Von einem, der auszog
das Freisein
zu lernen

Lin Hwai-min war schon Schriftsteller, er war Tänzer und Kämpfer gegen die Diktatur in seinem Heimatland Taiwan. Seit mehreren Jahrzehnten ist er nun der erfolgreichste Choreograph Asiens. Die Geschichte eines unermüdlichen Mannes.
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Läge nicht der Duft von Weihrauch in der Luft, könnte man die Wellblechhalle für ein entlegenes Lagerhaus halten. Das Tor steht sperrangelweit offen, ab und an wuchten Männer Kisten und Stangen zwischen der Vorhalle und den im Nieselregen geparkten Lastern hin und her. Bali, ein kleiner Bezirk im Landkreis Taipei, liegt abseits der Hektik und Geschäftigkeit der Hauptstadt. Der Weg ins Innere führt durch die Vorhalle, vorbei an gestapelten Brettern, zu Schuhschränken und zu einer provisorisch mit schwarzem Tape auf den Boden geklebten Schwelle. Der schwarze Streifen, das Signal zum Ausziehen der Schuhe, markiert ein zweites Tor. Beim Überschreiten der Schwelle schallt eine Stimme aus dem wabernden Zigarettenrauch.

Lin Hwai-min sitzt in spielerischer Haltung an einem Tisch, vor sich eine Lunchbox, der man ansieht, dass sie aus einem der unzähligen Convenience Stores stammt. „Ich habe nie Zeit zum Essen“, sagt er, springt auf, und gibt mit vollem Mund das Kommando zum Probenbeginn. Schlagartig füllt sich die Bühne, das Ensemble strömt aus allen Ecken, Tänzerinnen erheben sich aus ihren Dehnpositionen, während sich Tänzer aus ihren Jacken schälen. Als das Stück „Water Stains on the Wall“ ohne ein weiteres Wort und in Stille anläuft, ist nur noch das Brummen der an den Seiten der Bühne aufgestellten Heizstrahler zu hören.

Lin Hwai-min

Lin Hwai-min: “einer der großen Choreographen des 20. Jahrhunderts”, so das Dance Europe Magazin

Wer hier im abgeschiedenen und unscheinbaren Bali probt, ist, man kann es nicht anders sagen, ein Weltstar. Lin Hwai-min ist Gründer und Leiter der taiwanischen Tanzkompanie Cloud Gate Dance Theatre, die regelmäßig vor ausverkauften Sälen der großen Metropolen spielt.

In Taiwan wird Lin angesprochen, wo er geht und steht. Es gibt einen Cloud-Gate-Tag und in Taipei eine Cloud-Gate-Gasse. Als 2008 das Tanzstudio abbrennt, spendet ganz Taiwan für ein neues, das derzeit noch in Bau ist. 2006 wurde seine „Cursive“-Trilogie von den Zeitschriften Ballett International und Theater heute zu dem besten Stück des Jahres gewählt, 2009 erhielt er auf den Movimentos-Festwochen den Preis für sein Lebenswerk. Kurz: Lin Hwai-min ist für Taiwan, was Pina Bausch für Deutschland war und auf der Rangliste der kulturellen Exportschlager aus Taiwan steht nur der oscarprämierte Ang Lee vor ihm. Sein Ruhm im In- und Ausland ist auch als Beleg dafür zu sehen, dass Lins Inszenierungen nicht nur lokale Bezüge bieten, sondern Menschen weltweit fesseln und mitreißen – in Ostasien genauso wie in Europa und den USA.

Lin wird 1947 im ländlichen Südwesten Taiwans in eine Familie der Bildungsschicht geboren. Das Jahr 1947 zählt zu den schicksalsträchtigsten der taiwanischen Zeitgeschichte. Im August 1945 endet die 50-jährige japanische Kolonialherrschaft. Doch schon kurz nach dem Abzug der Japaner erreichen die ersten Anhänger der nationalchinesischen Partei Kuomintang auf der Flucht vor Maos Rotarmisten die Insel. Da die Kommunisten drauf und dran sind, den chinesischen Bürgerkrieg für sich zu entscheiden, verlegt die Kuomintang den gesamten Staatsapparat der Republik China nach Taiwan. Als alteingesessene Taiwaner am 28. Februar 1947, Lin ist gerade wenige Tage alt, gegen die Staatstransplantation, Ungerechtigkeit und Diskriminierung auf die Straße gehen, kommt es zum Eklat: die Soldaten der Kuomintang eröffnen das Feuer und treten eine Säuberungswelle los. Wie viele Zivilisten bei dem Massaker ums Lebens kommen oder im Anschluss daran verschleppt und eingesperrt werden, ist bis heute strittig. „Einer meiner Onkel verschwand am 28. Februar spurlos. Und das Haar meiner Tante war weiß, bevor sie dreißig wurde. Ich werde ihren ängstlichen Ausdruck nie vergessen“, erinnert sich Lin.

Die Jugendjahre bis 1969, als er zum Studium in die USA aufbricht, sind überschattet von Repression und Gewalt. Lin bezeichnet sie bis heute als die prägendsten. Zwar sind sie künstlerisch trostlos, doch laden sie ihn politisch auf: International gilt die Republik China auf Taiwan als das „freie China“, aber innenpolitisch regiert der „weiße Terror“. 1949 wird das Kriegsrecht verhängt, das die Freiheitsrechte drastisch einschränkt, die Opposition wird geknebelt und verfolgt. Lin verabscheut die Hexenjagd und greift zunächst zum Stift.

Mit 22 Jahren veröffentlicht er die Erzählung „Cicada“. Seine Charaktere sind verschüchterte Studenten, deren homoerotische Sehnsüchte in einer autoritären und den Generalissimo Chiang Kai-shek wie einen Übervater vergötternden Gesellschaft unerfüllt bleiben. Lin, der mit dem Schriftsteller und Maler Chiang Xun liiert ist, ist einer der ersten taiwanischen Nachkriegsliteraten, der Homosexualität thematisiert und damit gegen gesellschaftlichen Konformismus ankämpft. Die Erzählung bildet quasi den Schlusspunkt hinter Lins Jugend, vielleicht auch eine leise Abrechnung, denn 1969 reist er in die USA, um an der University of Missouri Journalistik zu studieren. „Wir waren total USA-verrückt. Die USA waren das Paradies, wo der Dollar wuchs.“ Nicht zuletzt ist dieser Schritt eine Flucht nach vorne, heraus aus der Enge in Taiwan.

Zeitgleich zum Studium nimmt Lin Tanzunterricht. Acht Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal eine moderne Tanzvorführung sah, als die José Limón Dance Company 1961 in Taiwan gastierte. Etwas in ihm möchte tanzen, doch in Taiwan gibt es weder Schulen noch Lehrer. Endlich in den USA angekommen, nehmen ihn die Pioniere des amerikanischen Modern Dance, Martha Graham und Merce Cunningham, auf, obwohl er kaum Tanzerfahrung mitbringt. Deren neue Art zu tanzen ist eine Unabhängigkeitserklärung an das klassische Ballett. Modern Dance mistet Vertikalität, Symmetrie und Spitzentanz aus. Stattdessen halten Bodenspiel, der Wechsel von Spannung und Entspannung sowie nackte Füße Einzug. „Aus der Emotion entsteht Form“, benennt Martha Graham den Paradigmenwechsel von der Technik hin zum Gefühl. Es sind diese Begegnungen, die ihn künstlerisch inspirieren und ihm eine Sprache geben, die schon bald zum Ausdruck kommen wird.

1973 kehrt Lin, gerade einmal 26 Jahre alt, nach Taiwan zurück und gründet dort, so richtig kann er sich das selbst nicht erklären, das Tanzensemble Cloud Gate, dessen Name sich an einen der ältesten überlieferten chinesischen Tänze anlehnt. „Wenn wir uns klar gemacht hätten, dass wir die erste Tanzkompanie aller chinesischsprachigen Länder sein würden, hätten wir nie angefangen“, beschreibt er das Wagnis, das er mit Cloud Gate einging.

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Seine späten Stücke: “Tanz ist sich bewegendes Denken”

Die ersten Aufführungen werden dankbar angenommen, sein Ruf als Schriftsteller eilt Lin voraus. Als junger Choreograf mischt er Graham-Technik mit den stilisierten Bewegungen der Peking-Oper, um narrative Stoffe wie Mythen darzustellen. Den Durchbruch schafft Cloud Gate 1978, einerseits durch Mut, andererseits durch blanken Zufall. „Legacy“ ist nichts Geringeres als der Versuch, die 300-jährige Besiedlungsgeschichte Taiwans in epischer Überhöhung zu würdigen. Dramaturgisch weist das Stück eine aktähnliche Gliederung auf. Es beginnt in einem fernen China mit gottesfürchtigen Bauern, die hungern und Not leiden, beten, mit ihrem Schicksal hadern, beten und hadern, hadern und beten.

Der Verlauf der Geschichte ändert sich, als Nachwuchs das Licht der Welt erblickt. Die Bauern fassen den Entschluss, für sich und ihre Kinder ein besseres Leben zu suchen. Doch die größte Gefahr steht ihnen im zweiten Akt noch bevor: die Überwindung des „schwarzen Kanals“, der Formosastraße. Sie segeln um ihr Leben, beten, büßen ihre Hybris mit Menschenopfern, sind der Verzweiflung nah, flehen um günstigen Wind und schaffen es zu guter Letzt: wenn einer der Bauern schließlich auf den Schultern seiner Landsmänner dem Sturmgetöse das aufgespannte Segel entgegenhält, ist klar: der taiwanische Traum erfüllt sich. „Legacy“ ist Lins meistgespieltes Stück und die Bezwingung des Schicksals und der Naturgewalten durch prometheischen Willen, Zusammenhalt und Pietät Cloud Gates wahrscheinlich meistzitierte Szene. Für die langanhaltende Beliebtheit des Stücks sorgt aber ein realpolitisches Ereignis. Am Tag der Premiere, dem 16. Dezember 1978, tritt der diplomatische Super-GAU ein. Die USA verkünden, ihre diplomatischen Beziehungen zur Republik China, die bereits seit 1972 nicht mehr in den Vereinten Nationen vertreten ist, abzubrechen und stattdessen die kommunistische Volksrepublik als rechtmäßige Vertretung Chinas anzuerkennen.

Lange bestimmt das Datum die Deutung. Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 propagiert die Republik China – gebettet auf diplomatische Anerkennung – das kulturell bessere China zu sein. In den Schulen lernen die jungen Taiwaner die chinesischen Dynastien auswendig, von der Geschichte ihrer Heimatinsel erfahren sie indes nichts. In den Han-chinesischen Chauvinismus hätte das taiwanische Geschichtsepos „Legacy“ als Unabhängigkeitserklärung wie eine subversive Bombe eingeschlagen. Doch am Premierenabend wird der Provokation der politische Boden entzogen. Unter den neuen Vorzeichen wird das Stück nun zur Steilvorlage für taiwanischen Stolz.

Lins Hang zu historisch und politisch kontroversen Stoffen lässt sich bis 1997 verfolgen. 1989 choreografiert er zu Ehren einer Anführerin der Demokratiebewegung auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens, Chai Ling, das Solo „Requiem“ der Tänzerin Lo Man-fei. Und erst 1997, im Alter von 50 Jahren und 10 Jahre nach Aufhebung des Kriegsrechts, gelingt es ihm, die Erfahrungen seiner Jugend zu verarbeiten.

„Portrait of the Families“ beginnt dort, wo „Legacy“ aufhört: mit einem Drachentanz, der den inneren Zusammenhang der Stücke andeutet. Fotos von Taiwanern, sowohl von alteingesessenen als auch von mit der Kuomintang angekommenen, werden auf den Bühnenhintergrund projiziert, dazu laufen O-Töne, in denen die Menschen ihre Geschichten und ihr Leid aus der Zeit des 28. Februars 1947 und des „weißen Terrors“ schildern. Der Tanz verdichtet sich zu eindrücklichen Bildern, wie jenem von an Stangen hängenden und um ihr Leben zappelnden Menschen, die langsam, einer nach dem anderen, leblos zu Boden fallen. Oder dem eines auf der komplett verdunkelten Bühne beleuchteten Arms, der sich windet, zittert, anklagend auf jemanden zu zeigen scheint, und sich dann wieder krampfhaft verzerrt, bevor ihn die Dunkelheit verschluckt.

Die Elegie „Portrait of the Families“ spiegelt wider, wie sehr die stickige politische Atmosphäre Taiwans in den 60er Jahren Lin in Bann hält, wie verantwortlich er sich für Taiwan fühlt und wie er seine journalistischen und schriftstellerischen Erfahrungen für den Tanz nutzbar macht. Und nicht zuletzt lässt er mit „Portrait of the Families“ den reaktionären Nationalismus hinter sich, den man ihm in „Legacy“ als Antwort auf den Han-chinesischen Chauvinismus anlasten kann. In „Portrait of the Families“ steht menschliches Leid im Vordergrund, das von Alteingesessenen und Zugezogenen gleichermaßen. Nachdem er in „Legacy“ die Würde Taiwans entdeckte, geht es Lin nun um die Würde der Taiwaner, ungeachtet ihrer Herkunft oder des Zeitpunkts der Migration.

„Ihr müsst euch verwurzeln!“, ruft Lin, während er die Stirnseite der Bühne abläuft, um die Körperhaltung seiner Tänzer im Profil zu betrachten. Damit das Publikum die Projektionen von schwarzen Wolken, die an fließende Tinte erinnern, auf dem Bühnenboden sehen kann, steht die Bühne gekippt in einem Winkel von acht Grad. „Ballett ist Angeberei, man plustert sich auf“, fügt er hinzu und zündet sich energisch eine Zigarette an.

Schon mit „Nine Songs“ (1993) nimmt Lins Werk eine Wendung. Zwischen 1988 und 1991 pausiert Cloud Gate. Lin reist lang und viel, besonders in Indien. In „Nine Songs“ fließen buddhistische Ströme aus Tibet, Indien, Japan und China zusammen. Noch deutlicher tritt die Suche nach religiöser Erleuchtung in dem meditativen „Songs of the Wanderers“ (1994) zutage, das lose an Hermann Hesses „Siddhartha“ angelehnt ist und von dem Lin sich wünscht, dass es nach seinem Tod auf der Gedenkfeier gespielt wird.

Völlig neue Wege schlagen die „Cursive“-Trilogie (2001; 2003; 2005) und „Water Stains on the Wall“ (2010) ein. Sie sind „nach innen gerichtet“, wie es Lin ausdrückt. „Ich bin erwachsen und freier geworden. Ich habe mich von der literarischen Vorstellung verabschiedet, eine Geschichte erzählen zu müssen.“ Tatsächlich verschwinden politische Stoffe völlig aus seinem Werk. Lin begibt sich nun, nachdem er in Taiwan seinen politischen Frieden gefunden hat, auf die Suche nach der größtmöglichen künstlerischen Freiheit. Weniger kraftvoll sind seine Inszenierungen deswegen nicht.

Cursive, auf Deutsch Grasschrift, ist eine Schriftart der chinesischen Kalligrafie. Sie gilt als die Schriftform, die mehr Wert auf individuellen Ausdruck als auf Lesbarkeit legt. Auch der Titel „Water Stains on the Wall“ spielt auf ein Gespräch zwischen zwei Kalligrafen der Tang-Dynastie (618-907) an. So wie das Chinesische eine ideographische Schrift ist, also im Gegensatz zum lateinischen Alphabet nach den Sachen selbst greift und nicht nach deren Lauten, bewegen sich Lins Tänzer frei, nur durch ihre Atmung geleitet, und malen ein expressives Stimmungsbild auf die Bühne. Nur folgerichtig ist es, dass in „Water Stains on the Wall“ die Musikcollagen des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa den Tänzern keinen Takt diktieren, sondern lediglich die Expressivität unterstreichen.

Untertitel

Water Stains on the Wall: es geht um die emotionale Eigenwelt der Tänzer, nicht darum, Geschichten zu erzählen

Lins Inszenierungen gehören damit zu einer Spielart des zeitgenössischen Tanzes, die auch in Europa zunehmend an Popularität gewinnt und sich etwa bei Mathilde Monnier, dem Künstlerduo Deufert und Plischke oder auch William Forsythe zeigt. Die Tänzer tragen hier keine Rollen, Tanzen verweist nicht mehr auf etwas anderes, sondern ist sich bewegendes Denken. Der Sinn des Tanzes entsteht – und zerfällt – situativ in dessen Sinnlichkeit. Lins Tänzer bewegen sich nicht für das Publikum, richten sich nicht nach Erwartungen, sondern nur nach ihrer emotionalen Eigenwelt. Autisten sind sie trotzdem nicht. Denn ihre Klarheit und Konzentration sind mit den Händen zu fassen und übertragen sich auf den Zuschauer.

Mit dieser Tanzart fordert Lin sehr viel von seinem Ensemble. „Alle meine Tänzer haben Ballett und Modern Dance studiert. Aber sobald sie zu Cloud Gate kommen, lernen sie Qigong, Kalligrafie und Gongfu. Und Gongfu ist nicht nur ein Begriff für alles, was man sich hart erarbeitet hat, sondern auch für freie Zeit und Muße“, lächelt Lin, bevor er seine Truppe entlässt und sich mit Weihrauchstäbchen zu Buddha in den Gebetsraum verabschiedet.