabhängig war. Stattdessen warf er sich mit neuem Schwung in die Aufnahmen für ein neues Album. Und nachdem er im Herbst 2002 seine Abhängigkeit von Heroin und Crack überwunden hatte, begann er wieder Live aufzutreten. Er fing an, Pläne für eine neue Platte zu schmieden. Aus 30 neuen Songs wollte er ein Doppelalbum machen. Und er wollte, dass die Einnahmen des Albums der Elliott Smith Foundation zugute kommen, seiner Stiftung, die sich um missbrauchte Kinder kümmerte und die er zusammen mit seinem Suchtberater Jerry Schoenkopf und seiner damaligen Freundin Valerie Deerin gegründet hatte. Nach einer fröhlichen und optimistischen Geburtstagsfeier im August 2003 wurde er vollständig clean; er gab Alkohol, rotes Fleisch, Zucker und Koffein auf. Und er setzte langsam die Medikamente ab, die sein Arzt ihm verschrieben hatte.

Und dann, am 21. Oktober 2003, brach alles zusammen. Nach einem panischen Anruf seiner Freundin Jennifer Chiba wurde ein Krankenwagen zu seinem Haus in Echo Park geschickt, wo Smith mit zwei Messerstichen in der Brust am Boden lag und verblutete.

War es Suizid? Mord? Ein tragischer Unfall? Niemand schien zu wissen, was passiert war. Dann kam der Paukenschlag. Am 6. Januar 2004 legte die Gerichtsmedizin des Los Angeles County den Obduktionsbericht zu Smiths Tod vor. Das toxikologische Gutachten bestätigte, dass Smith zum Zeitpunkt seines Todes clean und nicht, wie gemeinhin angenommen, rückfällig geworden war. Alle verschriebenen Medikamente waren nachweislich „im therapeutischen bzw. subtherapeutischen Bereich.“ Die Gerichtsmedizinerin Lisa Scheinen fasste die Ergebnisse zusammen: „Während seine Vergangenheit klinischer Depression auf Selbstmord hindeutet und auch die Position der Stichwunden mit Suizid vereinbar ist, so sind doch die Umstände seines Todes (so wie sie derzeit bekannt sind) untypisch für Selbstmord.“ Diese deuteten vielmehr „auf die Möglichkeit eines Tötungsdeliktes hin“[...]: etwa „das Stechen durch Kleidung,“ das Vorliegen „von Schnittwunden“ an einem Arm und einer Hand, „die potenziell auf einen Kampf hindeuten,“ sowie „die Abwesenheit von Probeschnitten“ im Bereich der tödlichen Wunde. Im Bericht hieß es außerdem, „dass die Beseitigung des Messers durch die Freundin und ihre anschließende Aussageverweigerung Anlass zur Sorge geben und von großer Bedeutung für die weiteren Ermittlungen sind.“

»Ich habe Kurt Cobain getroffen und selbst der war nicht so depressiv«

LA-Weekly-Autorin Christine Pelisek verbreitete die Details des gerichtsmedizinischen Gutachtens am 7. Januar auf der Webseite der Zeitung. Sie berichtete, dass Smith und Chiba sich nur Minuten vor dem Notruf gestritten hatten. Mehrere von Smiths Freunden verteidigten Chiba gegen die Vorwürfe. Der Tontechniker Fritz Michaud sagte mit Hinblick auf das Stechen durch die Kleidung: „Elliott hätte es nicht gewollt, ohne Kleidung gefunden zu werden“ und sein enger Freund Robin Peringer erklärte die vermeintlichen Kampfwunden damit, dass Smith ein „Ritzer“ gewesen sei (eine Person, die sich unter emotionalem Stress Schnitte mit Rasierklingen und Messern zufügt). In den Augen der Öffentlichkeit jedoch hatte Jennifer Chiba einen rauchenden Colt in der Hand.

Und dann passierte – nichts. Keine Neuigkeiten. Keine Verhaftungen. „Die Ermittlungen dauern an,“ sagte Detective James King vom L.A. Police Department.

Nach einem Jahr selbstauferlegten Schweigens hat Elliott Smiths Familie mit From a Basement on the Hill eine reduzierte Version des Albums auf nur einer CD veröffentlicht, welches kaum Antworten gibt auf die Fragen, die um das Ableben des Sängers und Songwriters kursieren.

Hat er Selbstmord begangen? Und wenn ja, wieso? Viele seiner engsten Freunde zum Zeitpunkt seines Todes sagen es war Suizid und deuten an, dass seine Depression, Vereinsamung, sein Selbsthass und Drogenabhängigkeit lediglich Symptome eines tiefer sitzenden Traumas waren. Für seinen engsten Freundeskreis war es keine Überraschung, dass er clean gestorben ist. Ihre Aussagen wiederholen, dass Smith nicht an einem Drogenproblem litt – er war auf der Suche nach einer Drogenlösung.

Die Fahrt entlang des Pacific Coast Highways zu David McConnells Haus in Malibu ist ein atemberaubender Ausflug. Hier erscheinen die wahnsinnig teuren Hauspreise, die Erdbeben und Erdrutsche Kaliforniens wie der angemessene Preis für den Glanz des Lebens im Sunshine State. An diesem Ort, mit dem Ausblick auf die Weite des Ozeans, hatte Smith angefangen, an seinem Meisterwerk zu arbeiten, dem geplanten Doppelalbum.

© JJ Gonson

Smith vor der Steilküste Kaliforniens © JJ Gonson

Er befand sich in einem schlechten Zustand, als er hier im Mai 2001 ankam. Er trank wie ein Loch und rauchte jeden Tag Heroin und Crack im Wert von bis zu 1500 Dollar. Außerdem schluckte er so viele Beruhigungsmittel, dass es einen normalen Menschen sofort umgebracht hätte. „Ich verstand sehr schnell, dass es nichts bringen würde, ihn von seinem Drogenkonsum abzuhalten; er hätte sich umgebracht, noch bevor irgendjemand hätte eingreifen können“ sagt McConnell. „Also habe ich ihn unter konstanter Beobachtung gehalten, damit er sich nicht selbst tötet. Er hat versucht Überdosen zu nehmen. Er erzählte mir: ‚Neulich habe ich 15 Klonopin geschluckt. Ich dachte, es hilft mir beim Sterben. Hat es aber nicht.’ Es hat einfach nicht gewirkt! Der Typ war immun gegen Drogen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so viel Zeug genommen hat und dann einfach aufgestanden und gegangen ist. Wenn er darüber sprach, sagte er so Sachen wie: „Fuck! Ich habe gerade Drogen im Wert von 800 Dollar in einer Stunde genommen. Was ist hier verkehrt? Was zur Hölle?“

Täglich Beruhigungsmittel und Drogen zu nehmen, war für Smith relativ neu. Zwar wurde er mit Heroin in Verbindung gebracht, seitdem er es auf seinem zweiten 1995er-Album als lyrische Metapher für alle Formen von Abhängigkeit benutzt hatte. Er bestritt aber immer, schon Junkie gewesen zu sein, bevor er im Jahr 2000 nach Los Angeles gezogen war. Die Form war neu, sein Hunger nach Selbstzerstörung jedoch nicht.

„Elliott hat mir von einer psychotischen Episode während der Aufnahmen zu Figure 8 erzählt,“ sagt McConnell. „Er hatte die Schnauze voll. Leute von der Plattenfirma sagten ihm, er solle sich endlich zusammenreißen. Er hatte es satt, dass sie ihm in sein Leben hineinredeten. Also ritzte er sich das Wort „now“ mit einem Messer in seinen Arm. Und er setzte sich ans Klavier und komponierte ‚Everythings Means Nothing to Me’, während das Blut von seinem Arm aufs Klavier tropfte.“

1998 bekam Elliott Smith seinen ersten Vorgeschmack auf internationalen Ruhm. Mit dem Song „Miss Misery“, den er für den Soundtrack von Good Will Hunting geschrieben hatte, wurde er für einen Oscar nominiert. Außerdem bereitete er die Veröffentlichung seines ersten Albums bei DreamWorks vor, damals eines der weltweit größten Plattenlabel. Eigentlich hätte es eine euphorische Zeit für Smith sein müssen. Er aber versank in einem tiefen Loch.

Smiths Auftritt bei den Oscars 1998. Im Anschluss an die Performance verkündete Madonna, dass die Trophäe an Céline Dion mit „My Heart Will Go On“ gehen würde.

„Er hat die ganze Zeit über Selbstmord geredet“, sagt Dorien Garry, ein Freund, mit dem Smith zusammengelebt hatte, als er 1997 nach New York zog. „Ich musste ihm versprechen, dass ich nicht wütend auf ihn sein würde. Er hat darüber geredet, als würde es definitiv passieren.“ In dieser Zeit ging Smith regelmäßig entlang der Subway-Gleise spazieren, die Stöpsel seines Walkmans im Ohr, während die Züge an ihm vorbeirauschten.

1997 nahm Smith sein letztes Album bei einem unabhängigen Plattenlabel auf. Either/Or war eine sehr persönliche, schlichte Aufnahme. Die Arbeit machte ihm dennoch keinen Spaß. „Ich habe so viele Songs für das Album aufgenommen“, sollte er später dem Magazin Under the Radar sagen, „und am Anfang fand ich nur einen oder zwei Songs scheisse. Dann waren es drei oder vier. Und am Ende waren sie alle katastrophal und alles, was ich gemacht hatte, klang grässlich.“ Dran konnten auch die begeisterten Reaktionen, die seine neuen Songs auf der Tour auslösten, nichts ändern. Er fing an zu trinken und sprang schließlich von einer Klippe im U.S. Bundesstaat North Carolina. Den Sturz überlebte er nur mit Glück. Er landete auf einem Baum, der seinen Fall abbremste. Nachdem seine Freunde vergeblich versucht hatten ihm zu helfen, landete er in einer psychiatrischen Klinik in Arizona.

Der Regisseur Steve Hanft, der Smith für seinen Film Strange Parallel begleitete, traf ihn das erste Mal am Dreh für das Video von „Coming Roses“, einem Song von Smiths zweitem Album. „Er war selbstmordgefährdet. Er trug die ganze Zeit dunkle Sonnenbrillen. Man konnte ihm nicht in die Augen blicken. Ich habe Kurt Cobain getroffen und selbst der war nicht so depressiv.“

Viel früher, im Jahr 1993, war Christopher Cooper, der Inhaber des kleinen Indie-Plattenlabels Cavity Search Records, so begeistert von einem Tape mit meist namenlosen akustischen Demoaufnahmen, dass er den unbekannten, jungen Elliott Smith fragte, ob er das Demo-Tape direkt, so wie es war, veröffentlichen wolle. Coopers Unterstützung verhalf Smith so zu seiner ersten Soloplatte Roman Candle. Aber er konnte ihm nicht dabei helfen seine Probleme in den Griff zu bekommen. „Ich hatte mehrere Treffen mit Elliott um drei oder vier Uhr morgens, in denen er mir gesagt hat, dass er nicht mehr leben möchte,“ erzählt Cooper. „Er sagte mir, dass wenn wir uns nicht wiedersehen würden, solle ich allen Bekannten sagen, dass es nicht ihre Schuld gewesen sei, dass sie es nicht persönlich nehmen sollten. Ich sagte ihm: ‚Die Leute lieben dich’ und ‚sie lieben deine Musik.’ Ich wusste nicht, was ich tun sollte… Ich hatte das Gefühl, dass ihm jemand sagen musste, dass er okay wäre, und das alles gut werden würde.“

Für Elliott Smith aber war nichts gut, und es würde auch nichts gut werden. Irgendetwas hatte ihn bereits innerlich zerrissen, lange bevor er an der Tür von McConells Haus in Malibu aufgetaucht war. Und doch war er auch kein hilfloses Opfer. Sein Drogencocktail war genau kalkuliert. Der Mix aus Heroin, Kokain, Beruhigungsmitteln und Alkohol war nicht zufällig gewählt, sondern sollte ganz bewusst die Wirkung der Medikamente verstärken, die seine Ärzte ihm verschrieben hatten. Unter Ärzten ist dieser Mix als „Brompton Cocktail“ bekannt. Klinisch angewendet wird er, um Todkranken die Schmerzen zu nehmen und das Sterben zu erleichtern.

„Er wusste mehr über Drogen und Medikamente als die meisten Therapeuten,“ erzählt McConnell. „Er redete darüber wie ein Wissenschaftler. Er hat sich medizinische Fachbücher gekauft. Er wusste, was für physische und psychische Wirkungen die Substanzen haben.“ Smiths Absichten waren klar. „Eines Tages fragte Elliott mich, ob ich ihm einen Anwalt organisieren könne,“ erinnert sich McConnell. „Er sagte er suche jemanden, der mit einer Vollmacht ausgestattet werden könne, um sein Werk zu verwalten – nicht seine Karriere. Er setzte sich mit mir hin und sagte: ‚Hör mir zu. Das hier ist sehr wichtig für mich. Wenn mir irgendetwas zustößt, sorg’ bitte dafür, dass diese Platte herauskommt.’“

Smith wollte von Anfang an sein letztes Album musikalisch wilder, klanglich verrückter, und weniger lyrisch und abstrakt werden lassen, als alles, was er vorher aufgenommen hatte. Als Inspiration für die Platte diente eine Aufnahme, die er im Alter von gerade einmal fünf Jahren entdeckt hatte. „Er bezeichnete die Aufnahmen als sein ‚White Album’“, so McConnell, „sehr roh, spontan. Ob high oder nüchtern, seine Arbeit war sehr konstant. Er wollte es lieber emotional kraftvoll als klanglich perfekt haben. Wir haben die Gitarren bewusst verstimmt, gerade genug damit es einen groben Klang gab, der verstörend und aufregend war. Wir starteten mit traditionellen Sounds. Und dann sagte er: ‚Wie kriegen wir diesen Song so hin, dass es einem den Magen umdreht?’“

Die Musik war verstörend, und ebenso beunruhigend waren die Texte, die Smith schrieb. McConnell beschreibt die Gesangsaufnahmen in den darauffolgenden Wochen und Monaten als kathartisch: „Je mehr Arbeit wir schafften, umso besser schien er sich zu fühlen. Er hat es alles rausgesungen. Das war vom Text her die tiefgründigste Platte, die ich in meinem Leben gehört habe. Als ich die Worte das erste Mal gehört habe, bin ich in Tränen ausgebrochen. Er hat direkt zu denen gesprochen, die ihm wehgetan haben – sich direkt an gewisse Leute gewandt – und Sachen aus seiner Vergangenheit gesagt, die er rauskriegen musste.“

Jennifer Chiba, Gestaltungstherapeutin und Musikerin, lebt in einem hübschen Häuschen auf einem weiteren Hügel in Echo Park. Sie ist schlank, mit rabenschwarzem Haar und einem stechenden Blick aus dunklen Augen, die ihre japanische Herkunft verraten. Als wir unser Interview drei Monate nach Smiths Tod begannen, machte sie sichtbar eine schwere Zeit durch. Es brauchte nur wenige Fragen, um festzustellen, dass es nicht das erste Mal war. Als ihre Mutter 1993 gestorben war, hatte sie selbst mit einer suizidalen Depression zu kämpfen, wegen der sie 1999 im Krankenhaus gelandet war – kurz vor Beginn ihrer Freundschaft mit Smith. Sie gibt ebenfalls offen zu, dass sie „in der Vergangenheit illegale Drogen genommen hat.“ Mit anderen Worten, sie und Smith waren sich sehr ähnlich.

Aber ist sie auf irgendeine Weise für seinen Tod verantwortlich?

„Möglicherweise“, sagen die Freunde von Smith, mit denen der Kontakt abbrach, nachdem er in L.A. schwer Heroin-und Crackabhängig geworden war. Ebenso diejenigen, die Chiba noch aus ihren schwärzesten Tagen kennen, in denen sie Bassistin in der psychedelischen Rockband Warlocks war. Die Band war vor allem für ihren exzessiven Drogenkonsum und ihre vollgedröhnten Auftritte berühmt. Diese Leute werfen ihr vor, Smiths Heroinkonsum befördert zu haben. Für die meisten, die Kontakt zu Smith während seines Entzugs bis zu seinem Tod gehalten haben, konnte Chiba jedoch „keiner Fliege etwas zuleide tun.“ Sie sei „aufmerksam, zärtlich und stützend“ zu Smith gewesen und habe ihm bei seinem Entzug geholfen. Über die Missgünstigen sagt Chiba: „Ich war der Sündenbock, das einfache Ziel. Niemand will einem schönen, intelligenten und talentierten Typen wie Elliott seine Probleme vorwerfen. Also macht man halt die Frau verantwortlich, die er mochte.“

Über ihr letztes Jahr mit Smith sagt sie: „Ich hoffe, dass die Leute irgendwann sehen werden, dass er clean war. Das toxikologische Gutachten zeigt, dass er keinerlei illegale Substanzen im Körper hatte. Das war bereits das ganze Jahr so gewesen. Er hat zwar weiterhin Missbrauch mit einigen seiner verschriebenen Medikamente getrieben, aber in den letzten zwei Monaten waren wir beide in der besten, gesündesten Verfassung, in der wir beide jemals waren. Ich hoffe, dass die Leute sehen werden, dass er bei dem sehr mutigen Versuch gestorben ist, ein gesundes Leben zu führen.“

„Aber ist das nicht genau der Punkt, weswegen die Leute denken, dass er sich nicht selbst umgebracht hat?“, frage ich.„Das ist genau das Problem“, sagt sie, „dass die Leute denken, ‚wenn er clean war, wie um alles in der Welt konnte er sich das dann antun?’ Aber jeder, der ein bisschen Ahnung von Drogenabhängigkeit hat, weiß, dass man Drogen nimmt, um sich vor der Vergangenheit zu schützen und Gefühle zu betäuben, die man sonst nicht ertragen kann. Wenn du also gerade das erste Mal seit Jahren clean bist und auch die Medikamente absetzt, die viele der Gefühle betäubt haben, dann ist das genau der Zeitpunkt, an dem du am verletzlichsten bist. Als ich Chiba frage, wovor Smith sich versteckt hat, weicht Chiba aus. „Er hat sich an traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit erinnert – an Episoden. Aber ich bin nicht die richtige Person, um darüber zu reden.“

Fast alles bei Elliott Smith scheint zu seiner Kindheit zurückzuführen. Er war noch ein Baby, als seine Eltern sich trennten. In den ersten zwei Jahren wuchs Steven Paul Smith (sein Geburtsname) ohne Vaterfigur auf. Seine Mutter Bunny versuchte in den verstaubten Vororten von Dallas mehr schlecht als recht beide mit kleinen Jobs zu versorgen. Das änderte sich, als sie Charlie Welch kennenlernte, einen strengen Versicherungsverkäufer aus einer texanischen Kleinstadt. Jahre später erzählte Smith seinen Freunden, dass er seine erste Tracht Prügel von Welch am Tag der Hochzeit bekommen hätte. Da war er gerade drei Jahre alt.

Es war der Anfang einer Beziehung, die ihn für den Rest seines Lebens verfolgen sollte und ohne die es seine Musik so nicht gegeben hätte. Seine frühen Songs sind voller Hinweise auf die Landschaft von Portland, wo er mit 14 hinzog, um mit seinem biologischen Vater zu leben. Aber die Themen, von denen er sang, atmen die bedrückende Atmosphäre seiner Kindheit in Dallas. Das Heranwachsen unter einem Haustyrannen, den er verachtete und fürchtete. Und das Schuldgefühl seine Mutter „alleingelassen“ zu haben.

In einem Interview mit dem Magazin Under the Radar aus dem Jahr 2003, erinnerte sich Smith an die Scham, die er fühlte, als er seine Mutter verließ und nach Portland zog: „Während der ersten sechs Monate dort habe ich fast gar nicht geschlafen. Ich hatte die Situation zuhause bei meiner Mutter frisch im Gedächtnis. Ich habe mir große Sorgen um sie gemacht.“ Smith sagte in der Presse so gut wie gar nichts über seine Beziehung zu Charlie Welch. Die Antworten, die er dem französischen Magazin Les Inrockuptibles gab, waren typisch in dieser Hinsicht: „Zu Details kann ich nichts sagen. Das würde meine Mutter verletzen. Aber ich musste gehen. Ich konnte nicht mehr unter demselben Dach wohnen wie mein Stiefvater.“ Mit seinen Freunden war Smith offener. „Elliott sagte, er sei von seinem Stiefvater misshandelt worden,“ erzählt Steve Hanft. „Er sagte, es sei ein schweres Trauma für ihn. Er ist nie darüber hinweggekommen.“

Es ist nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Jahrelang machte Smith seine Wut zu Musik. „Roman Candle,“ der Titelsong seines ersten Albums und „Southern Belle“ von seinem zweiten Album sind jeweils nur ein Pronomen vom öffentlichen Charaktermord an Welch entfernt: „Killing a Southern belle is all you know how to do/That and give other people hell…/How come you’re not ashamed of what you are?“ Während der Aufnahmen zu XO 1998 erhielt Smith einen Brief, der dazu führte, dass er seine Bitterkeit noch weiter in sich hineinfraß. In dem Brief entschuldigte sich sein Stiefvater für die Misshandlungen und Demütigungen, die er ihm angetan hatte. Obwohl seine Freunde den dargebrachten Olivenzweig am liebsten sofort in die nächste Mülltonne geschmissen hätten, da er nur wenige Wochen vor Smiths Auftritt von „Miss Misery“ bei den Oscars kam, nahm Smith ihn sich zu Herzen. Oder zumindest versuchte er es. Er meinte, „Charlie ist ein anderer Mann geworden.“

Southern Belle - Der Adressat des Liedes ist sein Stiefvater. Die „Southern Belle“, die Südstaatenschönheit, seine Mutter.

Smiths Wunsch seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, war auf Figure 8 von 2000 klar zu erkennen. Das Album war der erfolglose Versuch eine Platte aufzunehmen, die, so Smith, „unbeschwert und fröhlich klingt.“ Er erkannte selbst, wo das Problem lag. In dem Song „Easy Way Out“ sang er: „Without an enemy, your anger gets confused.“ Vor der Abreise zur Tour vertraute er sich Chiba an, die damals nur eine Freundin war. „Er sagte, dass er sich schon viele Male selbst umbringen wollte“, erzählt sie, „aber er wollte nicht, dass seine Mutter eines Tages einen Anruf bekommt, in dem es heißt ‚Er hat es getan.’ Also würde er Selbstmord auf ‚sozial akzeptable Weise’ begehen – langsam durch Drogen und Alkohol. Er wusste, dass ihn das letztlich zerstören würde.“

Nach zweieinhalb Jahren vergeblicher Versuche seinen eigenen Tod durch eine Überdosis oder einen Herzstillstand herbeizuführen – nachdem er in McConnells Worten „immun gegen Drogen“ geworden war – kam Smith zu dem Schluss, dass sozial akzeptabler Selbstmord nicht funktionieren würde. Im August 2002, in einer turbulenten Trennungszeit von seiner damaligen Freundin Valerie Deerin, entschied er sich schließlich dazu, seine Crack- und Heroinsucht zu bekämpfen. Er rang sich zu einem Aufenthalt in der Neurotransmitter Restoration Center Entzugsklinik in Beverly Hills durch. Die Klinik betreute Patienten nach den Methoden von Dr. William Hitt. Hitt war, wie sich herausstellte, überhaupt kein Arzt, und es wurde ihm in Texas gerichtlich untersagt, Kliniken zu unterhalten. Diese hatten gefälschte Medikamente verabreicht und etliche gesundheitsgefährdende Therapien eingesetzt – unter anderem hatten sie Patienten Urin injiziert, um Allergien und Aids zu behandeln. Aber eine Weile glaubte Smith, dass ihm die Klinik sehr half.

Am Tage, bevor er in der Klinik eincheckte, nahm Smith seinen Freund Andrew Morgan zur Seite: „Er fragte mich, ob ich ihn ins Bad begleiten könnte, damit ich zusehe, wie er seine Drogen im Klo runterspült. Es war schwer zu ertragen. Er hat all das Zeug rausgeholt und weggeschmissen, er hat sich leer gemacht.“

Als dann nichts mehr übrig und der Boden erreicht war, kamen verschwommene Erinnerungen hoch. Clean konnte er sie nicht länger ignorieren. Sachen, die angeblich damals in Texas passiert waren. Das Erinnerte war chaotisch und unklar, aber deshalb nicht weniger schrecklich. Mit Morgan hat er über eine dieser unterdrückten Erinnerungen geredet: „Seine Augen weiteten sich“, erzählt Morgan, „und er hat ausgesehen, als ob er gerade einen Geist gesehen hätte. Er sagte: ‚Mein Stiefvater hat mich mit auf den Dachboden genommen. Das ist alles, woran ich mich erinnere. Ich hab keine Ahnung mehr, was er gemacht hat.’“

Nachdem er im Herbst 2002 aus der Entzugsklinik entlassen wurde und mit Jennifer Chiba zusammenzog, litt Elliott Smith immer noch unter schweren psychischen Schmerzen. Aber anstatt die Symptome wieder mit Crack und Heroin zu betäuben, versuchte er ihnen diesmal mit den Medikamenten zu begegnen, die sein Arzt ihm verschrieben hatte. Robin Peringer – der ehemalige Gitarrist der Band Modest Mouse, Smiths bester Freund zu dieser Zeit, jemand, der mit Smith bereits auf Tour gewesen war, bevor Roman Candle herauskam, erinnert sich an die Wirkung der Medikamente: „Wir saßen in einem Starbucks und drei Typen in schwarzen Hosen, weißen Hemden und Krawatte kamen herein. Und wir mussten den Laden sofort verlassen, weil sie alle ‚von DreamWorks’ geschickt worden waren, um ihm zu folgen – und nicht einfach nur drei Anzugträger waren, die einen Kaffee trinken wollten. Jedes weiße Auto verfolgte uns. Es gab eine Zeit, in der er wahllos weiße Autos fotografierte. So ziemlich jeder verfolgte ihn. Sie nahmen seine Gespräche auf. Es gab Zeiten, in denen er vier Nächte hintereinander nicht schlief. Ich fragte ihn, was er da mache und er faselte wirres Zeug. Ich habe A Beautiful Mind gesehen und es hat mich sehr an Elliott erinnert. Er glaubte, dass diese Sachen da waren, und wusste gleichzeitig, dass sie nicht wirklich real waren. Er konnte seine Gedanken nicht kontrollieren.“

Nachdem er erfolglos versucht hatte seinen Geisteszustand mit einer medikamentösen Achterbahnfahrt aus Aufputsch-und Beruhigungsmitteln in den Griff zu bekommen, wurde ihm endgültig klar: Er würde sich seinen Dämonen stellen müssen. „Aber es gab dafür keinen anderen Weg, als erst alle Hilfsmittel abzulegen,“ sagt Scott McPherson, der Schlagzeuger auf Smiths letzter Tour war. Kurz nach seinem 34. Geburtstag entschied er sich also alle Medikamente langsam abzusetzen. Nachdem sich Smith von seinem langjährigen Psychiater Dr. Bert James Schloss getrennt hatte, wechselte er, auf Empfehlung von Chiba, zu Dr. Abigail Stanton, die sich bereit erklärte seine Medikamentierung zu überwachen.

»Elliott war kein Typ für halbe Sachen«

Selbst als er seine Heroin- und Cracksucht überwunden hatte, war es für ihn noch ein langer Weg, um komplett clean zu werden. Über Jahre hatte er großzügige Mengen verschiedenster Medikamente eingenommen: Neuroleptika, Antidepressiva, Medikamente zur Behandlung von Angst-, Panik- und Krampfzuständen, amphetaminbasierte Medikamente zur Behandlung von ADHS und Opioide zur Schmerztherapie. Zum Zeitpunkt seiner Entscheidung alle Mittel abzusetzen, hatte er seinen Konsum auf fünf verschreibungspflichtige Medikamente reduziert: Klonopin, ein krampflösendes Beruhigungsmittel; Remeron, ein leicht beruhigendes Antidepressivum; Strattera, ein Mittel zur Bekämpfung von ADHS; Neurotin, ebenfalls ein krampflösendes Mittel; und Adderall, was nichts anderes ist, als ein netter Name für Speed.

„Was man normalerweise mit so jemandem macht,“ sagt Dr. Joe Miller, Leiter der Pharmakologie an der University of Southern California, „ist alle Medikamente abzusetzen und ihn für einige Wochen unter strenger Beobachtung zu halten. Dann wartet man ab, bis alles aus seinem Körper raus ist, und wenn es soweit ist, findet man heraus, was das psychiatrische Problem genau ist.“

„Mehrere Ärzte haben das gesagt“, erzählt Chiba, „aber sie haben auch gesagt, er solle in ein Krankenhaus gehen und eine Entgiftungstherapie machen. Und jedes Mal, wenn er das Wort Krankenhaus gehört hat, bekam er einen schlechten Geschmack im Mund von all den Entziehungstherapien, die er schon hinter sich hatte. Das Nächstbeste war ihm einen Psychiater zu suchen und mit dessen Hilfe langsam ein Medikament nach dem anderen abzusetzen.“

Sein Freund Robin Peringer erinnert sich an Chibas Anstrengungen, Smiths Medikamentierung zu überwachen. Er erinnert sich aber auch daran, dass Smith sich nicht an den Plan gehalten hat. „Elliott war kein Typ für halbe Sachen“, sagt er. „Als er sich entschied zu trinken, hat er getrunken wie ein Loch. Als er sich entschied Heroin zu nehmen, nahm er sehr viel Heroin. Als er sich entschied Crack zu nehmen, war es genau das Gleiche. Und als er sich entschloss mit allem aufzuhören – genauso. Er wollte sofort, vom ersten Augenblick, an dem er sich entschloss das Zeug abzusetzen, normal sein. Er hat sich eines Tages gesagt, dass es genauso schlecht ist auf verschreibungspflichtige Medikamenten angewiesen zu sein, wie crack-oder heroinabhängig zu sein. Er hat sich dann einfach gesagt ‚Ich hör auf damit.’ Er verringerte seine Dosis nicht langsam von 15 Tabletten am Tag, zu 14 am nächsten und 13 am übernächsten Tag. Er wachte morgens auf und nahm nur noch zwei Pillen. Halb Amerika nimmt Antidepressiva und jedes Kind weiß, dass man nicht einfach aufhört. Man entwöhnt sich langsam. Elliott hat Übernacht einfach aufgehört sie zu nehmen.“

Der kalte Entzug blieb nicht ohne Folgen. „Ich hatte mir Lost in Translation im Kino angeschaut und als ich nach Hause kam, lag er mit einem blutenden Arm im Bett,“ erinnert sich Chiba. „Er hatte aus seiner Heroin–und Crackzeit sieben alte Zigarettenwunden auf dem Arm. Die Erinnerung an den Schmerz dieser Zeit war für ihn zu real, also hat er ein Messer genommen und sie rausgeschnitten. Das war an einem Freitag. Als wir dann montags zum Arzt gegangen sind, kam heraus, dass er plötzlich aufgehört hatte eines seiner Medikamente zu nehmen. Das ist so gefährlich. Es bringt einen komplett aus dem Gleichgewicht. Man kann so etwas nicht einfach absetzen. Der Arzt gab mir danach eine Medikamentenbox, auf der die Wochentage notiert waren, und ich habe ihm dann die Medikamente gegeben.“

Peringer erinnert sich noch gut an den Vorfall: „Er hatte drei wirklich tiefe Schnittwunden am linken Arm. Sie waren so tief, dass er entweder mehrere Male drüber gegangen ist oder sich das größte Messer genommen hat.“

Aber Smith machte auch Fortschritte. Nach Jahren vollgedröhnter Auftritte hatte er am 19. September 2003 in Salt Lake City seinen ersten Auftritt ohne Adderall genommen oder Alkohol getrunken zu haben. Am darauffolgenden Tag war er durch den Erfolg des ersten cleanen und nüchternen Auftritts ermutigt und bester Stimmung. Laut Chiba hatte seine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung auch Auswirkungen auf Smiths verbleibende Laster. „Er hörte ganz auf zu trinken!“, erzählt sie. „Der Typ hat vorher jede Woche eine Flasche Jameson Whiskey geleert. Er hat aufgehört Kaffee zu trinken, dabei waren vorher 12 doppelte Espresso pro Tag normal für ihn. Er hat aufgehört zu rauchen! Er hat kein rotes Fleisch mehr gegessen! Er hat sogar angefangen auf Zucker zu verzichten. Ich sagte ihm ‚Du bist sehr hart zu dir selbst. Du gibst gerade eine ganze Menge auf einmal auf.’“

Elliott Smith erlebte den letzten Monat seines Lebens klarer als jeden anderen in den zehn Jahren zuvor. Aber in den Augen von Schlagzeuger Scott McPherson war er „ein kranker Mann ohne seine Medikamente.“ Seine Nerven waren überspannt – nun, da er seinen Problemen nüchtern gegenüberstand und nicht mehr betäubt durch Alkohol und Drogen. Und laut Peringer war die Beziehung zu seinem Stiefvater „das Einzige worüber er verdammt nochmal geredet hat.“

Ende September war Smith auf gutem Wege From a Basement on the Hill fertigzustellen. Er hatte mehr als 50 Songs aufgenommen, aus denen er ein Doppelalbum zusammenstellen wollte. Das waren zum einen Songs, die er mit David McConnell aufgenommen hatte, aber auch andere, die er privat in seinem New Monkey Studio oder mit seinem Tontechniker Fritz Maud eingespielt hatte. Zusätzlich hatte er eine lange Liste von Outtakes, die er bereits für Either/Or aufgenommen hatte. Neun Songs waren fest für das neue Album eingeplant. Bei anderen war er noch dabei die Gesangsstimme einzusingen. Dies war in etwa der Punkt gewesen, an dem er bei den Aufnahmen zu Either/Or einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Dort war es allerdings nur darum gegangen zwölf aus insgesamt dreißig Songs auszuwählen. Diesmal mussten 30 aus den mehr als 50 Tracks ausgesucht werden.

Aber selbst wenn die Zeit für Smith voller Unsicherheiten und Probleme war, so brachte sie doch auch eine Erlösung von vielem, was ihn geplagt hatte. Nachdem er während seiner Sucht eine Menge Türen hinter sich zuggeschlagen hatte, versuchte er jetzt den Kontakt zu wichtigen Menschen, die er aus den Augen verloren hatte, wieder aufzunehmen. Eine davon war seine Mutter Bunny Welch. Als er sie anrief, um ihr zum 60. Geburtstag zu gratulieren, erfuhr er jedoch, dass sein Stiefvater in der Grundschule, in der seine Mutter arbeitete, vorbeigeschaut hatte, um Blumen vorbeizubringen und ihre Erstklässler kennenzulernen. Dies löste bei Smith eine Gewissenskrise aus, die ihn zu einer lange überfälligen Konfrontation zwingen sollte.

Im letzten Jahr seines Lebens hatte Smith angefangen seinen Angehörigen und Freunden – und sogar komplett Fremden in Bars – von seinen Erinnerungen zu erzählen. Er hatte fast allen, die ihm nahe standen, davon erzählt – allen, bis auf seiner Mutter. Am 30. September konfrontierte er seine Mutter dann endlich mit all den verschwommenen Erinnerungen, die ihn plagten, und mit seinem Glauben, dass diese daher kamen, dass sein Stiefvater ihn sexuell missbraucht hatte. Seine Mutter konnte und wollte es nicht glauben. Sie schlug vor die nächsten Herbstferien zusammen in Los Angeles zu verbringen, um gemeinsam über die Anschuldigungen von Angesicht zu Angesicht reden zu können.

Unterdrückte Erinnerungen sind ein sehr kontroverses Thema. Viele Experten halten sie für unzuverlässig. Aber Dr. Ian Russ zufolge, seines Zeichens ehemaliger Vorsitzender der Kalifornischen Gesellschaft für Kindesmissbrauch und häufiger Gerichtsgutachter, sind sie nicht selten. „Wenn Traumata zugefügt werden, besonders dort, wo sie von Vertrauenspersonen verursacht werden, spielt das Gedächtnis verrückt: Einige Sachen kommen als Flashbacks, andere Dingen tauchen wiederholt auf, an wieder andere Sachen kann man sich gar nicht erinnern.“ Aber war es nicht möglich, dass sich Smith, nach Jahren der Drogenabhängigkeit, seine Kindheitserfahrungen einfach ausgedacht hatte? „So läuft das einfach nicht,“ sagt Dr. Russ. „Drogen erschaffen nicht einfach neue Kindheitserinnerungen. Drogen können Stimmungen verwandeln, Einstellungen verändern, dazu führen, dass Dinge als schlimmer wahrgenommen werden, als sie eigentlich waren… Smith berichtet von Erfahrungen, die er als Teenager gemacht hat. Er muss einen klaren Sinn dafür gehabt haben, was ablief, selbst wenn er Erinnerungslücken hat. Leute denken sich so etwas nicht einfach aus. Ich habe 25 Jahre Behandlungserfahrung und das habe ich noch nie erlebt.“

Robing Perringer sagt dazu: „Ashley Welch (Smiths Halbschwester) kann sich an sexuelle Übergriffe nicht erinnern, und sie ist im gleichen Haushalt groß geworden wie er. Nichts davon wurde je bewiesen. Aber es waren Elliotts Erinnerungen und sie haben ihn verfolgt, wo immer er hinging. Elliott glaubte fest daran, dass sein Stiefvater ihm etwas angetan hatte.“

Zwei Wochen vor seinem Tod hatte Smith ein langes Gespräch mit seinem Freund und Musikerkollegen Io Perry: „Er hat geweint und dann erzählt, dass er es seiner Mutter gesagt hat, sie es ihm aber nicht geglaubt habe“, erinnert sich Perry. „Er meinte, dass er sich schrecklich fühle und dass er seine Mutter nicht hätte belasten sollen, mit etwas, dass Charlie vor langer Zeit gemacht habe. Er sagte, dass Charlie sich verändert hätte. Er fühlte sich schrecklich, weil er ihr Leid zugefügt hatte. Er fühlte sich schrecklich, weil sie ihm nicht glaubte. Er hat geweint wie ein kleines Kind. Es war herzzerreißend.“

Chiba begleitete Smith am 12. Oktober in die New Monkey Studios, um Smith bei seinen Aufnahmen für den Song „King’s Crossing“ zu unterstützen. Der Höhepunkt des Songs ist die dramatische Zeile „Give me one reason not to do it“ – Gib mir einen Grund mich nicht umzubringen. Bei Smiths Auftritten hatten es sich Ashley Welch und Chiba zur Gewohnheit gemacht aus dem Backstage Bereich zu antworten „because we love you“ – weil wir dich lieben. Nachdem Smith seine eigene Gesangsstimme aufgenommen hatte, lud er Chiba ein auch ihre Stimme mit aufzunehmen. Nachdem sie die Zeile „Because I love you“ aufgenommen hatte, drehte sich Smith zu ihr um und sagte: „Lass uns heiraten.“

Smith hatte in den letzten Wochen seines Lebens viel vor. Nachdem er illegale Drogen und Alkohol komplett und seine verschreibungspflichtigen Medikamente teilweise abgesetzt hatte, war er emotional angeschlagen. Er suchte einen neuen Anwalt, der Erfahrung mit der Veröffentlichung von unabhängigen Alben hatte. Er hatte lange Gespräche mit seinen Finanzberatern, die ihn daran erinnerten, dass er fast seine gesamten Ersparnisse für die Ausstattung seines Tonstudios ausgegeben hatte und nun am besten sofort ein neues Album herausbringen und auf Tour gehen sollte. Er war frisch verlobt und redete offen darüber Kinder zu wollen. Und natürlich fürchtete er sich davor an Thanksgiving zusammen mit Charlie Welsh an einem Tisch zu sitzen.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Monate vergangen seit Smith sich von seinem Psychiater Dr. Schloss getrennt hatte. Der Ersatz für Dr. Schloss war ein gewisser Dr. Stanton, der lediglich Smiths Medikamentierung überwachen sollte, so lange bis Smith einen Therapeuten gefunden hatte, der auf Kindesmissbrauchsfälle spezialisiert war. Nach intensiver Suche fand er einen Spezialisten und machte einen Termin für den 24. Oktober aus. In der kritischen Zwischenphase jedoch hatte er keinen professionellen Ansprechpartner, mit dem er über seine Probleme und Gefühle reden konnte. Jetzt, mehr als je zuvor, verarbeitete er diese Gefühle in seiner Musik.

Smith hatte kurz vorher einen Song wieder ausgegraben, den er Jahre zuvor in den Abbey Road Studios aufgenommen hatte – den berühmten Aufnahmeräumen, in denen die Beatles den Großteil ihrer Musik eingespielt haben. Der Track hieß ursprünglich „Tiny Time Machine,“ ein ungewöhnlich schwungvolles, lebendiges Pop-Rock Stück, das Smith nun umbenannt und mit einem neuen Text versehen hatte. Die letzte Gesangsspur nahm er einen Tag vor seinem Tod auf. Der neue Titel: „Suicide Machine.“

Smiths letzter Song. Trotz des Titels und des Timings: Suicide Machine ist, und das ist fast noch tragischer, ein lebenbejahendes Stück.<

Chiba erzählt, dass Smith am Morgen des 21. Oktober besonders schlecht drauf war: „Wir hatten eigentlich einen Termin beim Arzt. Er änderte ständig seine Meinung. Wollte erst gehen, dann wieder nicht. Ich wurde ungeduldig. Wir hatten einen unnötigen Streit. Ich habe angefangen zu weinen. Ich bin ins Bad gegangen.“ Sie macht einen tiefen Seufzer. „Ich habe ihm alles gegeben, was ich geben konnte, meine ganze Liebe, alles, was menschenmöglich war. Aber der Streit war der Auslöser.“

In den Tagen nach Smiths Tod erreichte Chiba ein Brief von Charlie Welch – ironischerweise wurde er laut dem Poststempel drei Tage vor Smiths Tod abgeschickt. In dem Brief gab Welch zu Fehler gemacht zu haben. Er schrieb, dass er zu hart mit seinem Stiefsohn umgegangen sei. Er behauptete aber auch in den letzten 20 Jahren ein neuer Mensch geworden zu sein, und verwies darauf, dass er ein guter Vater für Smiths Halbgeschwister Ashley and Darren Welch gewesen sei. Er drückte sein Bedauern darüber aus, dass Smith sich dagegen gewehrt hätte, seine Mutter und ihn wieder mehr an seinem Leben teilhaben zu lassen. Und zuletzt stritt Welch den Vorwurf ab Smith sexuell missbraucht zu haben.

Kaum zu glauben, aber Elliott Smith war trotz allem auch ein unfassbar witziger Typ. Seine Bandmitglieder haben sich todgelacht, wenn er im Backstagebereich Mick Jagger und andere Musiker imitiert oder Slapstick-Einlagen im Stil von Stummfilmen aus den 1920er Jahren aufgeführt hat. Smith war sogar ein guter Tänzer. „Elliott hatte Moves drauf, wie sonst nur sehr wenige,“ sagt Robin Peringer. Einmal habe er „den Robot den ganzen Weg vom Club bis zum Parkplatz getanzt.“ Smith war sanft und liebevoll, und gegenüber Freunden wie Fremden unfassbar großzügig. Er nahm 100 Dollar-Noten und hat sie in die Schuhe von schlafenden Obdachlosen gesteckt. Und er war hochintelligent. Einer, der mit ihm auf Tour war, erinnert sich, dass Smith hinten im Bus saß, „mit einem Buch über Quantenphysik in der einen Hand und dem dicksten Buch über Weltgeschichte, das ich je gesehen habe, in der anderen, während wir zu müde waren, um in Comic-Heften zu blättern.“

Aber er war eben auch schwer krank, und das nicht nur wegen der Drogen, der Medikamente oder des Alkohols. Ob seine Erinnerungen nun wahr oder falsch waren, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. In jedem Fall hat er sich aber zeitlebens wie ein missbrauchtes Kind im Körper eines erwachsenen Mannes gefühlt.

Smiths Familie, seine Mutter Bunny, sein Stiefvater, sein Vater Gary Smith und dessen neue Frau Marta Greenwald haben sich zu seinem Tod nicht geäußert. Nur ihr Anwalt Conrad Rippy hat sich einmal zu Wort gemeldet, um sich und die Familie von Chiba zu distanzieren, nachdem diese auf MTV gesagt hatte, dass die Familie wüsste, dass sie nicht schuldig ist. Smiths Vater, auch ein Psychiater, fragte seinen letzten Psychiater Dr. Stanton, ob dieser es für möglich hielte, dass Chiba seinen Sohn umgebracht haben könnte. Dr. Stanton antwortete ohne jedes Zögern: „Nein.“ Chiba hat später Rechtsmittel gegen Smiths Familie eingereicht. Sie forderte für ihre Rolle als Smiths Partnerin einen Anteil an dessen Plattenverkäufen.

Die Smith-Welch Familie hat eine entschärfte Version von From a Basement on the Hill veröffentlicht. Dabei hat die Familie die Unterstützung von David McConnell und Fritz Michaud, den Klangarchitekten hinter Smiths letztem Album, abgelehnt und Chiba ignoriert, die besser als jeder Andere über seine Pläne für das Album Bescheid wusste. Die Familie war also nur wenig daran interessiert Smiths musikalische Spuren zu verfolgen. Sie bewiesen zwar ein Minimum an Achtung für Smiths Erbe, indem sie als Produzenten Rob Schnapf und Joanna Bohne engagierten: Der eine kam einem „fünften Beatle“ aus Smiths Umkreis am nächsten, die Andere hatte als ehemalige Freundin von Smiths bereits bei der Produktion von Either/Or mitgeholfen. Letztendlich entschied jedoch allein die Familie, welche Songs es auf das Album schafften. Mehrere Aufnahmen, die für das Album eigentlich vorgesehen waren, fehlten. Bei einigen Tracks, wie etwa „See you in Heaven,“ gab es keine Gesangsstimme. Diese Songs waren schlicht nicht fertig; man hatte sie also aus guten Gründen nicht berücksichtigt. Aber andere waren komplett ausproduziert. Ihr Fehlen hinterlässt einen faulen Geschmack: „Stickman“ zum Beispiel mit der Textzeile über das Töten von Söhnen. Und dann ist da noch der Song „Abused“, in dessen Refrain englische Wort für Missbrauch wiederholt wird: „I’ve been abused…abused…abused.“ Und was ist mit dem Song, „Suicide Machine“, den Smith als letztes aufgenommen hat? Nicht auf dem Album.

Vielleicht haben seine Eltern – und ihre Partner – genug gelitten und man sollte es ihnen hoch anrechnen, dass sie die Platte überhaupt veröffentlicht haben. Wenn der Selbstmord eines Kindes die ultimative Anklage elterlichen Versagens ist, so ist er gleichzeitig auch die schlimmste Strafe für die Eltern selbst. Trotzdem ist es bestürzend, dass es einige von Smiths besten Songs nicht auf From a Basement on the Hill geschafft haben – und zwar gerade die Tracks, die sich explizit mit Selbstmord und Missbrauch auseinandersetzen. Dazu kommt natürlich, dass es für viele nur sehr schwer zu akzeptieren ist, dass Smiths Nemesis Charlie Welch von den Einnahmen des Albums profitieren könnte.

Viele Menschen, die eng mit Smith befreundet waren, haben versucht ihm zu helfen, als sie gemerkt haben, wie schwer er unter seinen Erinnerungen von Missbrauch und Gewalt litt. Leider wollte Smith zu diesem Zeitpunkt keine Hilfe mehr annehmen.

Wenn es jedoch darum ging, sich um andere Menschen zu kümmern, war er immer zur Stelle. Als ich in einer Bar in Echo Park vorbeischaute, in der Smith häufig abhing, kam ein aufgebrachter junger Mann auf mich zu und fragte: „Bist du der Typ, der die Geschichte über Elliott Smith schreibt?“ Als ich bejahte, bereitete ich mich innerlich auf einen Schlag ins Gesicht vor. Es stellte sich dann jedoch heraus, dass er ein netter Musiker aus der Gegend war, der selbst mit Heroinabhängigkeit zu kämpfen hatte. Er wollte mir lediglich „von einem guten Ratschlag“ erzählen, den Smith ihm wenige Monate vor seinem Tod mitgegeben hatte.

„Elliott hat mir gesagt: ‚Die Leute, die sich einmischen wollen, das sind gute Menschen, die sich wirklich um dich sorgen. Aber sie wissen nicht, was du durchmachst. Tu, was du tun musst.’ Wir haben an diesem Abend lange über alles Mögliche geredet: über Musik, über das Schreiben von Songs, über Kunst, und schließlich über unsere Depression. Ich habe ihm gesagt, dass es mir sehr schlecht geht und ich über Selbstmord nachdenke. Er hat mir lange in die Augen geschaut und dann nur gesagt: ‚Tu’s nicht.’“

Liam Gowing ist Autor und lebt in Los Angeles, wo er für die Los Angeles Times, den Onion’s AV Club, Filter und SPIN magazine schreibt. Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch als “Elliott Smith: Mr. Misery” bei SPIN im Dezember 2004. Gowing ist selbst Musiker und Songwriter und hat sein erstes eigenes Album mit dem Titel “Drunk Sluts Forever” letzten November herausgebracht. Seine Website ist www.liamgowing.com.