The Yes-Men

Wie führt man die größten Konzerne der Welt an der Nase herum? Die Yes-Men machen es vor. Dieser Artikel erscheint hier mit freundlicher Unterstützung von waahr.de.

Ausschlafen und ein vernünftiges Frühstück – schon mal zwei der Dinge, die du vergessen kannst, wenn du Polit-Aktivist werden willst. Bisschen Zeit mitbringen – das kommt auch gut, denn Aktivisten sind nicht immer pünktlich. Aber wer bin ich, mich zu beschweren? Che Guevara rannte mit Asthma und Malaria durch den Dschungel, bevor er das geknechtete kubanische Volk befreite.

Es ist vier Uhr morgens, sehr dunkel noch, ich stehe am Columbus Circle in New York, Ecke Broadway und 60. Straße, und warte auf die anderen. Das Problem: Weder weiß ich, wer die anderen sind, noch, was wir gleich tun werden. Aufstand? Umsturz? Revolution? In der letzten E-Mail, vor ein paar Stunden angekommen, stand nur, ich solle mich bereitmachen für:
etwas sehr Großes
etwas sehr Besonderes
etwas sehr Lustiges
etwas sehr Ernsthaftes.

Absender waren die Yes Men, zwei Aktivisten aus New York, die in den vergangenen Jahren vor allem dadurch bekannt wurden, dass sie unter falschen Namen auf Konferenzen zum Welthandel auftauchen und dort im Namen großer Konzerne oder Organisationen, die sie als ausbeuterisch beurteilen, die unglaublichsten Vorträge halten. Das Duo serviert seinen Gegnern PR-Desaster, indem es deren Verhalten ins Fratzenhafte verzerrt – oder ihnen plötzliche Selbsterkenntnis unterstellt: Als „offizielle Vertreter“ der Welthandelsorganisation WTO kündigten die Yes Men auf einer Konferenz in Sydney mal deren Auflösung an („Weil wir erkannt haben, dass unser System ungerecht ist und nur den Interessen multinationaler Firmen dient“); in Salzburg traten sie vor Wirtschaftsvertretern für den freien Handel mit Wählerstimmen ein (kein Widerspruch aus dem Publikum); auf einem Vortrag in Finnland überzeugten sie Textilhändler davon, ihre Standorte nach Gabun zu verlegen und die Produktion dort für ein paar hundert Dollar im Jahr von „modernen Sklaven“ erledigen zu lassen („Kosten für Ernährung und Unterkunft sind da schon mit drin“). Auch ein Siesta-Verbot in Spanien haben die Yes Men mal verlangt – sollte das Bruttoinlandsprodukt ankurbeln.

Mühsam eindringen wie Diebe in der Nacht mussten die Yes Men zu den Tagungen nie. Man lud sie ein, nachdem sie Websites ins Internet gestellt hatten, die denen von McDonald‘s, Shell oder Dick Cheneys Lieblings-Militärzulieferer Halliburton ähnelten. Die Veranstalter recherchieren meist nur oberflächlich, selten fragen sie genauer nach, wenn Vertreter von Exxon- Mobil oder der WTO sich als Gäste bereitstellen – eher sind sie dankbar, dass so ein Marktgigant mal vorbeikommt. Verklagen konnte die Yes Men bislang keiner; es war ihnen nichts Kriminelles nachzuweisen.

Dabeisein bei dieser Truppe will ich, seit ich vor ein paar Jahren einen Typ namens Jude Finisterra im Fernsehen sah. Er trat bei BBC World auf, angeblich Pressesprecher des Unternehmens Dow Chemical. Zum 20. Jahrestag der Chemie-Katastrophe von Bhopal, bei der 1984 aufgrund fahrlässiger Sparmaßnahmen tonnenweise Giftgas frei wurde und mehr als hunderttausend Menschen tötete oder verletzte, erklärte Finisterra überraschend: Dow Chemical übernehme nun endlich die volle Verantwortung und werde den Opfern eine „längst überfällige Entschädigung in Höhe von zwölf Milliarden US-Dollar“ zahlen. BBC vermeldete das sofort als „Breaking News“.

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Jude Finisterra war Yes-Men-Gründer Andy Bichlbaum mit sauber gescheiteltem Haar und einem Anzug, den er sich zwei Tage vorher für 50 Dollar bei der Heilsarmee besorgt hatte. Das war Polit-Aktivismus, wie man ihn noch nicht gesehen hatte – schnell, smart, lässig. Es war wie etwas, was sich die Beastie Boys und die Pariser Situationisten-Künstlergruppe hätten ausdenken können: Hiphop-Aktivismus! Dass Jude Finisterra die Art Bösewicht-Name war, die sonst nur in Star-Wars-Filmen vorkommt, hatte bei der BBC niemanden stutzig gemacht.

Bichlbaum und sein Partner Mike Bonanno sollen mich heute zum Yes Man machen. Das Problem ist nur, dass jetzt – mittlerweile ist es zwanzig nach vier – noch immer keiner der beiden ans Telefon geht. Dafür haben sich ein paar Leute eingefunden, die offenbar auch Yes Men werden wollen. Oder Yes Women. Sie alle wurden übers Internet benachrichtigt, das wichtigste Medium der Gruppe. Da ist Robert aus Texas, Student der Wirtschaftswissenschaften; da ist Kegan, ein Schauspieler aus Brooklyn; da ist die Rentnerin Jane, eine Psychologin, die schon bei den Studenten-Aktionen im Berkeley der 60er-Jahre dabei war; da sind Hans, Jonathan, Laura und Jeanne. Kaum eine Handvoll – aber die Typen, die 1789 die Pariser Bastille stürmten, waren am Anfang auch keine Armee. Nun allerdings, wo es immer später wird, regen sich Zweifel, ob überhaupt irgendwas passieren wird.

„Die Polizeiwagen da drüben machen mich nervös“, sagt Jane. „Was, wenn das eine Falle ist?“ „Eine Falle von wem denn?“ fragt Robert. „Den Rechten natürlich“, sagt Jane. „Die infiltrieren doch momentan alles, um Obama zu schaden.“ „Und schreiben E-Mails und Twitter-News im Namen der Yes Men? Come on!“, sagt Laura. „Kennt denn einer von uns einen der Yes Men persönlich?“ will die kritische Jane wissen.

„Ja“, sage ich und wähle Andys und Mikes Nummern erneut. Wieder nur die Mailbox. Erst vor ein paar Tagen hatte ich Andy getroffen, aber auch da war er praktisch kaum ansprechbar gewesen. Schwitzend saß er in dem kleinen Büro, das ihm die Kunstschule Parsons für seinen Job als Professor für Digital-Design bereitstellt. Ständig klingelte das Telefon, ständig gingen E-Mails ein, ständig starrte Andy auf den Bildschirm seines MacBook. Yes Man zu sein heißt mittlerweile auch, Stress Man zu sein. Andy kümmerte sich gleichzeitig um den Vertrieb des neuen Yes-Men-Films „The Yes Men Fix The World“ (gewann auf der Berlinale 2009 den Publikumspreis); er war auf der Suche nach weiteren finanziellen Unterstützern (das meiste Geld bekommen sie von Stiftungen und privaten Spendern, einer soll der Trompeter Herb Alpert sein); und er bereitete die Aktion vor, die heute angeblich losgehen soll: das große, besondere, lustige, ernsthafte, mysteriöse New-York-Ding eben.

Viel ist passiert, seit Andy und Mike vor zehn Jahren die Yes Men gründeten. Andy sagt, es sei vor allem eine Geschichte von Zufällen. Ich finde, es ist eine Geschichte von Neuerfindung und Suche, vom lockeren Umgang mit Identitäten und von Pop, der eher spielerisch Politik wird. Eine sehr amerikanische Geschichte eigentlich.

Es beginnt schon damit, dass keiner der Namen, weder Bonanno noch Bichlbaum, echt ist, obwohl sie mittlerweile alle so nennen, selbst Freunde. Beides sind Pseudonyme. Bonanno heißt eigentlich Igor Vamos, kommt aus der Videokunst-Szene und lehrt Medienkunst; Bichlbaums wahrer Name ist Jacques Servin. Aber auch der ist ein Konstrukt, den sich Bichlbaums Vater ausgedacht hat, ein belgischer Jude, der über Kanada in die USA eingewandert war. Seinen alten Nachnamen, Swicziwsky, mochte er nicht so.

Bichlbaum wuchs in Arizona auf, und nachdem er, Thomas-Pynchon-Fan, es eine Zeitlang als Science-Fiction-Autor versucht hatte, wurde er Computerprogrammierer, „weil es der freieste Job ist, den man sich denken kann. Niemand kontrolliert dich, weil niemand weiß, was du tust. Fast macht es Angst, darüber nachzudenken, wie viel Macht ein Programmierer hat.“ Bichlbaum, der es nie länger als zwei, drei Monate in einem Job aushielt, nutzte die Freiheit, indem er im Computerspiel „SimCopter“ eine Belohnung fürs Erreichen des letzten Levels einbaute: den Anblick halbnackter, sich küssender Bodybuilder. Das Spiel war längst ausgeliefert, als die subversive Aktion bemerkt wurde, die das stereotype Männerbild in Computerspielen konterkarieren sollte; Bichlbaum wurde gefeuert. Ein paar Monate später stellten ihm Freunde einen Typen vor, der sich bei der Firma Mattel hatte anstellen lassen, um rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft die Sprachchips der Puppen Barbie und G.I. Joe zu vertauschen. G.I. Joe stöhnte nun: „Mathe ist sokompliziert!“ Und Barbie sagte, wenn man sie zärtlich drückte: „Die Rache wird mein sein.“ Der Mattel-Mann war Mike Bonanno. Kurze Zeit später hatten die beiden ihre erste Fake-Website eingerichtet: Willkommen bei der Welthandelsorganisation! Es dauerte nicht lange, bis die ersten Anfragen kamen. „Wir mussten nur warten, wie beim Angeln“, sagt Andy.

Es ist Bonanno, der jetzt, kurz nach halb fünf, endlich in einem dunklen Wagen am Columbus Circle bei den wartenden Yes Men und Women vorfährt. Mike trägt einen blauen Anzug, hat wirre Haare und etwas müde Augen – aber trotzdem Top-Laune. Er entschuldigt sich für die Verspätung, öffnet den Kofferraum und wirft 20 abgepackte Stapel der „New York Post“ auf den Asphalt. Alle glotzen. Das Blatt ist die „Bild“ von New York; die reaktionärste Boulevardzeitung der Stadt und erklärte Lieblings-Daily des Medientycoons Rupert Murdoch; der Feind also.

„Es ist natürlich nicht die echte New York Post“, sagt Mike und zieht ein paar Exemplare aus dem Stapel. WE’RE SCREWED; boulevardesk übersetzt: WIR SIND AM ARSCH steht in fetten Lettern auf der Titel-seite, die der echten „New York Post“ in Schriftart, Farbe und Layout gleicht. Nur drinnen sieht die Zeitung ein wenig anders aus: Statt reißerischer Sex-Crime-Celebrity-Storys stehen da von Wissenschaftlern und Fachjournalisten ausrecherchierte Texte zum Klimawandel: zum Schmelzen der Polkappen, zum Ende des Eisbärs, zur Kohleförderung, zum CO2-Ausstoß, zu alternativen Energiequellen – passend zur Klima-Woche, die gerade in New York stattfindet. 50 Grafiker und Autoren haben drei Monate lang, meist umsonst, daran gearbeitet. Gesamtkosten: 20.000 Dollar.

„Die verteilen wir jetzt zwei Millionen Mal in der Stadt, und zwar zuerst an Journalisten“, sagt Mike. „Ihr müsst irgendwie versuchen, in die Redaktionen der Fernseh- und Radiosender reinzukommen, damit die als erste von der neuen Post erfahren. Und die Tageszeitungen natürlich. Den Rest drücken wir jedem Fußgänger in die Hand. Ganz Manhattan muss geflutet werden.“

Einige Leute wirken kurz etwas enttäuscht. Sie hatten wohl auf die lustigen SurvivaBalls gehofft, eine Art Hüpfball-Anzug mit Ohren, der in den letzten Wochen immer öfter in den Mails der Yes Men aufgetaucht war. Sie hatten vielleicht nicht erwartet, wieder eine Zeitung zu verteilen wie im November letzten Jahres, als die Yes Men unter großem Applaus eine gefälschte „New York Times“ mit nur guten Nachrichten herausbrachten: „Irak-Krieg: vorbei“ stand da, „Bush wegen Hochverrats angeklagt“ und „Ölfirmen ExxonMobil und ChevronTexaco verstaatlicht“. Die „New York Post“ heute morgen liefert nun das genaue Gegenteil: keine Träume, sondern Fakten.

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„Und was ist mit den SurvivaBalls?“, fragt Hans. „Zuerst die Zeitungen“, antwortet Mike. Und ist dann auch schon wieder weg, nachdem er die Adressen vergeben hat, wo verteilt werden soll. Joanne, Laura und ich stürmen das CNBC-Hauptgebäude. Naja, stürmen – bis in die entscheidenden Etagen lässt uns der Concierge nicht, aber wir kriegen ihn soweit, dass er einen Stapel Zeitungen vom Hausboten hochtragen lässt. Die anderen drücken wir jedem Angestellten in die Hand, der in den nächs-ten Stunden das Gebäude betritt. Sie sind zuerst skeptisch, schließlich ist es die „Post“, schauen dann aber genauer hin und sind überrascht: Ein Mistblatt, das sich plötzlich für das Schicksal der Welt interessiert? Was ist da denn passiert? Und als Stunden später jeder zweite New Yorker mit der neuen „Post“ durch Manhattan läuft und sich die Titelzeile ins Stadtbild schreibt, wirkt es, als sei es gar nicht so absurd, würde sich ein Boulevardblatt zur Klima-Woche mal mit wirklich überlebenswichtigen Themen beschäftigen.

Ein kurzes, schnell geschnittenes Spiel mit der Realität: So vor allem funktioniert die „Identitätskorrektur“, die die Yes Men zur Perfektion gebracht haben. So war es auch bei der berühmten Dow-Chemical-Aktion. Natürlich dementierte der Konzern eine Stunde später die Nachricht, er würde zwölf Milliarden Dollar an die Opfer zahlen – aber es war ein sehr peinlicher Akt für die Firma. Und in dieser Stunde hatte Bichlbaums Auftritt viel erreicht. Er hatte geschafft, dass die Welt kurz daran geglaubt hatte, ein Konzern wie Dow könne auch mal was Gutes tun. Er hatte bewiesen, dass dies in der heutigen Marktwirtschaft sofort mit fallenden Aktienkursen bestraft wird – innerhalb von 25 Minuten verlor der Konzern zwei Milliarden US-Dollar an Wert. Und die Yes Men hatten die Welt erneut an Bhopal erinnert und an die Verantwortungslosigkeit der Firma. Auch in Indien waren ihm die Geschädigten dankbar. Zwar gab es am Ende kein Geld, aber endlich hatte mal wieder jemand an sie gedacht!

Die Yes Men haben eine alternative Denk-Möglichkeit geschaffen. Mit dem, was sie tun, weisen sie uns darauf hin, dass die Realität, die uns umgibt, nichts Feststehendes ist. Sie ist änderbar. Wenn wir handeln.
„Und? Die Post von heute schon gelesen?“, frage ich meinen Tischnachbarn, als ich nach der Arbeit im Diner schnell ein Bagel mit Cream Cheese esse. „Ja, aber heute war sie irgendwie komisch – nur Umweltzeugs drin. Ich wollte echte Nachrichten haben.“ „Aber was könnte denn echter sein als ein Bericht über die klimazerstörende Wirkung von Kohlekraftwerken? Manhattan wird untergehen, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Da kann Bruce Willis dann auch nix mehr machen.“ „Mag sein, dass Sie recht haben. Ich les’ es vielleicht später noch mal. Aber die Sportergebnisse hätten mich trotzdem interessiert.“ „Die Jets haben gewonnen.“ „Toll!“

Es fühlt sich gut an, hier zu sitzen, nachdem man ein Yes Man war. Man hatte irren Spaß, und die Bagel schmecken auch besser dann. Spaß allein aber genügt den Yes Men mittlerweile nicht mehr. Spätabends, bei einem Bier im „Schneider’s“ im East Village, erzählt Andy davon. Er ist erschöpft wie immer, aber im Großen und Ganzen zufrieden mit der Zeitungs-Aktion. Etwas über hundert Leute hätten teilgenommen, einem sei es gar gelungen, vor dem Gebäude der echten „New York Post“ Rupert Murdoch persönlich ein Exemplar in die Hand zu drücken. Dafür war der Aktivist kurz vom Sicherheitsdienst festgesetzt worden. Sowas, meint Andy, müsse in Zukunft viel öfter passieren. „Die augenblickliche politische Situation in Amerika ist soreaktionär, dass man mit lustigen Medienaktionen allein nicht weiterkommt.“

„Sondern?“ „Wir wollen, dass die Leute auf die Straße gehen.“ „Und gegen den Klimawandel demonstrieren? Gegen den Afghanistan-Krieg? Für höhere Löhne?“
„Viel mehr noch. Sie müssen bereit sein, Risiken einzugehen. Straßensperren zu errichten, Banken zu belagern, zivilen Widerstand zu leisten, sich einsperren zu lassen.“ „Glaubst du, dass sie so weit gehen werden?“ „Sie müssen. Weil sonst alles immer schlimmer wird.“

Dann redet er von den wahren Zielen der Yes Men: tiefgehende gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Verstaatlichungen von Banken, Ausweitung des Gesundheitssystems, Kontrolle des Finanzmarkts, strikte Umweltschutzauflagen, mehr Arbeiterrechte. Er zitiert die amerikanische Soziologin Frances Fox Piven und ihre These, dass Gesellschaften sich immer nur dann wesentlich verändern, wenn die Leute so verzweifelt sind, dass sie sich offen gegen den Staat stellen: Roosevelts New Deal in den 30er-Jahren, zu dem es nur kam, weil sich Bürgergruppen bildeten, die sich gegen Räumungen und Enteignungen wehrten; die Bürgerrechtsbewegung der 60er; die Weigerungen gegen die Vietnam-Einberufungsbefehle. „Die Zeit, die wir gerade erleben, unterscheidet sich in nicht viel von diesen Krisen“, sagt Andy. „Und ich glaube, dass Obama sich insgeheim wünscht, dass das Volk aufsteht und sich gegen die Macht der Konzerne erhebt. Ich glaube, dass er uns braucht, um mehr zu erreichen als ein paar gute Slogans.“ „Ist Obama ein Yes Man, Andy?“ „Das hoffe ich.“

Am nächsten Tag, zehn Uhr morgens, kommt es am Ufer des East River auf Höhe der 23. Straße dann doch noch zum Einsatz der SurvivaBall-Überlebensbälle, die sich die Aktivisten so gewünscht hatten. Etwa 20 von ihnen sind in die grotesken Kostüme geschlüpft, die von den Yes Men als Schutzanzug-Karikatur für gefräßige Manager-Typen entwickelt wurden. Darin könne ein Umweltzerstörer die Umwelt fröhlich immer weiter zerstören, weil ihm weder Feuer, Sintflut, Erdbeben noch Atomverseuchung gefährlich würden. Allerdings muss er dann auch rumlaufen wie ein grauer Teletubby.

Ob die Bälle funktionieren oder nicht, werden die Aktivisten gleich herausfinden, denn sie sollen ins Wasser des East River wackeln und zum etwa einen Kilometer entfernten UN-Hauptquartier rüberschwimmen, wo die Führer der Staaten dieser Welt gerade zum bevorstehenden Klimagipfel von Kopenhagen tagen. Dort sollen sich die SurvivaBalls ein paar Spitzenpolitiker greifen und dazu bringen, endlich bindenden Verträgen zuzustimmen.

Gerade, als sie ins Wasser wollen, passiert das, was Andy sich am Vortag gewünscht hat: Drei Boote der Küstenwache blockieren die Bälle, von der Straße aus tönen Polizeisirenen, über uns kreist ein Hubschrauber mit Scharfschützen. Der einsatzleitende Sergeant erklärt, er habe gerade einen Notruf bekommen, in dem es sinngemäß hieß, 20 übergroße Zwiebeln ungeklärter Herkunft hätten sich ins Wasser des East River begeben. Ob Mr. Bichlbaum das irgendwie spezifieren könne.
„Wir testen unsere Überlebensbälle für die nahende Umweltkatastrophe“, sagt Andy. Er bleibt ganz ernst dabei, wie damals, als er bei der BBC Jude Finisterra war. „Soso. Eine nicht angemeldete Demonstration und Störung also“, sagt der Polizist, lässt sich Andys Ausweis geben und verschwindet kurz im Wagen. Als er zurückkommt, nimmt er Andy fest. Es liege noch ein früherer Haftbefehl gegen ihn vor.

„Welcher denn?“ fragt Andy. „Sie sind mal mit dem Fahrrad durch den Washington Square Park gefahren. Das ist verboten, dafür haben Sie ein Ticket bekommen und nie bezahlt.“ Ein Yes Man, der wegen falschen Radfahrens verhaftet wird – das ist so absurd, dass Andy zum ersten Mal an diesem Tag aus seiner Rolle fällt und lachen muss. Auch dann noch, als die Handschellen zuschnappen. Bevor der Sergeant ihn abführt, drückt mir Andy schnell seinen Fahrradschlüssel in die Hand; daran hängt auch ein USB-Stick mit Foto- und Filmdateien von dem Polizei-Einsatz. „Kümmerst du dich darum?“ Die nächsten 24 Stunden wird er in Haft verbringen, ein treuer Märtyrer der Bewegung. Ich blicke Andy kurz nach, dann nehme ich sein Mountainbike und fahre los, quer durch New York zu Mike, der schon im Büro auf den Stick wartet. Der Wind bläst mir ins Gesicht, ich springe über Kantsteine, an Menschen, Hunden, Autos vorbei, schneller, immer schneller. Irgendjemand, den ich fast überfahren hätte, schreit mir was hinterher, aber ich drehe mich nicht um. Ich muss mich beeilen, ich bin ein Yes Man.

Marc Fischer zählt zu den Vorreitern des Popjournalismus in Deutschland. Er schrieb unter anderem für Tempo und den Spiegel; die gesammelten Reportagen sind 2012 unter dem Titel “Die Sache mit dem Ich” bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.